Erziehungsfrei leben: Ich gebe die Verantwortung nicht ab!

Verantwortung

„Und wenn euer Kind dem Nachbarn die Autoreifen zersticht, dann stehst Ihr schulterzuckend daneben und bewundert ihr Geschick, oder was?“ – Vielleicht etwas überspitzt; aber so ungefähr lesen sich tatsächlich manche kritischen Rückmeldungen, die ich bekomme. Ein ums andere Mal wiederhole ich mich in den Antworten: NEIN. Natürlich nicht. Ich verzichte auf Erziehung. Ich gebe die Verantwortung nicht ab.

Verantwortung: Was ist das eigentlich?

„Verantwortung, die (a) [Mit einer bestimmten Aufgabe, einer bestimmten Stellung verbundene] Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass (innerhalb eines bestimmten Rahmens) alles einen möglichst guten Verlauf nimmt, das jeweils Notwendige und Richtige getan wird und möglichst kein Schaden entsteht. (b) Verpflichtung, für etwas Geschehenes einzustehen [und sich zu verantworten]“ (Definition aus dem Duden Online)

Ich bin als Mutter dazu verpflichtet, für das Wohl meiner Tochter Sorge zu tragen. Ihr Leib und Leben zu schützen. Natürlich. Ebenso wie das Wohlergehen und ggf. Besitz Dritter zu schützen. Und ich bin dazu verpflichtet, gerade zu stehen, für eben alles das, was mein Kind vielleicht anstellt.

Alles das tue ich.

Nichts davon vernachlässige ich, wenn ich auf Erziehung verzichte: Meine Verantwortung als Mutter bleibt bei mir. Das finde ich enorm wichtig.

Die Idee der Leute, dass Erziehungsfreiheit keine Verantwortung übernehmen kann, kommt von den falschen Vorstellungen von Erziehungsverzicht und Selbstbestimmung. Erstes wird mit totaler Regellosigkeit; Zweites mit Überforderung/ Vernachlässigung gleichgesetzt.

Verantwortung übernehmen: Erziehen oder Nicht Erziehen?

Das vermutlich häufigste Vorurteil gegen ErziehungsFREI, das mir begegnet, ist, dass „diese Unerzogenen keine Regeln befolgen (lernen)“.

Es spiegelt die Angst, dass ohne Erziehung Chaos herrscht. Was natürlich Unsinn ist. Weder Erziehung noch Nicht-Erziehung tangieren erstmal die Existenz von Regeln und Grundsätzen im sozialen Miteinander.

Es geht bei Erziehungsfreiheit nicht darum, zu verneinen, dass es Regeln und Grenzen gibt. Es geht um das WIE. WIE VERMITTELE ICH DIESE?

Wie vermittele ich diese Grundsätze?

Und WIE gehe ich als Mutter damit um, wenn meine Tochter es (noch) nicht schafft, zB. im Restaurant still am Tisch zu sitzen? Ich kann mich natürlich auf meine Machtposition versteifen und Gewalt ausüben, indem ich zB. eine Strafe androhe; Oder ich löse die Situation für alle Beteiligten – auch für mein Kind – achtsam. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ernsthaft jemand abstreiten kann, welche Variante verantwortungsvoller im Sinne der obigen Definition ist; Bei welcher Variante im Umgang mit Kindern TATSÄCHLICH „das jeweils Notwendige und Richtige getan wird“ (s.o.). 

Verzicht auf Erziehung bedeutet NICHT, handlungsunfähig zu werden, nicht mehr eingreifen zu können und stets abzunicken, was immer mein Kind tut. Jenseits von Erziehung gibt es etliche Handlungsmöglichkeiten, WENN wir uns darauf einlassen WOLLEN. Wir können miteinander gewaltfrei reden, gemeinsam Alternativen finden, Bedürfnisse unden, Situationen präventiv abfangen; auch: Nein Sagen und Frust begleiten.

Natürlich kann ich NEIN sagen und Situationen beenden.

Das kann ich tun, und dann die Verantwortung für mein NEIN tragen.

Das heißt: Ich trage Verantwortung durch eigene Klarheit und achtsame Begleitung von Wut und Frust meiner Tochter. – Dass ich niemals mein Kind stoppen würde, ist eine völlig falsche Idee von Erziehungsfreiheit.

Erziehung empfinde ICH nicht als verantwortungsvoll.

Nur ohne Erziehung fangen wir an, außerhalb von gewaltsamen Mechanismen zu denken und echte Lösungen zu suchen. Einander respektierende Lösungen, die wirklich Verantwortung übernehmen.

Kindern Respekt beibringen zu wollen, indem wir Kinder respektlos bedrohen, ist unsinnig. Natürlich gibt es Abstufungen, liebevollere Erziehung. Der Absprung von dort zum Erziehungsverzicht ist manchmal wirklich minimal. Oft ist Erziehung aber kompromisslos.

