Was ist eigentlich Erziehung? Eine Annäherung

was ist Erziehung. Titelbild

Was ist Erziehung?

Generell Wörter und ihre Semantik sind ein weites Feld. Sicher, es gibt Definitionen, die stehen im Duden, da können wir nachschlagen. Aber wie wir Wörter oder auch ganze Sätze verstehen, insbesondere bei weitgefassten Begriffen, kommt auch auf unser Wissen über diese Wörter, unsere kontextuell unterschiedlichen Wortkonzepte an, die wir individuell in unserem mentalen Lexikon in unseren Köpfen abgespeichert haben. Diese Konzepte sind nicht rigide, sie werden immerzu angepasst.

Du kannst also durchaus ein anderes Verständnis von Erziehung haben.

Wichtig ist, damit wir überhaupt einen sinnvollen Diskurs starten können, dass du und ich unser Wortkonzept, unsere Idee von Erziehung, abgleichen,

Was heißt nicht erziehen? Missverständnisse Vorbeugen: Den Erziehungsbegriff definieren

Das erste Problemliegt nämlich oft darin, wie wir Erziehung verstehen.

Der*die eine erfasst Erziehung als einen Sammelbegriff, andere definieren den Begriff enger. Viele Menschen haben Erziehung schon definiert. Worin Mensch sich einig ist: Erziehung hat etwas mit der Interaktion zwischen Erwachsenen, insbesondere Eltern und Kindern zu tun. Und Macht spielt auch eine Rolle: Der*die Erzieher*in hat Macht über den*die Gezogene*n.

Viele Menschen haben Erziehung also schon definiert: Fröbel, Brezinka, Hurrelmann und mehr. Fröbels „Beispiel und Liebe“ ist ein wetberühmtes Zitat (auf das ich hier zB bereits eingehe). Wenn es so wäre, könnten wir uns alles das hier sparen. Aber: Erzähle ich, dass ich ja vorlebe und begleite, werden Gegenstimmen seitens Erziehender laut: Das würde nicht reichen!


Ist am Ende doch ALLES Erziehung? Können wir Nicht Erziehen? MEHR HIER


Hurrelmann etwa wird in seiner Definition schon wesentlich genauer: Er spricht von „planvoll und zielgerichteter“ Interaktion, und davon dass Erwachsene „bewusst in den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern eingreifen“, wenngleich das kindliche Interesse dabei berücksichtigt werden solle (Vgl Hurrelmann, Klaus, Mut zur demokratischen Erziehung, in: Pädagogik 46 (1994) 7/8, 13-17).

Noch präziser wird es hier: „Erziehung ist eine planmäßige (absichtliche) und zielgerichtete Tätigkeit zur Formung meist junger Menschen. Erziehung findet also nicht bei jeder Kommunikation, bei jeder Beeinflussung, statt, sondern nur, wenn sich einer über den anderen erhebt und meint, ihn zu einem Ziel (hiner)ziehen zu dürfen oder zu müssen.“, findet sich bei K.R.Ä.T.Z.A (Quelle: http://kraetzae.de/erziehung/).

Es gibt Definitionen, da kommt Erziehung besser weg. Weiß ich. Aber ICH stütze mich auf die hier. DAS ist der Standpunkt, das Konzept von Erziehung, von dem ausgehend ich also auf Erziehung verzichten will.

Erziehung als bewusst eingesetztes Handlungstool, um Kinder in ihrem Verhalten zu lenken/ zu formen. Dabei ist Erziehung stets auf ein Erziehungsziel ausgerichtet. Es gibt einen Plan, ein gewünschtes Outcome.

BRAUCHEN Kinder Erziehung?

Die Idee, dass Kinder Erziehung brauchen, legt ein Bild vom Kind zugrunde, in welchem es nicht wirklich gut dasteht: Wie ein Zahnrad, das noch nicht in Form ist, das von außen passend gemacht werden muss. Irgendwie unfertig, aus sich heraus – eben ohne Erziehung – die erwünschten Verhaltensweisen (die gewünschte Form) gar nicht, oder nur unzureichend, zeigen könnend. Erziehungsfrei widerspricht diesem Bild, und setzt an dessen Stelle ein anderes: Kinder sind, wie sie sind, gut, bringen bereits alle Kompetenzen mit, die sie brauchen, und sind von Natur aus bestrebt, sich an die Gruppe anzupassen (sozialisieren). Sie brauchen für die natürliche Entwicklung zum Erwachsenen Begleitung, Versorgung und Vorbilder, müssen aber nicht von außen in Form gebracht werden. Eher wachsen sie intrinsisch motiviert von selbst in die für sie selbst(!) passende Form hinein.

Was ist eigentlich Erziehung: Erziehungsmechanismen

Erziehung definiert also die Art und Weise, WIE wir mit unseren Kindern umgehen (können). Erziehung passiert bewusst und zielgerichtet.

Zum Erreichen dieser Ziele, die unterschiedlich aussehen können, aber häufig einen ähnlichen Konsens bilden, nutzt Erziehung Erziehungsmechanismen, die das nach unten gerichtete Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kind (aus)nutzen, um das Kind zu formen. Wir könnten auch sagen: Konditionieren.

