Ohne Jacke Im November? Über Selbstbestimmung, Coregulation Und Macht

Die kalte Jahreszeit ist angebrochen. Die letzten Wochen kam die Sonne -hier bei uns- immer mal wieder wärmend durch, aber jetzt ist damit endgültig Schluss für dieses Jahr, und ich hole mir meine Winterjacke, den Schal und die Stiefel aus dem Kleiderschrank. Und für mein Kind? Immer wieder schreibe ich davon, dass unsere Tochter selbstbestimmt lebt, da ist es nur logisch, dass sie auch über ihre Kleidung entscheidet.  Ja. Eigentlich.

Ein so kleines Kind, das trifft doch aber auch mal eine falsche Entscheidungen, und kann gar nicht abschätzen, wie schnell so eine Unterkühlung eigentlich passiert, sagst du jetzt. Und den ganzen Winter im Haus bleiben, weil die Hose nicht angezogen werden will, geht ja auch nicht.

Sehe ich ähnlich. Deswegen Coreguliere ich bei diesem Thema stärker, als bei den meisten anderen Dingen.

Der Mythos Von Den Ohrenschmerzen

Aber fangen wir vorne an. Eigentlich ist es überhaupt nicht verkehrt, das Kind (mit) entscheiden zu lassen, was es anzieht, egal welche Jahreszeit. Also kann Nana das auch tun.

Wenn meine Tochter dann draußen keine Mütze trägt, was im letzten Winter übrigens deutlich öfter der Fall war, als bisher in diesem Jahr, dann kommt eigentlich IMMER irgendjemand vorbei, der mich zu warnen meint, dass meine Tochter Ohrenschmerzen bekommen wird. Oder mindestens eine Erkältung.

Ich habe darüber schon mal eine wirklich lange und breite Diskussion in einer Müttergruppe geführt. Seitdem verfolgt mich das irgendwie.

Jedes Mal frage ich mich, warum sich dieser Irrglaube so hartnäckig hält. Beziehungsweise, warum Einzelerfahrungen so penetrant als allgemeingültige Tatsachen postuliert werden müssen.

Weder eine Ohrenentzündung noch eine Erkältung kommt von Kälte. Und auch nicht von Zugluft.

Beides KANN wohl dazu beitragen, dass das Immunsystem weniger effektiv arbeitet, ergo wir schneller krank werden könnten, aber es braucht den Kontakt mit entsprechenden Viren oder Bakterien, damit es auch tatsächlich zur Krankheit kommt. Und wenn der Kontakt mit den Erregern erstmal erfolgt ist, dann ist die Mütze in den seltensten Fällen die Rettung.

Klar gibt es Kinder (und auch Erwachsene!), die anfälliger für Krankheiten sind, und dann ist warm eingepackt zu sein, um das Immunsystem nicht unnötig zu schwächen, sicher eine sinnvolle Vorkehrung. Würde ich dann auch drauf achten -Aber von Einem lässt sich eben nicht auf alle schließen.

Meine Tochter hat sogar ein sehr gutes Immunsystem.

In zwei Jahren kann ich von gerade einmal vier richtigen Erkältungen berichten. Mit den Ohren hatte sie trotz oft fehlender Mütze noch nie etwas.

Wenn ich also ihre Kleidung Coreguliere, dann geht es mir NICHT um die Wahrscheinlichkeit oder Möglichkeit, krank zu werden; im Gegenteil, ich bin mir ziemlich bewusst darüber, dass das nicht viel miteinander zu tun hat.

Aber worum geht es dann?

Dein Körper. Dein Empfinden.

Eines ist ziemlich sicher: Niemand weiß besser, ob mir kalt ist, als ich selbst, und dasselbe gilt natürlich auch für mein Kind. Egal wie alt sie ist. Sie spürt Wärme und Kälte, und zeigt das natürlich. Jedes (gesunde) Kind macht auf sich aufmerksam, wenn etwas an der Temperatur nicht stimmt. Und mit fast zwei Jahren, sagt sie mir inzwischen auch mit Worten, wenn ihr kalt oder warm ist.

