Erziehungsfrei mit mehreren Kindern? Wenn aus Freunden Familie wird

Beitrag: Erziehungsfrei mit mehreren Kindern. Wenn aus Freunden Familie wird

Wie definierst du Familie? Muss es Blutsverwandtschaft sein? Die Tage sind lauter geworden hier bei uns. Lebendiger. Chaotischer. Fröhlicher. Manchmal auch Anstrengender. Mehr Kinderlachen. Mehr Kinderstreitereien. Ne, wir haben nicht spontan Zuwachs bekommen; jedenfalls nicht direkt, aber die Kinder unserer besten Freunde sind sowas wie Clankinder. Wahlgeschwister für Nana. Die Familie gewachsen. Aus drei Köpfen; Mama – Papa – Kind, sind sieben geworden. Und das macht die Tage anders. Anders, als sie bis vor einem guten halben Jahr eben noch waren. Heute möchte ich euch von unserem Familienclan erzählen, und der Frage nachgehen, ob Erziehungsfrei mit mehreren Kindern eigentlich auch geht.

Als wenn man sich ewig kennt: Eine ganz besondere Freundschaft

Angefangen hat alles im vergangenen Sommer. Um den Spielfreundebedarf unserer Tochter besser zu decken, haben wir uns einer kindergartenfreien Gruppe aus unserer Wohngegend angeschlossen. Und wie es das Schicksal so wollte, lernten wir bei diesen Treffen unsere Freunde kennen, die eigentlich doch ein bisschen weiter weg wohnten.

Kindheit ohne Kindergarten. Mehr über unsere Entscheidung gegen den Kindergarten erfährst du HIER

Nachdem Nana sich anfangs aus der Gruppe ziemlich raushielt, sensibel wie sie ist, lieber alleine oder mit mir spielte, passierte mit der Zeit etwas Neues: Sie spielte plötzlich mit E. und seinem Papa Julien, stundenlang. Ich bekam nur gelegentlich ein paar gepflückte Blumen und gesammelte Stöcke vorbeigebracht, während ich mit Mama Birgitt und dem Brüderchen klein A. auf der Wiese saß und einfach mal die Beine hochlegte. Eine ganz neue Situation. Ungewohnt, und ja aus vielen Perspektiven so schön. Ich glaube, die Geschichte begann so richtig mit der ersten gemeinsam gebauten Sandburg. Nana weinte an diesem Tag, weil wir nach Hause wollten, und spielte von nun an immer mit E., seinem Papa und seinem kleinen Bruder. Selten akzeptierte meine Tochter so sehr die Nähe anderer Leute, aber zu Julien wollte sie sogar hoch auf den Arm.

Wenn man es genau nimmt, hat wohl Nana entschieden, dass diese Freundschaft genau so passieren soll.

Schüchterne Annäherung der Freunde
Noch ganz zaghaft: Die ersten Annäherungen der Freunde.

Ein eingeschweißtes Gespann. Plötzlich waren die Kinder unzertrennlich.

Wir Eltern verstanden uns untereinander auch auf Anhieb. Kennt ihr solche Begegnungen? Als wenn man sich ewig kennt. Es folgten die ersten paar Treffen unabhängig von der Kindergartenfreigruppe. Die ersten Tage, die wir bis spät zusammen verbrachten. Zusammen kochten. Darüber sinnierten, dass die abendlichen Abschiede lästig sind. Die ersten Übernachtungen. Die ersten Male, die wir uns wirklich jeden Tag sahen.

Gemeinsamer Urlaub. Gemeinsamer Heiligabend. Gemeinsames Silvester.

Dass wir uns nicht sehen, ist die Ausnahme geworden. Nana fragt längst nicht mehr, OB wir uns treffen, sondern um wie viel Uhr. Mittlerweile verbringen wir nahezu täglich mindestens ein paar Stunden miteinander. Das ist anstrengend. Manchmal. Weil drei Kinder eben doch eine andere Hausnummer sind, als eines; auch mit mehreren Erwachsenen. Aber vor allem ist das großartig. Es heißt nicht umsonst, man braucht ein Dorf. Dieses Dorf in seiner minimalistischen Form haben wir gefunden, so fühlt es sich jedenfalls an. Zusammen sind die Dinge einfacher, Sorgen teilbarer, und Ideen größer.

