Kinder loben? Über Lob und Wertschätzung

Belohnungen Lob Wertschätzung

Kinder loben- Ein Problem? Wenn du dich mit Erziehungsfreiheit auseinandersetzt, wirst du einsehen, dass es nicht verkehrt sein kann, Kinder anzunehmen, wie sie sind; ihnen nicht zu Drohen, und ihnen nicht durch Strafen zu schaden. Und dann kommt dieser Moment, wenn du auf Beiträge stößt, in denen es heißt, Belohnungen und Lob sind auch nicht besser, auch eine Form von Gewalt. Das hinterlässt einen komischen Beigeschmack.

Natürlich: Ein Kind sollte nicht mit Lob überhäuft werden, schon gar nicht für Banalitäten, aber was an einem ›gut gemacht‹ generell falsch sein könnte, und warum das Fleißsternchen fürs aufgeräumte Zimmer ein absolutes NoGo ist, das ist nicht unbedingt auf den ersten Blick ganz klar.

Als ich selbst das erste Mal darauf stieß, ich meiner es war beim Kompass (damals: unerzogen leben), waren wir gerade in einer Phase , in der ich eifrig mein Kind für alles mögliche lobte, was sie gerade neu lernte. Und damit sollte ich aufhören?

Inzwischen habe ich verstanden, was die Schwierigkeit an dieser Thematik ist. Belohnungen gehören deswegen heute ganz klar zu den Methoden, auf die wir im Umgang mit unserer Tochter komplett verzichten. Mit Lob bin ich ebenfalls sparsam geworden, rufe meinem Kind aber doch oft noch ohne schlechtes Gewissen ›gut gemacht‹ zu. Weil es mit der für mich einzigen richtigen Absicht passiert: Nämlich aus Wertschätzung!

Die Schattenseite vom Kinder loben: Was ist das Gegenteil von gut?

Belohnungen und Lob klingen zugegebenermaßen erstmal überhaupt nicht schlimm; Sind das doch zwei Dinge, über die sich die meisten Erwachsenen und Kinder freuen. Was aber daran liegt, dass wir diese Mittel aus unserer Kindheit gewohnt sind! Wir sind auf Lob gewissermaßen konditioniert.

Tatsache ist jedoch: Belohnungen und Lob verhalten sich wie Strafen.

Es sind Mittel zur klassischen Konditionierung, also Mittel, um Kinder gezielt zu manipulieren erziehen. Die positiven Gefühle, die durch den belohnenden Reiz ausgelöst werden, sollen ein erwünschtes Verhalten festigen und dafür sorgen, dass es (und kein anderes) wiederholt wird.

Das gegenteilige unerwünschte Verhalten wird auf diese Weise automatisch negativ konnotiert und unterbunden. Das Ausbleiben der Belohnung ist dann wieder eine implizite Strafe. Auch selbst dann, wenn das vom Erwachsenen gar nicht unbedingt bewusst so angedacht sein mag.

Belohnung und Strafe sind im Endeffekt nichts anderes, als zwei Seiten der Erziehungsmedaille, die in der klassischen Erziehung konstant gegeneinander ausgespielt werden. Ein Kind soll es anstreben Belohnungen und Lob zu erhalten, und gleichzeitig jene Verhaltensweisen meiden, die zur Bestrafung führen.

In einem solchen Konditionierungsnetz kann es überhaupt nicht möglich sein, sich frei zu entwickeln. Die Frage ist immer, was ist gut, was schlecht.

Es greift eine latente strukturelle Gewalt, die den Zögling vom Erziehenden und seinem Urteil abhängig macht.

Statt Freude: Druck und Angst! Das Problem mit den Fleißsternchen

Ein Belohnungssystem, und wenn die Belohnung noch so großartig (oder winzig ist) ist, übt unheimlichen (unbewussten) psychischen Druck aus.

Ich erinnere mich, dass wir in der Grundschule einen Stempel für Schönschrift bekommen haben. Einmal habe ich diesen Stempel nicht bekommen, das weiß ich bis heute, und ich war traurig. Ich wollte den Stempel von da an immer unbedingt bekommen, habe meine Schrift skeptisch im Blick gehabt, und gebangt. Noch heute fühle ich mich schlecht, wenn ich in Eile wenig leserlich schreibe. Ich reiße dann manchmal sogar unschöne Seiten aus Notizbüchern aus, selbst wenn niemand außer mir selber meine Notizen darin zu lesen bekommt.