Ich verstehe auch nicht, warum so viele Leute Erziehungsfreiheit verkennen. Warum sie nicht sehen, dass ein respektvoller Umgang mit unseren Kindern, keine Tyrannen hervorbringt, sondern Menschen, die von klein auf gewaltfreie Kommunikation, das Denken in Alternativen und Lösungen, gegenseitige (!) Rücksichtnahme und natürlich Respekt (er)leben.

ErziehungsFREI heißt nicht regellos

Ohne Erziehung leben, bedeutet nicht regellos zu leben.

Ich erfinde keine Regeln, UM einen künstlichen Lerneffekt zu erzielen. Aber: Mein Kind kann nicht tun und lassen, was sie will. Das geht einfach überhaupt nicht. Straßenverkehrsregeln zB. sind enorm wichtig. Ein Restaurant ist keine Turnhalle. Wir stellen uns wie jede*r hinten an, bis wir dran sind. Ein Spiel macht keinen Spaß, wenn wir uns nicht an die (altersgerechten) Regeln halten. Und wir können auch nicht einfach Sachen (weg)nehmen, die anderen gehören. etc. Es gibt viele Regeln, auch bei uns.

Auf dem Spielplatz

Auf dem Spielplatz erleben wir Situationen, die zeigen wie unterschiedlich das Zusammenleben mit Kindern sein kann. Hier kommen unterschiedliche Familien zusammen, und während wir alle so dasitzen, werden wir regelrecht gezwungen den anderen zuzuschauen. Manchmal graust es mich und ich frage mich, wie wir diesen Umgang mit Kindern eigentlich rechtfertigen können. Tägliche Szene: Kinder werden schreiend stehen gelassen oder weggetragen. Per Handzeichen wird ein Klaps angedroht.

Der Junge, der mit der Schippe ein anderes Kind anstößt, weil das zwei Schritte schneller an der Schaukel war (FRUST!), wird am Arm fortgezogen, ausgeschimpft und „zur Strafe geht es jetzt nach Hause“. Ein Miteinander, ein Klären und Situationen friedlich lösen, beobachte ich leider zu selten.

Schimpfen. Ermahnen. Drohen. Bestrafen. Grob Anfassen.

Wo steckt denn in diesen erzieherischen Handlungen die Verantwortung, von der die Leute fürchten, sie ausgerechnet ohne Erziehung zu vernachlässigen? Jemanden einzuschüchtern ist nicht verantwortungsvoll, egal wie korrekt und gut gemeint die Message dahinter sein mag.

Natürlich ist es uncool jemandem die Sandschaufel überzuziehen. Jemanden zu schimpfen und zu bestrafen ist es aber auch. Nichts davon hilft einem Kind, die Situation zu verstehen oder Strategien zu entwickeln, um Lösungen für Konflikte zu finden. Erziehung ist nicht sinnvoll. Punkt.

Würde meine Tochter ein anderes Kind schubsen, dann würde ich mich erstmal bei diesem Kind entschuldigen und dann würde ich versuchen, die Situation zu verstehen und zu verbalisieren. Ich würde meinem Kind klar sagen, dass es so nicht geht, und ihr Möglichkeiten an die Hand geben, sich selbst besser auszudrücken. Ich würde meine Verantwortung annehmen, ich würde DA SEIN, erklären und begleiten und ggf. stoppen. Aber: Ich bestrafe nicht. Ich drohe nicht. Weil das rein gar nichts an der Situation verändert – oder gar etwas daran verbessert. Es macht nur MEHR Frust.

Kindliche Selbstbestimmung verantwortungsvoll begleiten

Ähnlich verzerrt nehmen die Leute auch kindliche Selbstbestimmung wahr. Sie glauben, dass das Kind ALLEINE entscheidet, und dabei sich selbst überlassen wird. Ergo: Völlig verantwortungslos. Wäre es auch, wäre es so. Gibt es sicherlich auch, dieses Extrem, aber das ist dann keine Selbstbestimmung in einem guten Sinn. Extreme sind nie gute Beispiele.

Selbstbestimmung heißt Vertrauen in die Kompetenz des Kindes zu haben, Zulassen und Ausprobieren lassen, UND es heißt auch: achtsam hinsehen und das Kind bei seiner*ihrer Entscheidung begleiten, wo Begleitung nötig wird – Selbstbestimmung heißt NICHT alleine gelassen zu werden.

Nana reguliert ihren Süßigkeitenkonsum zB. selbstbestimmt schon seit ihrer ersten Berührung mit Süßem. Sie hat freien Zugang zu einer Auswahl an Süßigkeiten. Jedes Kind ist natürlich anders und braucht verschieden enge Coregulation. (Manche Kinder kommen überhaupt viel weniger mit Süßigkeiten in Kontakt, weil das in der Familie generell anders gelebt wird. Wie immer spielen also eigene Überzeugungen eine große Rolle.)

