Ohne Erziehung Leben: Von Tyrannenkindern, Vorurteilen Und Familiären Werten

Ohne Erziehung LebenWir leben ohne Erziehung. Das ist für uns ungefähr genauso normal, wie es für Erziehende normal ist, zu erziehen. Ich denke nicht darüber nach. Ich finde es nicht seltsam, dass wir ohne Erziehung leben. Ich sehe und lebe unser ganz gewöhnliches Leben.

Und wenn du mir auf dem Spielplatz begegnest, findest du auch keinen Kleber auf meiner Stirn, auf dem in Leuchtbuchstaben UNERZOGEN steht. Du würdest davon vermutlich gar nichts merken.

Uns geht es gut. Und wir ecken nicht mehr an, als andere Familien auch, wenn verschiedene Haltungen aufeinandertreffen. In meinen sozialen Netzwerken begegne ich trotzdem immer wieder Vorurteilen, die mich teilweise wirklich deprimieren.

Dann werden unerzogen aufwachsende Kinder mit Terrorkindern assoziiert. Kinder, die nicht hören, zu wenig sozial kompetent sind, sich nicht an Regeln halten können, und von früh bis spät Mist bauen, das müssen unerzogene sein. Mit Eltern, die sich nicht kümmern.

Das macht mich traurig und wütend. Ehrlich. Denn das ist Unsinn. Totaler Unsinn.

Mein Kind Ist Gut, Wie Es Ist

Vor Kurzem bin ich an einem Austausch auf Twitter beteiligt gewesen, der teilweise sehr inspirierend, teilweise sehr ernüchternd war, und mir nochmal sehr deutlich gezeigt hat, dass unerzogen nach wie vor sehr verkannt und falsch verstanden wird.

Aufhänger war die wirklich interessante Frage, wie wir ein ›nicht funktionierendes‹ unerzogenes Kind nennen, im Pendant zum verzogenen oder ungezogenen Kind bei Erziehungsfehlschlägen. Die Antwort ist vermutlich genauso simpel, wie sie schwierig ist: Es gibt keinen Ausdruck dafür.

Frei von Erziehung habe ich kein Erziehungsziel, also kein Ergebnis, das verfehlt werden kann.

Das heißt NICHT, dass ich keine Idee davon habe, welche Werte ich an einem Menschen generell; und natürlich auch an meiner Tochter schätzen würde. Natürlich wünsche ich mir, dass meine Tochter ehrlich, höflich, rücksichtsvoll, überlegt, ordentlich, pünktlich und selbstbewusst wird. Etwas anderes zu behaupten, wäre eine Lüge. Ich glaube nicht, dass irgendjemand in der Lage ist, sich ganz von Wertidealen und Vorstellungen frei zu machen.

Die Sache ist lediglich diese: Ich bin mir sehr bewusst darüber, dass mein Kind ist, wie sie ist. Ich kann ihr Orientierung geben, ihr mitteilen, was ich mir wünsche, und ihr meine eigenen Werte vorleben, aber ich kann sie nicht in ihrem So Sein verändern. – Außer ich wende erzieherische Gewalt an. – Mein Kind wird sich der Werte annehmen, die SIE für sinnvoll erachtet, sie wird sich abgucken und selbst entscheiden. Sie. Nicht Ich.

Ich forme mein Kind nicht erzieherisch. That’s It. So einfach gesagt, so schwierig umzusetzen.