Ihr Körpergefühl kann ich ihr nicht absprechen. Will ich auch gar nicht, denn die eigene Empfindung ist etwas sehr Wertvolles.

Solange ihr nicht kalt ist, kann die Jacke also ausbleiben!

Es kam in letzter Zeit aber immer häufiger vor, dass sie sagte, dass ihr kalt sei, dass sie sogar zitterte, und die Jacke trotzdem verweigerte. Und in diesen Momenten habe ich eingegriffen und ihr die Jacke doch angezogen. Oder wenigstens schon mal den Schal, und die Jacke nach etwas Überredungskunst. Spätestens, wenn ICH es nicht mehr aushielt, weil ich SEHE und HÖRE, dass ihr kalt ist und Verantwortung übernehme. Verantwortung, die ich nicht meinem Kind überlasse. Ihr gar nicht überlassen kann.

Für mich macht es einen großen Unterschied, ob mein Kind NICHT friert und keine Jacke haben möchte  (DAS ist okay, Egal ob MIR kalt ist!) – Oder ob mein Kind offensichtlich friert, und TROTZDEM nicht angezogen werden will.

Im zweiten Fall sehe ich ganz klar meine Verantwortung, weil ihr (noch) der Weitblick für ihre Entscheidungen und die Reflexion ihres Unwillens fehlt. So wie ich meiner Tochter also die Windel wechsele, OBWOHL sie das nicht mag, weil ich verhindern möchte, dass sie wund wird, so bestehe ich bei unter zehn Grad und schlotterndem Kind auf Jacke und Schuhe, weil ich einfach nicht möchte, dass sie unnötig friert und ihren Körper damit belastet.

Natürlich. Auch Frieren ist eine Erfahrung.

Eine Erfahrung, die uns unseren Körper und seine Grenzen kennen lässt. Eine Erfahrung, die mein Kind machen kann und will, aber die wiederum ICH in ihrem Alter einfach noch im Blick behalten und eng begleiten möchte. Bei einem fünf oder sechs jährigen Kind ist das später nochmal etwas ganz anderes, als bei einem Kleinkind, finde ich. Zumal sie letztes Jahr noch eingemummelt im Buggy im Fußsack lag, dieses Jahr NUR läuft -und gar nicht einschätzen KANN, wie schnell ihre Füße auskühlen können.

Ja, es ist gemein meine Erfahrungen über ihre zu stellen. Ich versuche, mich so gut ich kann zurückzunehmen, sie eigene Erfahrungen sammeln zu lassen. Bei dieser Thematik fällt mir das zugegeben schwerer, als ich dachte.

Ich fühle mich nicht schlecht deswegen.

Schlecht fühle ich mich, würde ich mein Kind frieren lassen. Wir haben das an ein paar Tagen laufen lassen, und sie ist komplett ohne Jacke geblieben. ICH habe mich nicht gut gefühlt damit, habe ihre Jacke immer im Augenwinkel gehabt, und weil sie zitterte, sind wir auch früh wieder Heim.

Das ist auch kein Zustand.

Ich bewundere Eltern, die  ihre kleinen Kinder im Herbst/Winter (und überhaupt) das Wetter spüren lassen, die es hinkriegen, loszulassen und in diesem Punkt ganz zu vertrauen. Ehrlich. Ich finde es toll. Ich bin mir auch sicher, dass die Kinder ihre Sachen wollen, wenn sie ihre Grenzen erstmal selber kennengelernt haben. Und ich wünschte gerade, ich könnte das auch. Aber gleichzeitig finde ich es befremdlich, und dann weiß ich: ICH kann das nicht. Jedenfalls nicht im Moment. Vielleicht irgendwann, oder bei einem zweiten Kind.

Nana coreguliere ich also bei der Kleiderwahl vergleichsweise eng.

