Über Nacht bei den Großeltern

über Nacht bei den Großeltern

Während ich das hier scheibe, ist mein Kind über Nacht bei den Großeltern. Ich trinke einen Tee. Der Haushalt ist gerade fertig und ich musste währenddessen nicht drölfzigmal den Kopf ins Kinderzimmer strecken. Erst morgen Abend kommt Nana nach Hause. Auf Instagram und Twitter berichte ich regelmäßig von unseren kindfreien Tagen. Und den Nächten. Mindestens eine Übernachtung gehört für die Räubertochter zum Oma und Opa Besuch nämlich quasi pauschal dazu, manchmal sogar zwei, und das nun schon seit zwei Jahren. Was bei einem Alter von drei Jahren eine wirklich lange Zeit ist.

Dass das gar nicht so typisch ist, merke ich regelmäßig in euren Rückmeldungen.

Und damit meine ich gar nicht unbedingt nur den Luxus (!) der vielen kindfreien Zeit, sondern ganz besonders auch die Unterstützung von präsenten und liebenden Großeltern, die diesen Luxus bindungsorientiert überhaupt wieder erst möglich machen. Und weil das so ist, und weil ihr mir gesagt habt, dass ihr gerne mehr darüber erfahren wollt, WIE genau ich Bindungsorientierung und Frühes auswärts Übernachten zusammendenken kann, möchte ich heute mehr von Nanas Großeltern erzählen.

Die Antwort ist im Prinzip einfach: Nana hat zu ihren Großeltern (väterlicherseits!) eine stabile Bindung.

Das eigene Tempo finden

Nana hat schon mit einem Jahr das erste Mal alleine bei Oma und Oma geschlafen. Spontan. Aus relativ egoistischen Gründen, weil wir bis zum Abend mit der Zimmerrenovierung noch nicht fertig geworden waren. Genaugenommen muss sie da etwa dreizehn Monate alt gewesen sein. Manchmal habe ich das Gefühl mich deswegen rechtfertigen zu müssen. Klar, dass ich das eigentlich nicht muss. Klar ist mir außerdem die (bindungsorientierte) Einstellung geläufig, dass ein Kind erst auswärts übernachten sollte, wenn es selber danach fragt. Und bevor irgendjemand sich auf den Schlips deswegen getreten fühlt: Ich finde das total nachvollziehbar und gut, und würde das niemals jemandem ausreden wollen. Wenn das für euch stimmig ist, bitte bitte macht das so! Wir leben aber ganz generell und in vielen Dingen eher die Einstellung, unser Kind aktiv an Dinge heranzuführen, sie damit bekannt zu machen und dann in ihrem Tempo die Sachen anzugehen, oder halt zu lassen. So kam es, dass unsere Tochter über ein Jahr lang im eigenen Bett einschlief, früher als erwartet Brei löffelte, und eben mit knapp über einem Jahr regelmäßig 24h+ bei ihren Großeltern verbrachte. Egal bei welchem dieser Dinge, bei allen, auch beim Übernachten, galt und gilt immer: Zeigen und Begleiten/Heranführen ohne hohe Erwartungen – Achtsamkeit für Signale des Kindes – und jederzeit die Möglichkeit und Bereitschaft, den Versuch abzubrechen.

Das eigene Tempo kann sehr individuell sein. Beim Kind, genau wie bei den Eltern.

Was für die eine Familie ein guter Weg ist, kann sich für die andere total unstimmig anfühlen. Ein allgemeingültiges richtig oder falsch gibt es einfach nicht bei allen Dingen.

Die drei wichtigen Prämissen für die Entscheidung der Übernachtungsfrage: Wann sind die Großeltern bereit? Sie werden es sagen und anbieten. Wann sind die Eltern bereit? In diesem Fall ein Bauchgefühl! Und wann ist das Kind bereit? Es wird es euch sagen – Oder, wenn es NICHT bereit ist, definitiv zeigen!

Selbstbestimmung heißt für mich nicht zwangsläufig, dass ein Kind zu etwas unbedingt auch selber den Anstoß geben muss. Viel wichtiger: Mein Kind entscheidet selbstbestimmt, ob wir etwas lieber lassen!

über Nacht bei den Großeltern | Opa, Oma und Nana am See
Alles im Griff: Nana mit ihren Großeltern. Der kleine Urlaub ohne Eltern.