Nicht zu erziehen bedeutet nicht, ALLES ganz anders zu machen, als erziehende Eltern. Es bedeutet nur und vor allem keine Erziehungsmechanismen anzuwenden, und mein Kind nicht aktiv zu formen. Ich lebe meiner Tochter natürlich vor. ich nehme durch jede Richtung, die ich einschlage, jede Entscheidung, die ich treffe, Einfluss. Aber ich verbiege sie nicht. Ich akzeptiere, wenn meine Tochter nicht mit aufräumen will, ich zwinge sie nicht um jeden Preis dazu und bestrafe sie nicht, damit sie es trotzdem tut. Ich zeige ihr lediglich, dass Ordnung MIR wichtig ist. Ich zeige ihr MEINE Werte. Offen und ehrlich, ohne sie IHR aufzuzwingen. Ich gebe Nana die Möglichkeit mitzumachen, Spaß daran zu haben und Ordnung auch cool zu finden. Aber genauso bekommt sie die Möglichkeit, aufräumen total unnötig zu finden, und lieber zu spielen. Wo ist das Problem?

Nana ist ein freier Mensch. Ein Mensch, der eine EIGENE Meinung und EIGENE Werte hat. Nicht meine. Nicht gesellschaftlich normierte.

Das heißt wiederum auch nicht, dass ich nun jede Eigenschaft meines Kindes beklatschen und alles fein finden muss, was mein Kind tut. Ich kann das richtig blöd finden, wenn sie nicht mit aufräumt oder unpünktlich ist oder irgendeinen Mist baut. Und das kann ich ihr natürlich auch sagen.

Nicht zu erziehen bedeutet absolut nicht, Konflikte zu vermeiden.

Ohne Erziehung Leben: Über Kommunikation Und Grenzen

Wir haben Konflikte. Dauernd. Wie jede andere Familie da draußen auch. Der Unterschied: Ich bestrafe nicht. Ich schimpfe nicht. Ich belohne auch nicht.

Wir reden miteinander. Auf Augenhöhe. Mit ganz vielen Ich Botschaften, Enttäuschungen und Wünsche äußern, Spiegeln und Erklären und auch mal einem ›Nein‹, wenn es nötig ist.

Du sagst, das machst du erziehend auch? Ich behaupte nirgendwo, dass Erziehende mit ihren Kindern nicht gewaltfrei kommunizieren können. Vielleicht leben wir auch gar nicht so unterschiedlich, aber du willst es nicht unter dem Label unerzogen verstehen. Weil du eine falsche Vorstellung davon hast. Oder du gehst ja auch total auf Augenhöhe, greifst aber auf Erziehungsmechanismen zurück, wenn es dir zu viel wird – Weil du denkst, dass du müsstest. Aber an diesem Punkt, an dem du bestrafst, drohst und bis drei zählst, versuche ich eben die Nerven zu behalten, atme nochmal durch und akzeptiere die Situation.

Akzeptanz ist MIR ein wichtiger und sehr befreiender Wert.

Erziehung löst keine Probleme, weil es sie gar nicht erst akzeptiert, finde ich. Es verschiebt die Probleme, es macht Schuldgefühle. Das will ich nicht. Ich kann durch bestrafen nicht verändern, dass mein Kind die Wand angemalt hat. Aber ich kann darüber reden und eine Lösung suchen. Und ich kann auch NEIN sagen, wenn sie nochmal dazu ansetzt. Obwohl ich nicht erziehe. Das bedeutet nämlich nicht, immer zustimmen zu müssen.

Und: Natürlich zeige ich meiner Tochter, dass wir Grenzen und Eigentum anderer achten. Dieser Vorwurf hat mich im besagten Twitterthread sehr erschüttert.

Natürlich lasse ich mein Kind NICHT auf deinem Auto herumhüpfen oder mit Steinen daran kratzen. Und wenn sie das widererwartend doch tut, wenn ich nicht dabei bin, weil sie irgendeine Flause im Kopf hat, dann werde ich garantiert nicht applaudieren und die taktile Erfahrung wertschätzen. Ich werde dir den Schaden ersetzen und mit meinem Kind darüber reden. Ich werde sie aber nicht AUCH NOCH bestrafen, um sie zu erniedrigen, um meine Macht zu demonstrieren, oder um irgendwelchen Eltern da draußen zu gefallen.