Das Kind wird sich in der Regel nicht wehren, sondern glaubt den Eltern naturgemäß erstmal alles. Es glaubt, dass MAN dieses oder jenes eben nicht darf, dass es stehen gelassen würde, dass es Schuld sei, und auch, dass es frech oder faul oder böse sei und, dass das alles eben „gut gemeint“ ist.

Glaubenssätze, die wir ins Erwachsenenalter mitnehmen.

Typische Erziehungsmechanismen sind Strafen, Schimpfen, Drohen oder Liebesentzug, die Angst, Beschämung, seelischen Schmerz oder andere negative Gefühle beim Kind auslösen; Aber auch positive Verstärkung durch Belohnungen oder manipulatives Lob gehören dazu. Von körperlicher Gewalt sind wir hier alle hoffentlich sowieso abgeneigt.


Noch ein Wort mit vielen Definitionen ist der Gewaltbegriff. – „Erziehung ist Gewalt“ – Diese Aussage wird oft heftig kritisiert, ist aber eine schlussfolgerung aus der Erziehungsdefinition. Erziehung benutzt bewusst machtvolle, bestimmende und beschämende (= gewaltvolle) Mechanismen. Zudem passiert Erziehung nur im Rahmen eines Machtgefälles, die es dem*der Erziehenden überhaupt erst erlaubt, Zwang auszuüben, und ist damit im soziologischen Sinn eine Gewaltform. Erzieherische Gewalt kann etwa mit staatlicher Gewalt verglichen werden, also eine strukturelle Gewalt, der wir ja alle unterliegen, ohne dass dies bedeuten würde, dass uns physische Gewalt angetan würde.


Vorleben hingegen, welches oft als Gegenargument zum Nicht Erziehen angeführt wird, ist NUR DANN ein Erziehungstool, wenn wir etwa zielgerichtet vorm Kind Bitte und Danke sagen, oder NUR über die grüne Ampel gehen, damit das Kind sich das in diesem Moment abguckt. Vorleben ohne Zweckgebundenheit von Werten und Verhaltensweisen im Alltag, die wir eben einfach haben, wenn wir sowieso bitten, danken, aufräumen, bei grün über die Ampel gehen, ist keine Erziehung im Sinne der og Definition.

Wir alle leben Gutes und Schlechtes vor.

Ebenso kann Lob von manipulativer erzieherischer Absicht sein, oder Ausdruck von Wertschätzung ohne Ziel sein. Schimpfen (Ausschimpfen) ist meist erzieherisch, kann aber auch ein reines dem Ärger Luft Machen sein.

Ihr seht, die Sache ist kompliziert.

Erziehungsfrei ist bunt. Erziehung auch.

Erziehung per Definition mutet in Abgrenzung zu Erziehungsfreiheit schwarz-weiß an. Aber auch Erziehung hat in der Umsetzung viele Ausprägungen. Es ist ein Unterschied, ob du deinem Kind, wenn ihr zum Einkaufen loswollt, draußen der Schnee fällt und es partout die Jacke nicht anziehen will, den Po versohlst, oder es anmaulst, mit diesem gewissen Blick bis drei anzählst, ihm*ihr mit Fernsehverbot drohst, oder los gehst und suggerierst dein Kind alleine zu lassen, ein Geschenk in Aussicht stellst, oder es ohne Jacke mitnimmst, auch keine mitnimmst und es bewusst auflaufen lässt (laisser faire!). Alles Erziehung. Alles unterschiedlich.

Das Wissen auch wir Erziehungsfreien, die sich „Erziehung überwinden“ auf die Fahne geschrieben haben. Was wir gar nicht mögen, ist diese krass autoritäre Erziehung, die harte Mechanismen billigend benutzt, Kinder erniedrigt, verängstigt, ihnen gar körperlich wehtut, und das sogar gut findet. Und laisser-faire Erziehung, Verantwortungslosigkeit, ist auch Käse.

Dazwischen gibt es Abstufungen. Und je nachdem, wie du Erziehung definierst sogar so etwas wie eine erziehungsfreie Erziehung: Bindungsorientierte Erziehung. Ich könnte das alles hier auch so nennen – Tu ich nicht, weil ich den Erziehungsbegriff nicht mag. Mir hilft die Unterscheidung, um eine klare Linie zu finden. MIR. Wie ist es bei dir?

Erziehungsfrei jedenfalls ist also die Abwesenheit von Erziehung nach der oben erläuterten Definition. Die Abwendung vom Bild vom unfertigen, Formung benötigenden Kind , sowie die Ablehnung von zweckgebundenen erziehenden Mechanismen jeder Art (bestrafen, belohnen etc).

Verzichten auf Erziehung: Was tun Erziehungsfreie Eltern?

Nicht erziehen hinterlässt keine Lücke, keine Bruchstelle, sondern schafft einen Raum für (kreative) Lösungen.


