Unperfekte Elternschaft: Warum Fehler reflektieren als Eltern so wichtig ist

Unperfekte Elternschaft: Warum Fehler reflektieren als Eltern so wichtig ist

Wir dürfen Fehler machen. Genaugenommen werden wir es niemals schaffen, dass uns keine Fehler passieren. Es wird gute Tage geben, und es wird rabenschwarze Tage geben. Das ist eine bittere Einsicht, aber eine Notwendige. Wichtig ist, dass wir als Eltern Fehler reflektieren.

Kinder begleiten: Alle Eltern machen Fehler

Vermutlich kennst du das. Es gibt da diesen Konflikt, den ihr habt. Oder mehrere. Du nimmst dir zwar vor, nächstes Mal nicht wieder so wütend zu werden. Aber es passiert doch. Du schimpfst. Du lässt erzieherische Floskeln vom Stapel, die dir gleich Leidtun.

Kinder zu begleiten, ist das vermutlich schwierigste, anstrengendst, ja, das am meisten ÜBERfordernde, was wir machen werden. Wir werden nicht für alles perfekte Lösungen haben, nichtmal für den größeren Teil. Wir werden viele Konflikte nicht wie in einem bindungsorientierten Bilderbuch lösen. Manchmal sind unsere Ressourcen knapp, unser Fürsorgeakku läuft bereits auf Notbetrieb, und /oder wir empfinden Druck von außen.

Wir geraten in Streit, was gar nicht so sehr das Problem ist.

Vor allem verlieren wir die Verbindung. Wir spulen anerzogene Muster ab und schlittern unelegant an all dem vorbei, was wir uns fleißig zurechtgelegt und angelesen hatten; an all dem wie es sein sollte, für eine perfekte Kindheit ohne Schimpfen und Strafen usw.

Wir stellen fest, dass wir es nicht schaffen. Und das ist okay.

Unperfekt sein, darf uns die Leichtigkeit geben, Ideale loszulassen. Solche Ideale, die uns Ballast aufdrücken. Die uns nicht guttun, weil wir an ihnen scheitern und im Kummer darüber nicht sehen, wie wir DOCH gut genug sind, bei dem, was wir so alles schaffen. Die meisten von uns lehnen Gewalt ab, schauen auf die Bedürfnisse der Kinder, belächeln sie nicht. Wir machen also schon ziemlich vieles ziemlich sehr richtig.

Erziehung: Wenn Ungerechtigkeit zur Selbstverständlichkeit wird

Die meisten von uns machen Fehler, die eh verzeihbar sind.

Jenseits der bindungsorientierten Blase geht es ruppig zu. Manchmal erschrickt mich das, was Eltern anderen Eltern im World Wide Web raten: Stehen lassen, einsperren, was auf die Finger geben, ignorieren, und dem Kind sagen, dass man es SO nicht lieb habe. „Nur“ zu Erziehungszwecken versteht sich, denn das habe ja noch nie geschadet.
Zu glauben, dass Erziehung längst über ihre rabenschwarzen Methoden hinweg wäre, ist ein blauäugiger Schluss. Bei Fröbels „Beispiel und Liebe“ sind wir noch nicht angekommen. Würden Beispiel und Liebe, Vorbildsein und zugewandt bleiben, reichen müssten wir Erziehung ja auch gar nicht kritisieren. Schließlich sind das genau die zwei Dinge, die Bindungsorientierung und Erziehungsfrei auszeichnen. Der Blick über den Tellerrand ist aber leider düster; es reicht, in den sozialen Netzwerken die Kommentarspalten bei Erziehungsfragen querzulesen, um einen traurigen Eindruck zu bekommen.

Wie geht Erziehungsfrei? Und was ist eigentlich Erziehung?

Dabei sind erzieherische Methoden alles andere, als gut für Kinder.

Die meisten funktionieren durch Angst, oder dadurch dem Kind einzuprägen, dass seine*ihre Gefühle unangebracht sind. Das ist sogar schädlich. Nicht immer mit sichtbar(!) einschneidenden Folgen; aber deutlich häufiger, als wir denken, auf einer unterbewussten Ebene.