Ich lasse es nicht unkommentiert, wenn etwas völlig falsch läuft. Ich kann es nur nochmal betonen: Meiner Meinung nach ist Kommunikation das Herzstück von Erziehungsfreiheit. Auf Augenhöhe miteinander zu sprechen, Probleme zu lösen und Gefühle zu verbalisieren. Darum geht es. Darauf kommt es an. Darum dreht sich gesellschaftliches und familiäres Zusammenleben. Und DAS will ich meinem Kind vorleben.

Das klappt wunderbar. Auch mit Kleinkind.

Ein Kind lernt die Sprache der Eltern. Nana lernt Kommunikation auf Augenhöhe. Von Anfang an.

Natürlich ist reden nicht immer ALLES. Wenn ein Kind (wiederholt) Mist baut oder eine (aus eigener Sicht) unschöne Gewohnheit entwickelt, dann reicht ein ›hey das finde ich blöd‹ vielleicht nicht. Dann bringt es mMn aber auch nichts, zu erziehen. Dann schaue ich hin, statt zu strafen, zu drohen, zu ermahnen. Ich schaue hin, warum mein Kind tut, was es tut. Ich will Probleme am Ursprung lösen, nicht erziehend ein Symptom ersticken. Was bringt es nachhaltig, wenn ich mein Kind dazu ermahne, ein ums andere Mal das Zimmer aufzuräumen, weil ich sonst angeblich alle Spielsachen wegwerfe, und es dann kuscht aus Angst – wenn ich nicht verstehe, warum mein Kind nicht aufräumen mag? Das hilft uns nicht weiter. Das verschiebt nur das Problem. Vielleicht stört mein Kind die Unordnung echt nicht? Vielleicht ist sie überfordert und braucht Hilfe? Vielleicht ist ihr auch ihre Zeit zu kostbar und wir finden irgendeinen Deal.

Es ist klar, dass unser Miteinander, unser Reden und die Erwartungen aneinander sich ständig verändern werden. Ich spreche hier derzeit immer von einem zweijährigen Kind. In sechs Jahren werde ich anders reagieren, wenn sie nicht aufräumt, als heute. Sicher. Ich kann dir noch nicht sagen wie. Ich weiß nur, dass es keine Strafen, keine Manipulation sein werden. Wir wachsen miteinander. Lernen voneinander. Wir finden schon einen Weg.

Freiheit Gegen Formung

Ein nicht erzogenes Kind kann nicht nicht richtig funktionieren. Denn es gilt nicht, funktionieren zu müssen, sondern zu sein, wie wir eben sind. Mit Fehlern. Mit guten Seiten und mit schlechten Seiten (wer auch immer das bewertet).

Ein unerzogenes Kind, das unpünktlich ist, ist eben ein unpünktliches Kind. Ein unerzogenes Kind, dass in der Schule rumkaspert, ist eben der Klassenkasper. Aber: Es ist kein verzogenes oder schlecht unerzogenes Kind. Dieses Label würde wenig Sinn ergeben.

Die ungemütliche Eigenschaft des Kindes unmittelbar mit der unerzogen Haltung zu assoziieren, würde im Umkehrschluss quasi bedeuten, ich müsste es schlecht empfinden, dass ich meinem Kind zugestanden habe, zu sein wie es ist. Ich müsste mir dann wünschen, meine Tochter lieber verändert zu haben, weil sie mir, wie sie ist, nicht gefällt.

Freiheit als SCHULD an irgendetwas zu betrachten, finde ich einen gruseligen Gedanken.

Wenn meine Tochter unpünktlich ist, dann ist das erstmal so. Dann kann ich das Mist finden, und wir können gemeinsam überlegen, ob und wie wir daran arbeiten können. Viel schlimmer fände ich es, aus meiner Haltung heraus (!), zu wissen, mein Kind ist nicht pünktlich aus sich selbst heraus (denn das wäre sie dann ja auch ohne Erziehung!), sondern nur, und wirklich nur, weil ich sie dazu erzogen, ihr Wesen dahingehen verändert habe. Das wäre dann nicht mehr mein freies Kind, sondern Ergebnis meines Projektes.