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Wir leben unsere echten Werte vor (und stehen dann auch zu den schlechten). Wir wertschätzen ohne Ziehziel. Wir kommunizieren möglichst gewaltfrei (gfk nach Rosenberg), nicht immer fehlerfrei, aber immer mit Klarheit über unsere Wünsche und Bedürfnisse (ganz ganz viel davon!). Wir gehen auf Augenhöhe, nehmen die kindliche Perspektive ernst, sind empathisch. Wir verbalisieren Gefühle. Sehen erstmal hin. Wir schützen (das Kind, uns und Dritte und Dinge und Grenzen und so). Wir umsorgen, unterstützen und tragen Verantwortung. Wir finden faire(!) Kompromisse für Konflikte, besser noch echte Lösungen. Wir halten Gefühle aus. Greifen ein, wenn wir eingreifen müssen. Und vergessen uns selbst bitte nicht!

Selbstfürsorge ist ein wichtiger Baustein, um Erziehung zu überwinden.

Freilich können das auch alles die Leute tun, die erziehen.

Der Unterschied liegt in dem, was wir nicht tun: Wir übernehmen eine zugewandte, klare Führung BEWUSST OHNE auf erziehende Mechanismen zurückzugreifen. Und das eben jederzeit, so gut wir gerade eben können.

Das ist nämlich gar nicht Einfach. Erziehung ist in den meisten von uns drin.

Wir sind erzogene Kinder, und es ist ein knallharter, emotionaler Prozess, diese Erziehung nicht weiterzugeben. Jeder nicht erziehende kennt den Impuls zu bestrafen. Wir können das also verstehen. Aber wir entscheiden uns bewusst dagegen. Versuchen was andres. Ich schreibe Versuchen, denn jeder auf diesem Weg, scheitert manchmal.

Wir schaffen es nicht immer. Und entschuldigen uns dafür beim Kind.

Ich rede mit meiner großen Tochter darüber manchmal schon intensiver, über die Wut, die manchmal das Sagen übernimmt, bevor ich mir eine gute Lösung überlegen kann. Wenn es mal wieder nicht funktioniert hat mit der Geduld, dem Atmen und dem fair bleiben- wenn ich doch einmal gedroht habe. Sie erinnert mich daran, dass ich so etwas nicht sagen will. Sie traut sich das. -Und solange sie sich das traut, sind wir auf dem richtigen Weg.

Es ist immer die Frage, nach dem WIE

Ihr merkt vielleicht, von Regeln war noch gar nicht die Rede. Das kommt daher, weil Regeln (und Grenzen) gar nicht Teil von Erziehung sind. Erziehung (oder nicht) ist eine Haltung zum Kind, ferner ein Tool, eine Umgangsweise. Es ist die Frage nach dem WIE. Wie gehen wir miteinander um?

Regeln existieren unabhängig. Manche Regeln sind allgemeine Grundsätze, Gesetze, Gepflogenheiten; manche die Regeln von Leuten, denen ich die ja wiederum nicht ausreden kann (selbst wenn ich sie nicht richtig finde), manches sind meine persönlichen Grundsätze (die andere nicht gut finden) – und manche Regeln können wir hinterfragen und problemlos kippen.

Ebenso verhält es sich mit Grenzen. Grenzen braucht kein Kind, aber Grenzen begegnen wir, ebenso wie Regeln, immer, wenn mehrere Menschen zusammen kommen. Auch Kinder, die ohne Erziehung aufwachsen, erleben Grenzen. Es ist natürlich unsere Aufgabe, ihnen jederzeit zu zeigen und zu helfen, diese nicht zu übertreten.

Wenn Kinder Grenzen übertreten oder Regeln missachten und niemand sie dabei begleitet, kann das daran liegen, dass (gerade) niemand hinsieht, oder die Eltern die Grenze selbst nicht wahrnehmen/schützen (wollen). Das ist dann auch wieder eine Haltungsfrage. sicherlich. Aber in den seltensten Fällen auch wirklich eine Frage nach Erziehung oder nicht Erziehung.

Wie vermitteln wir unseren Kindern, was auch immer wir vermitteln wollen: Mit oder ohne Erziehung? Wie kommunizieren wir mit ihnen? Und wie betrachten wir sie, unsere Kinder, bei all dem? Wir können also nicht erziehen. Wenn wir wollen. Und ich will. Ich will auf erzieherische Methoden verzichten, will auf Augenhöhe gehen, und auch im Konflikt davon ausgehen, dass sie für sich handeln – nicht gegen mich/andere.

Nicht Erziehen ist komplex. Dahinter stecken komplexe Überlegungen und Werte, Reflexionen und der Blick auf die eigene Kindheit. Ganz sicher hat Erziehungsverzicht nichts mit „Faulheit“ zu tun, genauso wenig mit „Verantwortungslosigkeit“. Im Gegenteil: Mit der Entscheidung gegen Erziehung übernehme ich erst wirkliche Verantwortung. Für meine Kinder, ihr Wohlergehen und ihren Selbstwert, für mich, und für uns als Familie.

| Eure Fiona

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