Heute fragen wir Nana natürlich einfach. Sie kann selber entscheiden, ob sie zu Oma und Opa möchte bzw./und dort schlafen möchte. Wenn Oma mich fragt, ob Nana am Wochenende zu ihnen kann, delegiere ich die Frage weiter an mein Kind, und ich spoiler mal: Es kam noch NIE (!) vor, dass meine Tochter nicht zu Oma und Opa wollte. In wenigen Fällen ist es (mittlerweile) NOTWENDIG, dass meine Tochter von ihren Großeltern betreut wird, trotzdem ist sie immer noch gerne regelmäßig dort. (Da wir kindergartenfrei leben und ich bis vergangenen Herbst noch studiert habe, war die wöchentliche Betreuung tw fest eingeplant.)

Lies auch: Studieren mit Kind. Über unsere Entscheidung, im Studium ein Kind zu bekommen

Bei den ersten Malen war das natürlicherweise nicht ganz so einfach mit dem Fragen und Zustimmen. Weder für die paar Stunden Betreuung, während ich in die Uni ging, noch für Übernachtungen oder Ausflüge. Sie sprach noch nicht. Was wir also machten: Wir erzählten es ihr. Bei der ersten Übernachtung damals, kam es darauf an, mögliches Unwohlsein richtig zu deuten. Später, noch bevor sie mit Sprechen anfing, reagierte Nana aufs Übernachten bei Oma und Opa bereits, indem sie mir ihre Schuhe und ihren kleinen Rucksack brachte. Es gab nie einen Anlass ihre Reaktionen, weder vor, noch nach dem Großelternbesuch, so zu deuten, dass sie unglücklich mit der neuen Situation war. Eher im Gegenteil.

Ich denke, wer meinen Blog kennt, wird mir glauben, dass ich mein Kind NIEMALS jemandem anvertrauen würde, keine zehn Minuten, hätte ich kein 100% gutes Gefühl bei der Sache.

Bisher kam es nur einmal vor, dass wir Nana früher abholen mussten. Das ist noch gar nicht lange her, und hatte nichts mit Unstimmigkeiten oder etwa Heimweh zu tun. Mein Kind hatte in der frühen Nacht unerwartet erbrochen und wollte dann zu mir. Generell gilt: Nana kann immer nach Hause kommen. Sie wird dann gebracht oder geholt – Und ja klar, bei kleinen Unstimmigkeiten, sind wir Oma und Opa natürlich dankbar, wenn sie erstmal Lösungen vor Ort suchen, oder ein Telefonat vielleicht reicht, der relativ langen Fahrtwege wegen. Ich denke, das ist nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz: Will Nana zu uns, setzen wir die Hebel dafür in Bewegung. Damals. Heute. Immer. Das ist ein nicht unwichtiger Teil davon: Vertrauen.

Über Nacht bei den Großeltern: Über Bindung und Gewöhnung

Dass unsere Tochter im Schnitt zwei Mal im Monat, manchmal wöchentlich, zwei bis drei Tage über Nacht bei den Großeltern verbringt, ist für uns also ungefähr so normal, wie für andere Familien der tägliche Kindergartenbesuch. Eine Win-Win-Win Situation: Die Großeltern können ihr Enkelkind betüdeln. Das Enkelkind wird betüdelt, hat Urlaub von Mama und Papa und genießt das sichtlich. Und wir haben Zeit für uns als Paar und alleine. Da man funktionierende Systeme nicht ändern sollte, gibt es keinen Grund, das zu tun. Geschweige denn zu bereuen, dass wir nicht gewartet hätten, bis Nana den Wunsch selber äußerte.

über Nacht bei den Großeltern  | Oma und Nana
„Nana Oma lieb!“ Von klein auf eine der wichtigsten Bezugspersonen

Schon der erste Versuch über Nacht bei den Großeltern verlief reibungslos. Hat das alles bei uns einfach aus Glück funktioniert? Ja und Nein. Wir haben unsere Tochter mit der ersten Übernachtung nicht ins kalte Wasser geworfen. Man könnte rückblickend von so etwas wie einer bindungsorientierten Eingewöhnung sprechen. Unbewusst, versteht sich. Bis wir eines Tages wussten, dass es JETZT okay sein wird.