Das klingt vermutlich ziemlich krass für dich. Verstehe ich. Nimm dir einen Moment Zeit darüber nachzudenken, um meine Sichtweise zu begreifen. Du musst sie ja nicht teilen. ICH lehne Erziehung ab. Erziehung betrachte ich als Formung. Zeigt mein Kind ein Verhalten also nicht aus sich selbst heraus, sondern anerzogen, habe ich sie dazu gemacht. Ich habe dann etwas in ihr verändert, und das kann mMn nicht folgenlos bleiben.

Butterfly Effekt.

Erziehungsfreiheit hat bei alle dem natürlich ein gewisses zugrundeliegendes Menschenbild: Kinder sind gut und kompetent. Kinder WOLLEN von Natur aus Teil der Gemeinschaft sein. In Kindern ist ALLES angelegt, sie können ALLES sein, es reicht aus, sie auf ihrem Weg zu begleiten. Kinder sind immer, wirklich immer die bestmöglichste Version von sich selbst, so kooperativ und so umsichtig wie sie altersentsprechend können.

Das ist praktisch so etwas wie die ethische Grundlage der unerzogen Haltung. Zumindest, wenn du mich fragst.

Vor diesem Hintergrund ist, denke ich, auch klar, dass, wer aus Überzeugung nicht erzieht, erstmal absolut nicht davon ausgeht, sich einen ›Tyrannen‹ großzuziehen. Mich macht es traurig, dass dieses Vorurteil so verbreitet ist. Warum? Warum gehen so viele Leute davon aus, ein Kind könne aus sich selbst heraus nicht gut sein? Das ist doch ein totales Todesurteil für unsere Gesellschaft, wenn wir so von Kindern denken.

Natürlich KANN es passieren, das meine Tochter nicht hört und Mist baut. Kann aber auch Erziehenden passieren.

Erziehung ist kein Garant dafür, dass ein Kind ›funktioniert‹. Wie viele erzogene Kinder bekommen denn das Plakat ›verzogen‹ aufgestempelt, weil sie eben nicht hören? Wie viele erzogene Kinder bauen Mist? Etwa Keines? Wie viele erziehende Eltern beklagen denn die Autonomiephase, weil Erziehung eben gar nicht so ›einfach funktioniert‹? Und hat etwa noch nie ein erzogenes Kind, einen Kratzer an einem Auto verursacht? Sind das alles immer unerzogene, bewusst erziehungsfrei aufgewachsene Kinder? Oder sind es die ›verzogenen‹, denen das Urteil unerzogen gemacht wird, ohne dass der Urteilende Unerzogen überhaupt kennt? Erziehung ist kein Garant für irgendwas. Unerzogen auch nicht.

Survival Of The Fittest. Oder Was?

Im besagten Twitterthread kam an einer Stelle außerdem die Frage auf, ob ein unerzogenes Kind nicht zu wenig angepasst sei an die harte, leistungsorientierte und geregelte Gesellschaft. Ob das funktionieren kann, wenn das Kind sich dann beugen muss.

Ohne Erziehung Leben | Unverbogen Kind SeinIch muss zugeben, dass ich die Stirn an dieser Stelle runzeln und erstmal nachdenken musste. Wieso sollte denn ein unerzogenes Kind nicht in die Gesellschaft passen? Und warum wird tendenziell davon ausgegangen, dass ein erzogenes Kind in die Gesellschaft passt? Liegt es am Wort, dass diese Assoziationen reihenweise hochkommen, fehlende Erziehung müsse eine Beeinträchtigung sein? Kämen dieselben Assoziationen auch auf, würden wir es beziehungsorientierte oder gewaltfreie Erziehung nennen? Wohl nicht.

Ich musste meine Tochter anlächeln, als ich diese Frage kommentierte.