Wer im bindungsorientierten Denken verankert ist, wird manches schwer ertragen, was da der Konsens im Umgang mit Kindern ist. Lösungsorientierte Ansätze werden häufig immer noch angegriffen. „Kinder müssten ja schließlich Regeln und Grenzen lernen.“

Dass das auch anders geht, will allerdings oft gar nicht anerkannt werden, das ist leider meine Erfahrung. Erziehung ist eben selbstverständlich (geworden). Und die Einsicht, dass sie WIRKLICH NICHT NOTWENDIG ist, dass es andere Konfliktlösungen gibt, ist schmerzhaft.

Fehler reflektieren als Eltern: So wird deine Unperfektheit nicht zur Ausrede

Perfekt ist niemand, und zwischen autoritär erziehen und Fehler machen liegt eine Menge. Fehler nämlich können wir einsehen, reflektieren, und etwas anderes probieren.

Die Nerven verlieren, impulsiv losschimpfen und auch ein rausgemotztes, womöglich sogar ein bisschen nachvollziehbares Wenn-Dann passieren. Dir. Mir. Allen BO und unerzogen Eltern. Hin und wieder bis hin zu täglich, ja, an schlechten Tagen sogar öfter.

Was passiert, wenn das Vertrauen fehlt und was Erziehung damit zu tun hat: BEITRAG LESEN

Unperfekt ist das neue Perfekt. Wir sind gut genug.

NUR.

Nur darf unsere Unperfektheit nicht zur Ausrede werden.

Unsere Unperfektheit, die sein DARF, darf nicht legitimieren, ungerecht zu unseren Kindern zu sein. Unperfektheit darf nicht der Grund sein, den wir vorschieben, um nicht mehr über die Probleme und Lösungen nachgrübeln zu müssen; #gutgenug nicht zur Floskel, hinter der wir uns wegducken und sagen „Besser schaffe ich das nunmal nicht“.

Unperfektheit darf nicht zur Selbstverständlichkeit werden. Sonst wird sie Erziehung.

Und das kann ziemlich fix passieren. Vielleicht, ohne es zu merken.

Darin sehe ich eine Gefahr. So notwendig es ist, Perfektion loszulassen(!), so notwendig ist es gleichzeitig, uns nicht darauf auszuruhen, Fehler stehen zu lassen und uns erzieherischen Ideen doch wieder hinzugeben. Auf dem Weg weitergehen; uns vielleicht drei Runden im Kreis drehen und manchmal ein paar hundert Meter zurückfallen, aber nicht abkommen. Das ist unser Job dabei, und der passiert durch die Arbeit an uns

Der Grat zwischen REFLEXION – Fehler machen, Fehler einsehen, uns verzeihen, UND ggf umdenken – und erzieherischer Starre, die Ungerechtigkeit, Schimpfen, Drohungen etc zur Selbstverständlichkeit werden lässt, ist ein echt heftig schmaler. Wir müssen achtsam sein, ehrlich zu uns. Auch, oder besonders, wenn es unbequem wird.

Herauszufinden, woran das liegt, was uns TATSÄCHLICH stresst, ist ein guter Anfang.

Fehler reflektieren als Eltern in 5 Schritten
1) Du merkst, etwas ist schief gelaufen. Das vermutlich wichtigste passiert zuerst: Behalte die Verantwortung bei dir.

2)Verstehe dein Kind
Schau nochmal auf die Situation. Was ist passiert? Überlege, welche Bedürfnisse hinter dem Verhalten deines Kindes steckten; Was brauchte dein Kind?

3) Verstehe dich selbst
Was brauchtest du? Welches Gefühl steckte in deiner Reaktion: Wut, Kummer, Angst? Analysiere die Auslöser, die dich zum schimpfen, drohen, schreien gebracht haben: Was hat die Emotion ausgelöst?