Dabei verlasse ich mich letztlich auf mein Bauchgefühl: Es gibt nicht DEN festgelegten Moment, in dem ich regulierend eingreife. Manchmal lasse ich sie länger ohne Jacke, manchmal kürzer, manchmal doch ganz. Ich schaue hin, schaue auf mein Kind. Höre auf das, was sie sagt, und entscheide situativ. Oft kommt es doch auch darauf an, wie kalt ich selber die Luft empfinde. Das ist im Moment für UNS ein guter Weg, damit umzugehen.

Einmal Hose, Pullover und Jacke Bitte: Lang Soll Es Sein

Meine Tochter hat noch kein großes Interesse in ihre Kleidung. Ein glücklicher Zufall ist außerdem, dass Nana pünktlich zum Herbst die Kleidergröße und Schuhgröße gewechselt hat. Sommersachen und Sandalen stehen dadurch aktuell gar nicht zur Auswahl.

Das ist gerade ziemlich praktisch.

Ob ich ihr aber ein grünes oder lilafarbenes Oberteil hinhalte, darauf reagiert sie nur sehr selten mit einer gezielten Entscheidung. Manchmal sucht sie sich ein Halstuch oder eine bestimmte Mütze, eine Jacke und Schuhe aus, ansonsten zeigt sie keinen großartigen Willen mitzusprechen. Die Coregulation passiert hier im Wesentlichen also schon automatisch durch das Angebot, das ich mache. 

Mir ist klar, dass das so nicht bleiben wird. Vermutlich nicht mal bis zum Ende des Winters. Wie wir es nächstes Jahr machen werden, kann ich nicht sagen. Vielleicht räumen wir die Sommersachen einfach aus dem Schrank. Ich finde es immer schwierig, beziehungsorientiert in die Zukunft planen zu wollen, denn Beziehungen und Denkarten verändern sich fortwährend. Wir werden also sehen.

Ganz selbstbestimmt lasse ich Nana outdoor bereits dieses Jahr über Mütze, Schal und Handschuhe entscheiden.

Jacke und Schuhe coreguliere ich.

Wobei die Schuhe uns keine Schwierigkeiten machen. Wenn wir rauswollen, gehört das Schuhanziehen einfach dazu. Bis vor Kurzem habe ich Nana auf Wunsch auf dem Spielplatz die Schuhe ausgezogen, jetzt bei Temperaturen weit unter zehn Grad bleiben die Schuhe an. Ich fühle mich besser damit. Nana hat in den letzten Tagen aber auch  selber nicht mehr danach gefragt.

Schwieriger ist es derzeit mit der Jacke. Bei Regen ziehe ich Nana die Jacke in der Wohnung an, das war schon immer so. Ansonsten kann das auch draußen passieren. Zumindest war das der Plan. Bis mein Kind zitternd vor mir stand, und trotzdem ‚Nein‘ sagte und weglief, als ich ihr lieber die Jacke anziehen wollte.  In letzter Zeit hat das  zu Tränen geführt, zu Kämpfen, die wir so eigentlich wirklich nicht haben wollen. Die mir leidtun. Und das ist einfach blöd.

Wir suchen deshalb gerade nach einer besseren Lösung.

Das Jackeanziehen in der Wohnung klappt interessanterweise oft einfacher, wenn ich ihr sage, dass es regnet und ich nicht möchte, dass sie ganz nass wird. Also wollen wir ihr die Jacke nun möglichst doch schon vorm Losgehen anziehen, eben genauso wie die Schuhe oder ihre Matschhose. Weil es im Vergleich weniger Stress bedeutet.

Obwohl ich eigentlich immer wollte, dass sie die Kälte spüren und selber entscheiden kann.

Im Moment merke ich aber, ich schaffe es nicht. Ich schaffe es nicht, meine Erwartung loszulassen, dass sie die Kälte doch fühlen und die Jacke anziehen wollen MUSS. Das ist erstmal MEIN Problem. Meine Baustelle. NICHT IHRE.

Für sie ist die Kälte nichts, vor dem sie sich schützen, sondern eine Erfahrung, die sie machen will. Eine Erfahrung, die ich sie aber (noch) nicht machen lassen kann, weil ICH das nicht aushalte. Bämm! Das sitzt. Und ist gleichzeitig total wichtig.