Dieses Kind, dass erst ein paar Tage vorher ein jüngeres Kind aus eigenem Antrieb an der Schaukel vorgelassen hatte, sich an der Rutsche ohne Anweisung hinten anstellt, und Müll in den Mülleimer wirft, das sich herzlich bedankt, wenn Papa Schokolade vom Einkaufen mitbringt, und jeden Vormittag einverstanden ist, erst aufzuräumen, bevor wir auf den Spielplatz gehen – Dieses Kind soll unangepasst sein, in der Gesellschaft nicht zurecht kommen, und jede Regel brechen, die ihr nicht in den Kram passt?

Ich kann nicht in die Zukunft schauen, aber ich behaupte jetzt einfach mal, dass das totaler Quatsch ist.

Meine Tochter ist ein ganz wunderbarer Mensch.

Ich zeige meiner Tochter im täglichen Umgang mit ihr, dass wir Einander achten und respektieren, dass unsere Bedürfnisse ALLE wichtig und ALLE gleichwertig sind, dass wir unsere Bedürfnisse zusammenbringen wollen und manchmal abwägen müssen, was geht. Ich lebe meinem Kind vor lösungsorientiert zu denken und zu handeln, gewaltfrei zu kommunizieren, miteinander zu leben, statt sich gegeneinander aus Prinzip aufzubäumen. Ich gebe ihr auf den Weg Kompromisse einzugehen, auf sich UND um sich zu schauen – Und auch schwächere Mitglieder der Gesellschaft gleichwertig zu behandeln. Ich zeige ihr, verständnisvoll zu bleiben, auch wenn ich ihr Verhalten nicht immer verstehe. Ich lebe ihr Respekt, Geborgenheit, Schutz, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit vor. Ich sage NICHT: Wenn du stark bist, dann kannst du dir erlauben, was du willst, und Schwache übergehen. Ich frage dich, sind das keine sozialen Kompetenzen, die ein Mensch braucht? Ist das nichts, was unsere Gesellschaft aufrecht erhalten kann? Was ist unsere Gesellschaft, wenn wir diese Werte in Frage stellen, als weltfremd und gesellschaftsunfähig betrachten?

Ich weiß außerdem nicht wie Erziehende sich unerzogen in der Praxis vorstellen, aber wir leben hier in keiner Seifenblase.

Wir leben zwar tatsächlich Kitafrei, aber Schulfrei ist aktuell nicht angedacht. Freilernen ist maximal ein Notfallplan – by the way: Was ist eigentlich der Notfallplan Erziehender?

Meine Tochter kommt natürlich in Berührung mit der Gesellschaft, mit Regeln und mit Normen und Erwartungen. Jeden Tag. Ich schaue vielleicht etwas genauer hin, welche Regeln für uns wirklich sinnvoll sind, aber ich übergehe sicher keine Grundsätze des sozialen Zusammenlebens. Ich rede mit meinem Kind im Alltag vermutlich auch kaum anders als du: Ich bitte sie zu helfen, zu warten oder etwas zu lassen. Der Unterschied zeigt sich in der Reaktion, wenn sie NICHT will. Und darin, dass ich sie vermutlich etwas mehr selbstbestimmen lasse. -Was aber auch wieder kein typisch unerzogenes Ding ist. Ums an dieser Stelle Mal grob runter zu brechen: Ich verzichte auf gewaltsame Formung. Ansonsten sind wir eine ganz gewöhnliche Familie. Im Ernst.

Nana ist aktuell ausgeglichen und wahnsinnig kooperativ. Man könnte fast meinen, sie ist gut erzogen.

Es macht mich traurig, dass da draußen das Bild eines tyrannischen unerzogenen Kindes kursiert. Dass die Leute von nicht erziehenden Eltern denken, dass sie da sitzen und ihre Kinder einfach machen lassen, was sie wollen. Dabei ist das so weit von der Realität entfernt.

So bin ich nicht. So ist unerzogen nicht.