Nana isst insgesamt ausreichend ausgewogen, und es macht uns nichts aus, wenn sie einmal mehr in die Süßigkeitenschublade greift. Wird es mir doch zu viel, sage ich ihr das auch. Wortwörtlich: Ich sage ihr meine Bedenken und ich schlage ihr Alternativen vor. Bei einem achtsamen Umgang entwickeln sich coregulierende Maßnahmen im Familienalltag ganz automatisch mit: Gemeinsam ausgetüftelte Rationierungen, Coregulation über das Angebot, gesunde Alternativen etc.

DAS ist es also, was ich tun kann. Hinschauen. Miteinander reden. Miteinander Lösungen finden. Verantwortung übernehmen eben.

Wenn du mich fragst: Verbote und strikte Fremdregulation hingegen übernehmen keine Verantwortung. Beides vertagt nur die von Eltern befürchteten Schwierigkeiten auf einen späteren Zeitpunkt. Die Gründe für Erziehung können zwar einen verantwortungsvollen Kern haben, ganz klar, aber die UMSETZUNG ist es nicht. Meiner Verantwortung in diesem Fall (gesunde Ernährung) nachzukommen, heißt für mich, meinem Kind einen bewussten Umgang auch mit Süßigkeiten zu ermöglichen, sie darin zu begleiten und ihr zu helfen, ihren Konsum einzuordnen und regulieren zu lernen. Ich will mit meinem Kind Dinge finden, die ihr schmecken UND gesund sind, nicht, ihr die Regulation der weniger gesunden Dinge abnehmen. Ein älteres Kind geht nicht bewusster mit Süßigkeiten um, einfach weil es älter ist. Ein Mensch kann immer nur so bewusst mit Dingen und Situationen umgehen, wie er das auch lernen konnte.

Verantwortung im Familienalltag

Ich finde es traurig, dass Eltern, die ihren Kindern (begleitete!) Freiheit lassen, ihre eigenen Bedürfnisse kennenzulernen, als verantwortungslos abgestempelt werden, ohne dass sich die Leute mit der Haltung, die dahinter steckt überhaupt auseinandersetzen.

Wir schauen hin, vielleicht sogar mehr, als die, die fremdregulieren und „einfach“ Vorgaben machen. Wir sind präsent und geben unser bestmöglichstes, um „dafür zu sorgen, dass alles einen möglichst guten Verlauf nimmt“ (s.o.). Wie die meisten Eltern im Endeffekt eben. Nur ohne Erziehung.

Weil es anders geht, wenn wir bereit sind, anders zu denken.

Pin Ich gebe die Verantwortung nicht ab! Erziehungsfrei Leben

Ob Erziehend oder Nicht Erziehend, alle Eltern, oder zumindest die meisten, WOLLEN ihrer Verantwortung jederzeit nachkommen.

Der Weg ist unterschiedlich. Geprägt von Überzeugungen. Und vom Kind.

Unfassbar auch, dass viele Leute scheinbar davon ausgehen, dass ein Kind, wenn es  Freiheiten bekommt, automatisch nur falsche Entscheidungen treffen könne. Dass es zum Tyrannen wird, über Tische geht, und maßlos Medien und Suchtmittel konsumiert. Ist das nicht bitter? Und warum sollte es so sein?

Wisst ihr, ich sehe hier ein kompetentes zweieinhalbjähriges Mädchen. Sie ist einfach ein Kind, dem vertraut wird. Ein Kind mit dem geredet wird. Ein Kind, das begleitet wird.

Ich gebe meine Verantwortung nicht ab.

Ich setze sie nur anders um, als die meisten Eltern. Ich nehme einen Weg, der mühsamer ist, ja, der vielleicht mehr Geduld abverlangt, und der es fordert, dass ich meine Glaubenssätze überwinde, statt sie auf mein Kind zu übertragen – aber ich gebe die Verantwortung nicht ab! Ich lasse meine Tochter nicht alleine! Ich entlasse sie auch nicht regellos, unwissend in die harte kalte Welt! Und am Allerwichtigsten: Ich nehme meine Verantwortung meinem Kind gegenüber ernst, ihr immer respektvoll, gewaltfrei und auf Augenhöhe zu begegnen.

Wir sind Erwachsen. Wir sind Eltern.

Wir können uns entscheiden, WIE wir mit unseren Kindern umgehen wollen – Steckt darin nicht die bedeutendste Verantwortung?!

| Fiona

5 Kommentare

  1. Liebe Fiona,

    ein ganz wunderbarer Artikel! ? Damit erklärst du alles so verständlich, logisch und nachvollziehbar! Den werde ich mir definitiv ausdrucken/speichern damit ich in Zukunft in passenden Situationen daraus zitieren/erklären kann.

    Vielen Dank dafür

    Liebe Grüße

    Steffi

  2. Vielen herzlichen Dank, Du hast es wunderbar beschrieben, erklärt und passende Beispiele gewählt. Ich bin komplett deiner Meinung!

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