Es ist wichtig, dass ich sehe, dass das Problem NICHT mein Kind ist.

Das Problem sind meine Ängste, meine Sorgen, meine Glaubenssätze.

Die Jacke ist also ein Konflikt, der erstmal da ist und für den wir im Moment eine Lösung finden müssen,  mit der wir alle irgendwie Klarkommen. Das Anziehen Innen scheint uns gerade eine gute Möglichkeit. Die letzten paar Tage hat das für uns nämlich gut funktioniert. Und es hat sich besser angefühlt, als das Erwarten und das Überreden und Grübeln draußen mit Jacke in der Hand, fremden Blicken im Nacken und einem verneinenden zitternden Kind. So ein Eingeständnis fällt nicht leicht, aber es gehört dazu.

Angezogen Werden

Es ist die Sache mit der Verantwortung, das Grübeln darüber, weswegen ich mich schwertue, Nana selbstbestimmt über ihre Jacke entscheiden zu lassen.

Neben der Schwierigkeit zu ertragen, dass das Kind die Kälte spüren WILL, gibt es aber noch einen zweiten Punkt, der mich derzeit sehr beschäftigt: Das Jacke anziehen steht hier seit Kurzem nämlich im Zusammenhang mit der gesamten Anziehthematik.

Es ist so: Es geht Nana nicht um DIE Jacke, nicht ums ANGEZOGEN SEIN. Das stört sie überhaupt nicht. Wenn sie die Jacke erstmal trägt, dann fragt sie gar nicht danach, sie wieder ausziehen zu können. Wenn ich sie ihr draußen angezogen habe, dann bejahte meine Tochter nach dem ersten Frust, dass es wärmer ist, hörte auf zu zittern, sah nicht unglücklich aus. Seit ein paar Tagen findet sie es mega cool, ihre Hände in die Jackentaschen zu stecken.

Das eigentliche Problem ist das ANGEZOGEN WERDEN.

Besonders merke ich das im Umkehrschluss an der Mütze und den Schuhen: Die sind nämlich überhaupt gar kein Problem, weil ich nicht dabei helfen brauche. Wenn Nana sich ihre Schuhe mal nicht von mir anziehen lassen mag, dann nimmt sie stattdessen einfach die Gummistiefel. DIE kriegt sie schon ganz alleine an. Genauso unproblematisch ist es neuerdings mit der Mütze. Die gebe ich ihr und sie setzt sie sich einfach selber auf, wenn ihr kalt ist.

Angezogen Werden geht im Moment dagegen gar nicht. Klar, gerade jetzt am Anfang der Autonomiephase. Sie mag das nicht. Generell nicht, auch nicht, wenn es um Hose und Pullover geht. Auch die Windel ist phasenweise wieder richtig doof, obwohl Trockenwerden noch kein Thema ist.

Das ist im Grunde ja auch total verständlich. Ich sehe ihre Not.

Ich möchte auch nicht m a c h t l o s dastehen, während jemand an mir herumzuppelt, selbst wenn das ein total lieber Mensch ist.

Am liebsten ist meine Tochter also nackt, wie wohl die meisten Kleinkinder irgendwann. In der Wohnung geht das. Draußen nicht. Schon gar nicht im Winter.

Willkommen Dilemma.

Nana möchte ihre Jacke und  die Hose und den Pullover also nicht anziehen, obwohl sie selbst mir sagt, dass ihr kalt ist, nicht nur der Erfahrung wegen, sondern auch weil sie nicht angezogen werden mag. So. Und in diesem Moment setzt bei mir das Denken ein: Die ständige Frage nach den Grenzen der kindlichen Selbstbestimmung, nach Coregulation und Verantwortung.

Ich will nicht, dass mein Kind friert (oder im Haus bleiben muss), weil sie meine Hilfe beim Anziehen nicht haben mag.