Es macht mich wütend, dass uns dieses Tyrannenplakat aufgedrückt wird, Laisser-Faire angedichtet wird, wenn ich von Erziehungsfreiheit spreche, OHNE dass diese Leute mich und mein Kind kennen. Ich bin mir sicher, manch ein Skeptiker, der lauthals mit Vorurteilen um sich wirft, würde sich in Grund und Boden schämen, würde er uns kennenlernen. Ich sage doch auch nicht, erzogene Kinder werden schlechte Menschen. Werden sie nicht.

Ich bin lediglich der Überzeugung, dass Erziehung vermeidbar ist.

Dass Erziehung keinen Mehrwert hat und schaden kann. –  Dass ICH das nicht praktizieren will.

Natürlich, wir brauch gar nicht darüber sprechen: Es gibt Menschen, die die Grenzen anderer nicht achten und nicht Acht geben, wenn ihre Kinder Mist bauen. Aber die gibt es unter unerzogenen GENAUSO wie unter erziehenden. Respekt und Rücksicht hat mit den eigenen Werten zu tun, nicht mit der Erziehungshaltung, und ist kein Plakat für Erziehungsfreiheit. Jemand kann sein Kind total streng erziehen und trotzdem fremdes Eigentum nicht achten. Und natürlich gibt es auch unter unerzogen lebenden schwarze Schafe, die sich nicht kümmern, nicht hinsehen, nicht begleiten. Laisser-Faire Vertreter, die sich unerzogen nennen. ABER das kann NICHT als Standard für eine ganze Haltung betrachtet werden. Das schlagende Elternteil ist doch auch nicht Sinnbild von Erziehung.

Ich achte fremde Grenzen und gebe das an mein Kind natürlich weiter. Nur weil ich nicht schimpfe? Ich kann anders mit meinem Kind sprechen! Ich kann anders Grenzen wahren. Ich kann mein Kind natürlich zurückhalten, ausbremsen, und dann ihren Frust begleiten.

Nicht zu erziehen bedeutet doch nicht, dass mir die Hände gebunden sind.

Erst letztens habe ich mich auf dem Spielplatz über eine Mutter geärgert, die nichts sagte, als ihr Kind die Schaufel meiner Tochter nahm, ohne zu fragen, und sie nicht zurückgab, als meine Tochter danach verlangte. Das fand ich nicht richtig. Das hat mich geärgert. Ob diese Mutter ihr Kind erzog oder nicht? Keine Ahnung. Darüber kann ich nicht urteilen. Ich jedenfalls frage, wenn mein Kind fremde Sachen nimmt. Dafür brauche ich nicht erziehen. Xx Fiona

7 Kommentare

  • Su

    Witzigerweise ist, was du beschreibst, Erziehung. Erziehung heißt nicht, seine Kinder zu hängen und zu bestrafen, sondern ihnen vorzuleben, wie es geht – oder eben nicht. Somit erzieht jeder dein Kind mit, der zum Beispiel neben ihm an der Ampel bei Rot stehen bleibt. Und jeder, der bei Rot drüber geht, auch.
    Das was viele Erziehung nennen, ist, wenn man es ganz genau nimmt, Dressur.
    So wie ich einem Hund „Sitz“oder Kunststücke beibringen kann, so kann ich einem Kind auch „bitte“ und „danke“ etc. beibringen. Nur weil etwas gesellschaftlich gefordert wird und anerkannt ist, ist das aber noch lange nicht richtig.
    Was du tust, ist achtsame Erziehung. Und es ist gut, wenn es sich nicht nur für dich gut anfühlt, sondern offenbar funktioniert.