In etwa das, was Sophie Mikosch mit dem Mütterteam (Gastbeitrag) beschreibt, empfinde ich im Familienclan. Gegenseitige Hilfe. Rückhalt. Jemand anders räumt einfach mal die Spülmaschine ein, während ich mit Nana Bücher gucke oder am Handy meine Mails checke. Oder jemand nimmt Nana eine Runde mit auf den Spielplatz, wenn mir nicht danach ist. Da mein Mann beruflich eher wenig zuhause ist, ist dieses Auffangen, dieses Zusammensein, absolute Entlastung. Umgekehrt nehme ich mich auch den zwei Jungs an, schlichte Geschwisterstreit, begleite Wutanfälle und starte Bastelaktionen. Anfängliche Berührungsängste sind längst verpufft und jedes Kind ist mit jedem von uns vier Erwachsenen vertraut.

Nicht immer war das Spielen mit anderen Kindern selbstverständlich: Übers Fremdeln

Wir verstehen uns. Fühlen uns im Zuhause der Anderen nicht fremd.

Wenn Erziehung auf Erziehungsfreiheit trifft: Ein Plädoyer für Toleranz

Dass es so rund läuft, liegt wohl daran, dass wir gar nicht so sehr verschieden ticken, obwohl wir natürlich auch unterschiedliche Ansichten mitbringen.

Gerade auch in Erziehungsdingen.

Natürlich ist das hier immer mal wieder Thema. Eines über das wir auch gar nicht so selten lang und breit reden. Ich meine, ich schreibe einen Blog darüber. Natürlich geht es hier an niemandem vorbei, wie wir leben, was wir so denken. Ja, und wenn man täglich zusammensitzt, kommen unterschiedliche Ansätze einfach umso mehr zur Sprache.

Wie E. und A. aufwachsen, würde ich als softe Version von Erziehungsfreiheit bezeichnen: Eine liebevollorientierte Erziehung, mit Tendenzen zur unerzogenen Haltung. Die Richtung ist dieselbe: Der Wunsch, dass die Kinder sich frei entwickeln. Ich würde mich wohl auch kaum mit jemandem so gut verstehen können, der sein Kind prinzipiell von oben herab betrachtet, oder über alles so ganz anders fremdbestimmt als wir das tun. Dass würde auch nicht lange gut gehen, vermute ich, würden die Kinder so ganz unterschiedlich behandelt. Dürften E. und Klein A. gar keinen Süßkram naschen, kein fernsehen, und müssten punkt sieben ins Bett, würde hier wohl täglich viel Frust zusammenkommen. Das wäre unschön.

Ganz viele Dinge sehen wir sehr ähnlich.

An manchen Dingen arbeiten wir zusammen. Überlegen, wie wir damit umgehen können.

Ja, und in machen Dingen ist da auch Erziehung. Keine Brachialmethoden, aber eben manchmal ein Wenn Dann. Mehr Lob. Mehr Stopps, wenn es dann doch reicht. Eine andere Art und Weise, mit Konflikten und Frust umzugehen. Und ja, das ist okay. Entgegen der wohl naheliegenden Vermutung, dass ich Erziehende verachte, habe ich nämlich wirklich kein Problem damit, was andere nunmal anders machen als ich. (Solange es sich in einem Maß verläuft, indem ich kein Kind richtig leiden sehen muss, versteht sich).

Einander wertschätzen und tolerieren geht eben unter Erwachsenen los. Und ich sage euch was: Seit tolernat füreinander. Schaut hin. Im Zweifel können wir immer miteinander reden. Ich glaube, mit niemand sonst konnte ich bisher so gut über Erziehung debattieren, ohne das Gefühl zu haben, ein Alien zu sein.

Und oft ist der Austausch über Alltagsthemen bereichernd für alle: Er hilft umzudenken.

Der Familienclan

Im Alltag gestaltet sich das eh unproblematischer, als man vielleicht denken mag. Jeder hat eben seinen Weg. Ein bisschen anders. ECHTE Beziehungen halt. Je nachdem, wer die Kinder gerade enger begleitet, sind die Lösungen für Konflikte andere. Wobei hier niemand auf die Idee kommt, das Kind des anderen zu verdrehen. Ich halte Rücksprache, ob E. noch Süßigkeiten darf – und wenn Nana Unsinn baut, löse im Zweifel ich das. – Generell gehe ich mit allen drei Kindern, so gut ich das kann, gleich achtsam um.