Eigentlich war es ein banales Belohnungssystem, aber es rennt mir immer noch hinterher. Freilich, es kommt auf die Verfassung an, und auf die Emotionen, die eine Maßnahme im Einzelnen auslöst. Bei MIR hat sich dieses Schulzeiterlebnis eingebrannt. Bei anderen evtl nicht.

Wir wissen nicht, wie unsere Kinder die Dine aufnehmen! Und wir sollten deshalb NIEMALS von einem ›das wird schon nicht schaden‹ ausgehen.

Es KANN Schaden.

Schon alleine diese Möglichkeit sollte uns genügen, um umzudenken.

Schon das Ausbleiben einer Belohnung, vermittelt letztlich immer auch: SO bist du nicht gut genug.

Druck, das gewünschte Verhalten zu erfüllen, und Angst, zu versagen, sind auf diese Weise die zwei wesentlichen Katalysatoren von Belohnungssystemen. Sie funktionieren genau wie bei Bestrafungen.

Außerdem kann der inflationäre Einsatz von Belohnungen (und Lob) auf lange Sicht dazu führen, dass ein Kind sich ohne diese Form der Rückmeldung generell weniger anerkannt fühlt, weil W e r t s c h ä t z u n g nicht mehr ausreicht, um sich als ausreichend gesehen zu empfinden.

Auf Belohnungen zu Verzichten heißt im Umkehrschluss nicht, dass ich meinem Kind nichts schenke. Bei uns gibt es dauernd Geschenke, vermutlich viel zu viele davon, auch nach Arztbesuchen zB, aber sie sind nicht an ein Verhalten geknüpft. Die Abmachung sich nach der unangenehmen Sache was Schönes zu gönnen, gilt unabhängig davon, ob sie „lieb ist“ oder „brav mitmacht“, sondern ist eine wohltuende Aussicht.


Besonders wichtig finde ICH das übrigens in den ersten Lebensjahren, die das Kind und sein*ihr Selbstbild besonders prägen.

Mir ist bewusst, dass es unmöglich sein wird, meine Tochter von Belohnungssystemen ganz abzuschirmen. Belohnungen und Lob sind einfach viel zu gängig in unserer Gesellschaft. Ich kann nicht die Welt ändern, ich kann es nur selber anders machen: Was ein Kind von den engsten Bindungspersonen erfährt, ist in vielen Dingen entscheidend.


Kinder loben: Was ist manipulatives Lob?

Kommen wir zum Lob. Hier wird die Sache gefühlt komplizierter. Zu den Dingen, die ein Kind hören will, gehört das ›gut gemacht‹ doch sicher dazu? Habe ich auch gedacht.

Finde ich auch immer noch. Ein bisschen zumindest:

Nämlich dann, wenn das Lob von Herzen kommt, statt aus der Erziehung, die berechnende Pläne für die nahe oder ferne Zukunft unseres Kindes schmiedet und es dahingehend „lobend“ formt.

Weil es dann MEHR ist, als nur ein Lob.

Loben, Strafen, Formen: Was ist eigentlich Erziehung? MEHR ERFAHREN

Wichtig ist, wie fast immer, wenn wir von Dingen sprechen, uns zuerst über die Definitionen klar zu werden. Was ist eigentlich Lob?

Lob ist eine zielgerichtete Handlung, also nichts anderes als eine Belohnung, auf der verbalen Ebene. Lob bewertet eine Handlung oder eine Situation, und meldet zurück, dass diese gut und erwünscht ist. Lob in seiner reinen Form ist manipulativ!

Für ein Kleinkind hält sich das Lob der Eltern mit materiellen Belohnungen die Waage, denn was ist für ein kleines Kind wertvoller, als die Begeisterung der Eltern, wenn es keinen materiellen Wert unterscheidet?

Lob undWertschätzung unterscheiden

Nana freut sich immer wahnsinnig, wenn sie etwas findet, über das wir uns freuen Natürlich zeige ich meinem Kind, wenn mich etwas, das sie tut begeistert: Ich freue mich MIT ihr, und ich zeige ihr MEIN Interesse.

Ich w e r t s c h ä t z e mein Kind, statt ihr Verhalten zu loben.

Statt Nana drölfzig mal zu sagen, dass sie ›ganz toll tanzt‹ (Also ihre Handlung zu bewerten!), tanze ich mit ihr, klatsche dazu, sehe sie. Oder: ich bedanke mich, wenn sie hilft, die Einkaufstasche auszuräumen, statt zu extra zu betonen ›wie gut sie das macht‹ und ›wie lieb das von ihr ist‹.