    Das, was viele mit Tyrannen etc. meinen, sind Eltern, die mit weichgespülter Stimme zu ihrem Kind auf dem Spielplatz sagen „aber Sophia, man schlägt doch niemanden mit der Schippe auf den Kopf, das tut weh und du möchtest das doch auch nicht“ und die es dabei bewenden lassen. Denn dann ist es keine achtsame Erziehung, sondern die Bildung von Arschloch-Kindern. Und ja, sie gibt es und so was gibt es. Die Kinder, die in der Straßenbahn herum turnen und dabei die älteren Leute belästigen, die neben der Stange sitzen. Die Kinder, bei denen die Mutter nichts sagt – oder, im besten Fall eine ähnliche Floskel wie oben im gleichen Tonfall vom Stapel lässt, um dann das Kind zu ignorieren…

    Ich glaube nicht, dass diese Ereignisse mit deiner Tochter so ablaufen würden. 😉

    Liebe Grüße
    Su

    • Su

      Es muss gängeln heißen, nicht hängen. Blöde Autokorrektur…

    • Der Erziehungsbegriff im Unerzogen Kontext ist eindeutig definiert als eine nach untengerichtete Machtausübung zur Manipulation, und kommt dem was du unter Dressur verstehst vermutlich nahe. Dein Erziehungsbegriff ist dann eher mit dem Vergleichbar, was ich unter Begleitung verstehe. — Ich lade dich gerne ein, dich auf dem Blog oder anderweitig in das Thema Unerzogen einzulesen. Du kannst mir auch jederzeit gerne nochmal schreiben. — Wir hatten anderer Stelle vor Kurzem schon geschrieben, deswegen nur mein Hinweis darauf 🙂 Viele Grüße, Fiona

  • Mal ein schöner Beitrag zu dem Thema.
    Ich bin ja persönlich der Meinung, dass es kein „unerzogen“ gibt.
    Im Grunde hängt es doch alles sehr vom Charakter der Kinder ab. Und die einen müssen etwas mehr gelenkt werden, als andere.
    Mein Sohn ist einfach vom Charakter her ein sehr sozialverträgliches Kind. War er von Anfang an und ist er jetzt – mit 6 Jahren – auch noch. Er ist immer höflich, bindet andere Kinder mit ein, wenn ich ihn um etwas bitte macht er das meistens auch umgehend und ohne zu murren. Er ist so ein Kind, das wahrscheinlich tatsächlich unbeabsichtigt „unerzogen“ ist.
    Meine Tochter ist anders. Sehr stur und eigensinnig. Und ungeduldig. Auch wenn ich auf Augenhöhe gehe, und versuche ihr vernünftig auseinanderzusetzen, dass dies und jenes jetzt nicht geht, dann stellt sie sich quer … will es nicht verstehen. Mit Logik komme ich bei ihr nicht weiter. Sie wird im Mai 5 Jahre alt.
    Ich bin ja nun immer die Gleiche. Aber es sind zwei komplett unterschiedliche Kinder.

    LG, Tina

    • Fiona Lewald

      Hallo Tina. Danke für deine Gedanken. Definitiv brauchen Kinder verschieden enge Begleitung und Führung, das schließt Unerzogen ja überhaupt nicht aus -denn es ist keine Methode, sondern eine Haltung, gewaltfrei und respektvoll mit Kind leben zu wollen. Es geht nicht um das WAS (eng oder weniger eng begleiten), sondern um das WIE. Ich denke sogar, gerade bei autonomeren, willensstärkeren Kindern ist das WIE besonders sensibel zu reflektieren -und Unerzogen genauso machbar, wenn auch sicherlich anstrengender. Es geht nicht ums funktionieren, wie ich ja auch schreibe. Es geht um den Wert, wie ich meinem Kind begegnen will, und der ist unabhängig von seinem Charakter. Lieben Gruß, Fiona

  • Regina

    Hey,das finde ich sehr schön geschrieben. Ich würde es auch so gerne hinbekommen. Ich arbeite hart an mir, um meine strenge Erziehung aus mir herauszubekommen. Leider klappt es noch nicht immer.
    Danke für diesen guten Beitrag!
    Schöne Grüße
    Regina

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