Wir alle, so gut wir können.

Es harmoniert, es greift ineinander, obwohl wir nicht immer alles exakt gleich sehen.

Plötzlich sind es Drei. Oder: Geht Erziehungsfrei mit mehreren Kindern?

Ein großes Thema, wenn plötzlich drei Kinder zusammen Aufwachsen ist das Teilen und aufeinander Rücksicht nehmen. Das ist gar nicht immer so einfach. Es gibt schlechte Tage, da will es einfach nicht miteinander klappen. Und es gibt gute Tage. Nana und E. sind mittlerweile oft schon ein richtiges Team. Sie verstehen sich einfach, streiten zwar gelegentlich um ein Spielzeugauto, aber finden immer öfter schon alleine Lösungen für Streitigkeiten. Malen sich Liebesbriefchen, halten Händchen und bringen sich Überraschungseier mit. Den Altersunterschied von knappen zwei Jahren merkt man ihnen kaum an. Dass Nana schon ziemlich weit ist, spielt da, glaube ich, keine unwesentliche Rolle.

Nana und E.

Schwieriger ist aktuell die Situation mit Klein A. Klein A. ist noch keine zwei Jahre alt. E. und A. lieben und hassen sich, wie Geschwister das eben so tun. Ja und Nana? Nana schwankt inzwischen genauso zwischen großschwesterlicher Fürsorge und Ablehnung. Nana mag es nicht, wenn Klein A. laut schreit. Nana mag nicht, wenn A. wütend ist. Aktuell drückt er das nämlich mit hauen und werfen aus. Nicht immer ist gleich jemand zur Stelle. Immer öfter heißt es deswegen „A. darf nicht mitspielen.“ „A darf nicht in mein Zimmer kommen.“ Wupp. Tür zu. Und während die Großen alleine spielen, ist A. frustriert. Uff.

Einen Anflug von Eifersucht merke ich zu alledem bei Nana manchmal auch, wenn sie nicht will, dass ich A. auf den Arm nehme, oder sie ihn von meinem Schoß schiebt. Ich glaube, ich schaffe es ganz gut, das zu puffern. Und wenn Nana dann Klein A. doch in den Arm nimmt und aufpasst, dass er draußen nicht wegläuft, bin ich mir ziemlich sicher, dass sie einmal eine wunderbare echte große Schwester sein wird.

Und ein Bisschen wie mit Geschwistern ist es schon jetzt.

Nanas Papa mit den Clankindern
Der Papa und die Clangeschwister. Drei Kinder stehen ihm gut.

Drei Kinder. Drei Charaktere. Mein Kind hochsensibel. E. und Klein A. tendenziell gefühlsstark. Klein A. mit einem ganz starken Autonomiebedürfnis. Wenn ich bisher dachte, Nanas hätte einen starken Willen, dann belehren mich unsere Clanjungs eines Besseren. Ihre Wutanfälle sind heftiger als Nanas. Und beide anders. Unglaublich vor Augen geführt zu bekommen, wie unterschiedlich Kinder doch sein können. Anstrengend. Echt. Und gleichzeitig finde ich es so bestärkend, dass ich auch hier immer den erziehungsfreien Weg sehe. Dass wir eine Lösung finden, wenn wir bereit dazu sind, geduldig zu sein.

Immer mal wieder schreiben mir Leute mit einem Kind könnte ich nicht mitsprechen, weil es mit mehreren Kindern anders ist. Ist es auch. Wusste ich schon immer und jetzt noch mehr. Ändert aber nichts an der Haltung.

Warum eigentlich Erziehungsfrei? HIER und HIER habe ich ein paar Gedanken zum Ausstieg für Dich

Unsere Situation lässt sich mit echten Geschwistern noch nicht ganz vergleichen. Aber: Sie lässt mich reinschnuppern in das Mehrfachmama sein. Ich kann jetzt verstehen, wie die Nerven beim Geschwisterstreit blank liegen können. Und dass man manchmal einfach Ruhe möchte. Meine Einstellung zu Erziehung hat sich aber nicht verändert, auch nicht seit ich nahezu täglich drei Kinder um mich habe.

Natürlich bin ich nicht fehlerfrei.

Natürlich bin ich manchmal ratlos.

Es ist überhaupt nicht einfach, unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche zusammen zu bekommen. Drei Kinder sind eine harte Nummer. Die Zeit alleine mit Nana weiß ich wohl nun auch noch mehr zu schätzen.