Ja, ich bin mir ziemlich sicher, könnte sie es schon alleine, würde sie die Jacke draußen Anziehen, wenn sie friert. Es klappt aber einfach noch nicht. Genauso wenig, wie sie es hinkriegt alleine die Hose und den Pullover anzuziehen. Manchmal versucht sie es. Und manchmal will sie dann Hilfe. Oft führt das letztendlich aber zu noch mehr Frust. Sie will, aber kann nicht und muss sich schrecklich hilflos fühlen -Was sich im Verweigern äußert. Das einzige Mittel, das ihr bleibt.

Genausowenig will ich ihr Verantwortung dafür übertragen, ob wir rausgehen oder zuhause bleiben, und wie unsere Stimmung damit steht und fällt. Besonders dann, wenn Nana selber raus will, nicht angezogen werden mag, ich sie lasse (weil selbstbestimmt!?) und wir dann zuhause bleiben, wäre das nicht weniger gemein. Ich würde ihr dann die Schuld geben. Schuld, die sie nicht hat, nicht haben soll.

Also ziehe ich sie an. Die Hose. Den Pullover. Und immer öfter auch die Jacke.

Alles was ich tun kann, ist das Prozedere so angenehm, wie möglich zu gestalten. Mit Einbindung und vielen ‚GuckGuck, wo ist denn der Fuß?‘. Mit Ablenkung, mit Spaßhaben und Zeitlassen und gute Momente finden. Ein Nein hinnehmen und nochmal fünf Minuten warten. Nach Möglichkeit bleibt der Schlafbody einfach an, ja wir wechseln nur die Kleidung, die nötig ist. Und ich suche Klamotten aus dem Schrank, die möglichst schnell angezogen werden können. Mit weiten Öffnungen zum hineinschlüpfen, statt dass ich viel zurechtrücken muss. Es klappt besser, wenn sie selbst eine Beschäftigung dabei findet, als wenn ich ihr etwas Suche, mit dem sie sich ablenken soll. Manchmal klappt es auch, nachdem sie es selber probieren konnte. Nicht weniger wichtig: Erklären und Klarheit. Eigene innere Klarheit über das, was ich gerade tue. Darüber, dass es richtig ist. Jetzt Gerade. Für Uns. In diesem Moment.

Über Macht Und Selbstverständlichkeit

Manchmal schaffe ich es nicht, den Moment perfekt abzupassen und zu gestalten, dass das Anziehen tränenlos bleibt. Es gibt es diese richtig doofen Tage, da ziehe ich ihr den Pullover gerade über den Kopf, und Nana schreit, weint und strampelt plötzlich. Normalerweise breche ich dann ab. Aber: Ich würde Lügen, wenn ich jetzt behaupte, dass ich in diesem Augenblick noch nie die Ärmchen trotzdem schnell durch die Ärmel gefädelt hätte.

Habe ich. Und es fühlt sich mies an.

Wenn wir raus wollen (Nana auch!) und der Pullover im fünften Anlauf endlich über den Kopf ist, ja dann will ich es manchmal aber einfach hinter mich bringen. Solche Situationen sind nicht schön, aber sie passieren. Jedem. Wichtig ist, weiterzumachen. Weiterzulieben. Weiterzureflektieren.

Unerzogen, das bedeutet den Verzicht auf MachtMISSBRAUCH. Tatsache ist: Eltern haben Macht, und der Grat zwischen Missbrauch und sinnvollem Einsatz (Schutz, Verantwortung) ist manchmal richtig schmal.

Wenn wir raus wollen, auch mein Kind, wenn wir uns einen schönen Tag machen wollen, aber ich sie nicht bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ohne Pullover rauslassen kann und WILL, und die Alternative für uns nur sein kann, zuhause zu bleiben, obwohl mein Kind doch schon vom Spielplatz spricht – Ist es dann Missbrauch oder Sinnhaft, sie anzuziehen?