Fangen wir vorne an.

Nana hat von Tag eins an eine enge Bindung zu ihren Großeltern aufbauen können. Meine Schwiegermutter wickelte Nana schon im Krankenhaus am Tag ihrer Geburt, bei meinem Schwiegervater im Arm schlief Nana mit ein paar Tagen ein. Ich pumpte Muttermilch ab, womit nicht nur der Papa, sondern auch Oma und Opa Nana in den Schlaf begleiteten. Füttern, wickeln, anziehen, trösten, in den Schlaf tragen. Oma und Opa übernahmen all das ganz selbstverständlich, wannimmer wir uns sahen.

Als meine Tochter vier Monate alt war, ging ich wieder in die Uni. Oma und Opa passten in meinem ersten Semester als frischgebackene Mama regelmäßig ein paar Stunden auf Nana auf. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Bindung eng genug, dass die Trennung uns nicht stresste. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass ich meine Tochter jemals weinend zurücklassen musste. Als ich nicht mehr stillte, holten Oma und Opa sie gleich morgens, brachten sie nachmittags wieder, machten sich einen schönen Tag.

Genauso allmählich verlief das auch mit dem Übernachten. Mein Mann hat, soweit ich das beurteilen kann, ein sehr gutes Verhältnis zu seinen Eltern. Und ich könnte mir keine liebevolleren und cooleren Schwiegereltern vorstellen, auch wenn wir nicht immer ganz einer Meinung sind. Schon bevor unsere Tochter auf der Welt war, haben wir regelmäßig Zeit miteinander verbracht und bei meinen Schwiegereltern übernachtet. Das hat sich nach Nanas Geburt natürlich fortgesetzt: Das erste Mal GEMEINSAM bei Oma und Opa geschlafen haben wir, als Nana gerade zehn Tage alt war. Silvester. Und das blieb nicht das letzte Mal. Mein Kind wuchs also mit dieser Gewohnheit auf. An unserem Hochzeitstag als Nana ein halbes Jahr alt war, schliefen wir ebenfalls wieder bei meinen Schwiegereltern, ließen Nana, als sie eingeschlafen war, für ein paar Stunden bei ihnen alleine. Irgendwann im Laufe dieser gemeinsamen Übernachtungen änderte sich, dass Nana nicht mehr bei uns im Gästezimmer, sondern eine Tür weiter bei Oma und Opa schlief, und sie schien uns am Morgen nie sonderlich zu vermissen. Als sie dann das erste Mal alleine übernachtete, waren ihr Papa und ich am Abend noch kurz da, sagten ihr, dass wir wieder nach Hause fahren werden. Sie schlief bei ihrem Opa ein und wir hörten erst wieder am nächsten Tag von ihr, als wir sie abholten. Keine Zwischenfälle. Kein Suchen. Kein offensichtliches Vermissen. Das Kind war zufrieden mit ihrer kleinen Welt. Beim nächsten Mal verabschiedeten wir uns schon morgens, sahen uns am nächsten Tag erst abends wieder. Heute erinnert meine Tochter mich am Vortag daran, ihre Tasche zu packen, karrt ein paar Stofftiere und Spielsachen zusammen und erzählt mir von ihren Plänen. „Wann übernachte ich endlich wieder zwei Mal bei Oma?“, fragte sie vor Kurzem.

Bei einem bin ich mir jedenfalls sicher: Mein Kind ist happy.

3 Kommentare

  • Anja

    Liebe Fiona,
    Solche Großeltern sind eine wunderbare Bereicherung für die Kinder!
    Leider haben meine Kinder (2,25 und fast 5 Jahre) nur noch 2 Omas, keine Opas mehr. Sie lieben beide Omas total, aber wir haben es (bisher) nicht geschafft, so eine tiefe Bindung aufzubauen, dass sie dort übernachten möchten.
    Beide Omas „erziehen“ aus ihrer Haltung heraus sehr viel, was meine Kinder nicht in dem Umfang gewöhnt sind und ich möchte es auch nicht.
    Deshalb bleibt es bei ein paar Stunden alleine bei Oma alle paar Monate mal. Eigentlich sehr schade.
    Liebe Grüße, Anja

  • Opa

    ich bin total gerührt, vielen Dank für die schönen Worte.
    Wir lieben Euch❤️❤️❤️❤️

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