Ich unterscheide Lob und Wertschätzung am einfachsten so: Lob ist die positive Bewertung und dadurch Verstärkung des Verhaltens, Wertschätzung ist die nicht wertende Kommunizieren und Teilhabe.

Erwachsenensicht: Ich freue mich, wenn sich jemand mit mir hinsetzt und sich über den Inhalt meiner Seminararbeit unterhält, mich fragt, ob ich zufrieden bin und anerkennt, dass ich die Arbeit neben der Kinderbetreuung geschrieben habe. Wenn Jemand Interesse zeigt also, statt meine Arbeit auf das ›gute‹ Ergebnis zu reduzieren und mich damit sitzen zu lassen.

Überlege dir eine aus deinem Alltag. Ist es wirklich ein Lob (eine Bewertung), was du rückgemeldet bekommen möchtest, oder doch Wertschätzung?

Vielleicht verstehst du jetzt den Unterschied, den ich meine, etwas besser.

Ist Wertschätzung nur eine Frage der Wortwahl?

Kann ein ›gut gemacht‹ nicht auch wertschätzend gemeint sein? Soll ich darauf denn jetzt wirklich ganz verzichten?

Im Diskurs über Lob und Wertschätzung beobachte ich, dass oft klar suggeriert wird auf wertende Formulierungen GANZ zu verzichten. Stattdessen geht der Trend zum wertungsfreien „ich sehe dich“, Situationen beschreiben, Gefühle benennen und über die passierte Sache sprechen.

Aber manchmal reicht mir das nicht aus, um meine Freude auszudrücken, und nach dem ›Du hast das Puzzle ganz alleine zusammengesetzt!‹ oder dem ›Danke‹ purzelt ein euphorisches ›super!‹ doch hinterher. Ups.

Ein Grund mich schlecht zu fühlen? Nein.

Ich denke, es kommt tatsächlich auf mehr an. Ich kann ganz gewiss auch ein ›Ich sehe dich‹ instrumentalisieren, um mein Kind positiv zu konditionieren – Dann sehe ich mein Kind bei anderen, unerwünschten Verhaltensweisen eben einfach nicht. Dann wartet es auf meine Interaktion, und es kommt keine. Bäm- So einfach ist das also gar nicht.

Es kommt auf die Intention an.

Wenn meine Tochter weiß, dass ein ›gut gemacht‹ (zwar bewertet, dass ICH das gut finde) ABER kein anderes Verhalten an ihr abwertet; ja wenn mein Kind WEIß, dass ich sie liebe, genauso wie sie ist, dann wird das „super““ sie nicht mehr manipulieren, als ein „ich sehe dich“ es könnte. Dann kann auch die lobende Formulierung meinem Kind meine Wertschätzung ausdrücken (insofern Interaktion folgt und die Bewertung nicht alleine bleibt!). Sie macht sich dann keinen Druck, da ich keinen Druck erzeuge.

Für mich ist es nicht die Formulierung, die in der Kritik stehen muss. Es ist die Intention. Es ist das Warum. Und das Drumherum, bin ich wertschätzend bei meinem Kind?

Zeige ich echtes Interesse? Mein Kind merkt das. Ein ›gut gemacht‹ wertschätzend meinen zu wollen, reicht natürlich nicht aus. Es muss auch wirklich so sein! Das Kind muss wie es ist geliebt sein, auch bei unerwünschtem Verhalten. Gerade dann. Das ist mMn der Gamechanger.

Es ist also schwierig mit dem Lob.

Kinder loben: Catching in beeing good

Es gibt Situationen, da sind wir als Eltern mit dem Latein einfach am Ende und froh, wenn überhaupt irgendetwas irgendwie doch mal funktioniert.

Dann ist so ein Lob doch allemal besser, als eine Strafe. Catching in Beeing Good, statt Totalausfall. Positive Verstärkung, statt Sanktion.

Ja.

Aber nicht weiter zu wissen, rechtfertigt NICHT ein Kind zu manipulieren. Wir müssen die Verantwortung tragen.

Wir müsse uns bewusst machen, dass wir in diesem Moment erziehen.