Ich denke, hierauf hat jeder eine eigene, eine etwas andere Antwort. Ich persönlich denke viel darüber nach, gerade in den letzten paar Tagen, da das Thema bei uns so aktuell ist. Ja, ich GEbrauche meine Macht an dieser Stelle (Und ich tue, alles was ich kann, nicht übergriffig dabei zu werden!). Ich überzeuge meine Kind sich anziehen zu lassen, obwohl es nicht mag, weil ich einen SINN darin sehe, der mir an diesem Punkt, auf dem ich auf meinem Weg gerade stehe, richtig erscheint. Es ist nicht optimal, aber okay.

Dabei ist es mir wichtig, dass ich das Willenbrechen (denn das ist es!) NIEMALS als Selbstverständlichkeit annehme.

Als Notwendigkeit in manchen Situationen. Als kleineres Übel. Ja. Aber nie, wirklich niemals als Selbstverständlichkeit!

Es ist NICHT selbstverständlich, einen Willen zu brechen, nur weil ich Mama bin. Es ist GEMEIN.

Dieses Bewusstsein habe ich, bewahre ich, und ich rede auch mit meinem Kind darüber. Sie soll weinen. Sie soll wütend sein. Ja, sie soll mich so richtig doof finden, wenn ich tue, was sie nicht mag. Das soll sie sich bewahren, denn es ist unheimlich wichtig! Und sie soll mir das bitte immer wieder vor Augen halten, damit ich daraus lerne und wachse und achtsam bleibe. Damit ich nicht vergesse, dass es gemein ist. Damit ich nicht vergesse über andere Lösungen nachzudenken, und vielleicht eine zu finden.

Ich entschuldige mich, wenn es doof läuft. Ich gebe ihrem Frust Raum. Ich bedanke mich, wenn sie kooperiert, bei dieser Sache, die uns beiden echt schwer fällt.  Und ja ich denke wieder und wieder darüber nach, ob wir eine bessere Lösung finden können. Ob die Jacke heute doch ausbleiben kann, solange sie es will. Ob wir, wenn sie gar nicht mag, lieber auf den Balkon gehen, wo sie nackt bleiben und schnell wieder rein kann, und dort im Sand spielen. Vielleicht mit einer Decke. Auch das ist Teil von Unerzogen, vom in Beziehung bleiben. Es ist ein Weg. Oft ein gar nicht Einfacher. -Und wie ich gerade feststellen muss, in der kalten Jahreszeit, in der es mit einem luftigen Sommerkleidchen nicht getan ist, sogar ein besonders schwieriger. Xx Fiona

Update: Ich habe es geschafft, meine Ängste loszulassen. Nana entscheidet selbstbestimmt über ihre Jacke und hat mir inzwischen gezeigt, dass meine Sorgen überflüssig waren. Sie brauchte Zeit, sich auszuprobieren und sich frei und ernstgenommen zu fühlen. Nachdem wir es geschafft hatten, sie entscheiden zu lassen, hat sie angefangen von alleine nach der Jacke zu fragen. Sie brauchte die Freiheit und es war die beste Entscheidung, sie ihr zu geben. Fürs Anziehen von Hose und Oberteil haben wir aktuell auch wieder eine gute Lösung gefunden: Nana steht dabei am Fenster, schaut raus, oder malt.

5 Kommentare

  • Cheriou

    Uns hilft es wenn ich sage warum ich will dass mein Sohn die Jacke anzieht. Du bist verschnupftkrank und es ist kalt draussen. Sonst wenn er gesund ist warte ich bis er draussen unruhig wird und Frage ob ihm kalt ist und er die Jacke anziehen möchte. Scheele Blicke der Passanten inklusive. Er ist 2 Jahre und 4 Monate alt spricht aber noch kaum Wörter. Auch hilft es uns dass ich die Sachen soweit möglich körpernah rumschleppe. Unter meinem Mantel, in der Hosentasche. Die sind dann warm das ist angenehm wenn ihm z.B. die Finger kalt sind. Die Mütze mag er gern wenn er vor Wind die Ohren zu hält. Manchmal auch meine, dann tauschen wir. Er zeigt also deutlich an was er will. Vielleicht hilft euch der Tipp mit den Mama oder Papa körperwarmen Winter Accessoires wie Mütze und Handschuhe ja weiter. Die normale Kleidung liegt bei uns vorher auf der Heizung und wenns gar nicht anders geht dann kommen die Anziehschlangen zum Einsatz… Meine Hände, die erklären auch genau was sie machen. Mit vollem Maul, wenn grad der ärmel angezogen wird findet er sehr unterhaltsam und manchmal singe ich dabei das zwei lange Schlangen Lied.