Mit Dreien sind Konflikte turbulenter. Wenn Nana brüllt, weil klein A. nach ihr haut, weil sie ihm ihr Spielzeugauto aus der Hand gerissen hat, weil E. ihr das ja zuerst weggenommen hatte und Klein A. es dann genommen hat, und E. gleichzeitig beklagt, dass ihm langweilig ist und er raus will, aber Nana das lieber nicht will und A. hunger hat… Dann atme ich schon ziemlich tief durch, um nicht selber laut zu schreien. Manchmal werfen wir Erwachsenen uns dann müde lächelnde Blicke zu. Mit Humor geht es besser. Und manchmal sage ich, „ich weiß auch nicht, was wir jetzt tun sollen, Kinder.“ Aber eines weiß ich auch in diesen Momenten: Ich will nicht drohen, nicht bestrafen. Ich will kein Machtwort sprechen, und keines dieser Kinder erziehen. Immer noch nicht. Auch wenn Drei anstrengender sind, als Eines.

Ich will Lösungen suchen mit den Kindern. Begleiten. Trösten. Ich kommuniziere gewaltfrei (gfk), so gut ich das in konkreten Situationen schaffe. Ich mache Vorschläge. Ich halte Wut und Frust aus. Ich verteidige Grenzen, erkläre geduldig, dass das Spielzeugauto nun mal Nana gehört und nicht E. Und nein, ich kann nicht jeden Streit abwenden, brauche ich aber auch gar nicht, um das hier zu leben. Was zählt: Auf Augenhöhe bleiben.

Ob mir das immer gleichgut gelingt, weiß ich nicht.

Ich bin nicht perfekt.

Aber meine Haltung ist da. Erziehungsfrei. Gleichwürdig. Lösungsorientiert. Achtsam.

Es kommt nicht auf die Kinder an!

Erziehungsfrei ist eine Entscheidung. Eine Haltung. Wenn ich an manchen Nachmittagen so dasitze, Klein A. auf dem Schoß, ihn bespaße und vom Spielbrett abräumen abhalte, während ich Nana und E. beim Spielen begleite, oder mit allen drei Kindern in der Küche stehe und koche, dann weiß ich, dass Erziehungsfreiheit niemals von Anzahl oder Charakter der Kinder abhängig ist, sondern immer nur von mir selbst.

Die Väter mit den zwei großen Kindern

Es kommt nicht auf die Kinder an. Es geht nicht darum, wie SIE sind.

Es kommt auf uns an. Ich glaube, das ist eine wichtige Erkenntnis des letzten halben Jahres. Ich meine, ich wusste das schon vorher. In der Theorie. Nun ist es mein Alltag erziehungsfrei mit drei Kindern zu leben.

Egal ob ein Kind lauter oder leiser ist, hochsensibel oder willensstark. Es geht immer darum, wie ICH mit meinem*n Kind*ern umgehen WILL, darum Muster zu hinterfragen und umzudenken. Um MEINE Ressourcen und MEINE Bereitschaft Erziehung abzulegen. Schaffe ich es, den Blick auf mich zu wenden, dann ist es nicht mehr wichtig, ob wir vom Einzelkind oder von Geschwistern sprechen.

Mehr noch: Es fällt dann auch leichter anzunehmen, dass jemand anderes Konflikte anders löst. Weil es bei Erziehungsfreiheit gar nicht so sehr darum geht JEDE (erzieherische) Ungerechtigkeit vom Kind in jedem Fall fernzuhalten, ob sie nun von den Großeltern, der Schule oder Freunden kommt, sondern nur um UNS. Unsere Bindung.

Es ist MEINE Entscheidung, wie ICH mit diesen Kindern umgehen will.

Und diese Kinder, die sind wundervoll. Alle drei auf ihre Art.

Ich bin verliebt in unseren Familienclan. Ich bin froh, dass wir uns gefunden haben, und ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass A. und E. hier irgendwann vielleicht doch nicht mehr mit herumwuseln. .

Ich bin gespannt auf die Zukunft. Wie sich die Freundschaft der Kinder entwickeln wird. Und wohin unsere Reise geht. Und dankbar. Dankbar bin ich ganz besonders. Danke, dass ihr immer da seid. Xx Fiona

Erziehungsfrei mit mehreren Kindern. Wenn aus Freunden Familie wird

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