Im Endeffekt denke ich zwar schon, dass es ein Kind, das NUR durch Lob teilweise erzogen wird, es besser trifft, als eines, das angeschrien und gedemütigt wird, trotzdem wird aber auch dieses Kind auf Dauer ein Gefühl entwickeln, nur gut genug zu sein, wenn es anderen gefällt. Das Elternteil, das weil es nur lobte, behauptet niemals bestraft zu haben, erkennt nicht, wie viel Bestrafung ein ausbleibendes Lob fürs Kind ist!

Und doch, ich kann mich davon nicht freisprechen, Nana oft genug zu zeigen, welches Verhalten mir lieber ist. Ich denke nicht, dass irgendjemand sich davon freisprechen kann. Trotz Erziehungsverzicht haben wir ALLE persönliche Vorstellungen. Vorstellungen von Situationen, von Verhaltensweisen, von unseren Kindern. Menschen werten, vergleichen. Das ist tief in uns drin. Das alles vermitteln wir. Dauernd. Dafür braucht es gar nicht ein Lob und eine Belohnung (oder eine Strafe), schon unsere Stimmung alleine drückt genauso viel Wertung aus.

Worte sind mächtig, aber keine Worte sind es auch.

Bei uns ist so ein typisches Thema das Zähne Putzen. Dass Zähneputzen mir wichtig ist, dass ich möchte, dass es funktioniert, kann ich nicht ablegen. Natürlich, merkt mein Kind das. Und da hier sowieso Konfliktpotenzial herrscht, besinne ich mich lieber auf Catching in beeing good, als frustriert zu maulen. Ich hebe also hervor, wenn das Zähne putzen geklappt hat.

Wichtig bleibt mir, dass Nana weiß, dass SIE als Person, wie sie ist, gut ist. Ich trenne SIE von IHREM VERHALTEN (dass ich gut – weniger gut finde).

Auch wenn sie merkt, dass es dieses Verhalten gibt, dass MICH stört, ändert das nichts daran, dass sie auch MIT diesem Verhalten immer noch richtig ist, und auch genauso bleiben kann, wenn sie das will. Weil es für SIE ja gar nicht schlimm ist, und auch nicht schlimm sein muss. Was mich stört, dass ist nicht SIE, dass ist MEINE unerfüllte Vorstellung. Mein Kind ist NIEMALS das Problem. Das, dass soll sie am Ende immer spüren können.

|Fiona

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4 Kommentare

  1. Puuuh, da muss ich gerade sehr schwer schlucken.. schade, dass die Intuition der Eltern so dermaßen flöten geht, dass es solche Beiträge gibt. Als „neu“Mutter und Pädagogin muss ich zugeben, dass ich selten so einen Blödsinn gelesen habe!! Genau solche Artikel verunsichert die Eltern und es entstehen gestellte Situationen, in denen einfach nicht mehr ehrlich miteinander umgegangen wird und man sich jedes Wort 10 mal durch den Kopf gehen lässt. Sehr sehr schade, anstelle Eltern in ihrem natürlichen Verhalten zu bestärken.. unnötiger Artikel! Sorry..

    1. Schade, dass du das so siehst. Ich habe das Gefühl, dass du dich noch nicht intensiv mit der unerzogen Haltung auseinandergesetzt hast. Dann ist der Beitrag alleine eventuell ein Hineinwerfen in eine Gedankenwelt, die so gerade nicht für dich mit deinem Empfinden zusammenpasst. Ehrlichkeit und Authentizität sind sehr wichtige Werte, besonders auch wenn wir auf Erziehung verzichten wollen, die hier keinesfalls verloren gehen sollen. Die Art und Weise von Kommunikation ist nichts desto trotz immer eine Reflexion wert, zu der der Artikel in Bezug auf Lob/Belohnungen einladen will. Ich bin immer offen für einen respektvollen Austausch, wenn du darauf zurückkommen magst. Viele Grüße, Fiona Lewald xX

  2. Ich freue mich über Deinen Beitrag, weil er mir aus dem Herzen spricht. Ich erinnere mich daran, als mein Sohn , damals 4 Jahre, schaukeln lernte. Eigentlich wollte ich „Guuut!“ rufen, ließ es dann aber und sagte: „Paul, ich freu´mich für dich! Hast du gar keine Angst mehr?“ (Er wollte es lange nicht machen, aus Angst.) „Nein“, rief er, „schau mal in mein Gesicht! Schau mal, ich lache! Mein Magen traut sich das jetzt!“ Wie viel er dadurch von sich aussagte! Ich hätte es nicht erfahren, wenn ich ihn gelobt hätte.
    Alles Gute für Dich und Deine Familie!

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