  • Ilka

    Das Problem kenne ich auch nur zu gut…. Notfalls wird die Jacke halt von uns angezogen. Selber Reinschlüpfen wenn man sie hinhält klappt ja und befriedigt zumindest etwas ihr Selbermachen Bedürfnis. Ich warte noch drauf, dass sie das irgendwann so hinbekommt wie in diesem Beitrag http://www.elternvommars.com/2014/08/5-sekunden-montessori.html vielleicht hilft euch der Trick ja
    Lg

  • Ich erkenne mich bzw. uns in diesem Text so stark wieder!
    Wir versuchen auch, unser Kind (20 Monate) selbst entscheiden zu lassen, was es anzieht. Doch nach dem Sommer, als es kälter wurde, wurde es auch bei uns schwieriger, denn das angezogen werden war der Horror! Es gab nur Gebrüll! Wir haben viel versucht… Unser Kind hat zu Hause nur ein langes Shirt oder einen Body an – aufs Topfal geht es zu Hause alleine. Vor einigen Wochen funktionierte gar nichts mehr, selbst als ich angeboten habe, halb nackt raus zu gehen – das war unserem Kind natürlich zu kalt – aber anziehen wollte es sich nicht lassen… Das führte dazu, dass wir wirklich ca. 1-2 Wochen fast nur drinnen waren, so war es stressfreier für uns alle. Wenn wir wo hinfahren wollten, konnten wir das Kind überzeugen (ihm war ja nackt selber zu kalt), zumindest Windel, Hose und Weste anzuziehen.
    Diese ’schlimme‘ Phase ist aber zum Glück vorbei.?
    Keine Ahnung warum, aber die Stimmung hierbei hat sich gelockert, ich frag unser Kind, ob es raus bzw. wegfahren möchte und sich etwas anzieht, da es kalt ist. Wenn es verneint, ists ok (auch fürs Kind, dass wir drin bleiben), wenn es bejaht, funktioniert das Anziehen recht gut.

    Ich glaube, unser Kind musste erst mal selber begreifen, was es heißt, zu frieren. Oder einfach nur, dass es sehr kalt ist. Denn mal nackig raus zu gehen bei 5 Grad ist eben nicht sehr angenehm. ?
    Ebenso war es mit Handschuhen: erst als die Finger beim Dreiradfahren steifgefroren waren und geschmerzt haben, war es bereit, Handschuhe zu tragen und zieht diesr mittlerweile bei noch warmen Händen an ?

    Alles Liebe cao

  • Wirklich sehr spannend das Thema, wir haben hier auch jeden Tag diese Kleiderfrage mit dem Lütten, der ja ähnlich alt ist wie Nana. Im Prinzip mag er überhaupt nichts anziehen, 24/7 würde die Windel ihm völlig ausreichen. Aber das ist leider außerhalb der Wohnung zurzeit nicht möglich, klar.
    Ich kann damit sehr locker umgehen, weil ich selbst eher heißblütlerisch bin und mir selten kalt ist. Deswegen kann ich Love auch so gut verstehen, dass er keine Jacke anziehen möchte, weil es ihm schlichtweg zu warm ist. Mein Mann ist da eher der Frösteköttel von uns Allen.
    Mütze und Schal liebt er übrigens, das zieht er sich immer gerne an – warum auch immer. Aber sehr, sehr oft ist er ohne Jacke draußen derzeit. Aber ich habe sie immer dabei und biete sie regelmäßig an – er war bisher noch nie richtig fies erkältet oder krank deswegen.
    Das Wichtigste ist mir, dass er auf sein Körpergefühl hört und wir auch dies tun. Das liegt mir wirklich am Herzen.

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