4) Verzeihe dir deinen Fehler

5) Überlege dir Strategien, die dir helfen, mit dem Konflikt /einer ähnlichen Situation umzugehen. (Wichtig: Du darfst bei deinem Nein bleiben!)

Spreche mit deinem Kind über die Situation bzw. sage deinem Kind, dass du gemerkt hast, dass etwas falsch gelaufen ist. Ich halte es so: Ich Entschuldige mich immer bei meinem Kind. Teile mit deinem Kind auch deine Gedanken. Dein Kind wird sich gesehen fühlen. Vielleicht überrascht es dich auch mit seinen*ihren eigenen Gedanken und ihr kommt noch stärker zurück in Verbindung.

Auf Regen folgt Sonnenschein – Darum sollten wir als Eltern Fehler immer reflektieren

Es gibt da also diesen Konflikt, den ihr habt. Du nimmst dir zwar fest vor, nächstes Mal nicht wieder so wütend zu werden. Aber es passiert dir doch. Du schimpfst. Und nun?

Wichtig ist, uns zu verzeihen, uns den Raum zu geben, emotional zu sein, und impulsiv zu reagieren. Wir dürfen das! Genauso wichtig, dass Schimpfen deswegen nicht selbstverständlich oder gar folgerichtig für uns wird. Kinder sind nicht „selbst schuld“, wenn Eltern ausflippen.


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Die Unperfektheit von der hier die Rede ist, meint also immer eine reflektierte Unperfektheit. Einer Unperfektheit, der wir uns bewusst sind, ohne sie schön zu reden. Wir entdecken, dass wir ungerecht sind, sehen dass wir unseren Kindern weh getan haben. Fehler reflektieren als Eltern ist wichtig.

Wir lassen die Verantwortung bei uns. Wir Nehmen die Gefühle an. Halten Wut und Kummer unserer Kinder aus.

Es ist ganz normal, dass wir nicht nach Ideal funktionieren, dass wir manchmal meckern und unfair sind. Wirklich schwierig wird es, wenn wir anfangen uns zu sagen, das wäre der einzige richtige Weg und genau richtig so.

Treten Konflikte immer wieder auf, kann Schimpfen als Dauerzustand nicht die Lösung sein. Dann ist es unsere Verantwortung Lösungen zu durchdenken, den Konflikt anders anzupacken. Ehrliche Gespräche (mit älteren Kindern) zu suchen. Hilfe zu holen. Ressourcen, die dauerhaft fehlen, aufzuladen. Trigger zu erkennen und ernsthaft aufzuarbeiten.

Elternschaft ist Arbeit an uns selbst.

unperfekt Elternsein: Fehler reflektieren | Unverbogen Kind sein

Meine persönliche Erfahrung ist, dass Konflikten, in denen wir uns festfahren, manchmal auch ein klärendes Gewitter gut tut. Fehler passieren, und vielleicht sind sie sogar wichtig. – Wenn sich jedoch keine Besserung mehr einstellt, ist Hilfe holen wichtig und richtig! Unsere Kinder lernen am Vorbild. Also auch daran, wie wir mit Fehltritten umgehen.

Es sollte nicht der Anspruch sein, NIEMALS zu schimpfen; der ist gar nicht erfüllbar. Doch soll es nicht Normalität sein, es IMMER zu tun, weil wir uns einreden, es ginge nicht (mehr) anders. Dann nämlich verlieren wir die Haltung, um die es geht: Die Orientierung zur Verbindung, statt der Trennung durch machmissbrauchende Mechanismen.

Die Selbstverständlichkeit von Gewaltmomenten, Adultismus und Ungerechtigkeit ist ein zentrales Problem von Erziehung.

Genau mit dieser Erkenntnis geht der Prozess los.

Dem Eingeständnis, dass Erziehung fehlerhaft ist.

Ja, OBWOHL es früher schon so gemacht wurde, und uns augenscheinlich „nicht geschadet“ habe. Der Schaden sitzt nämlich deutlich tiefer. Er IST diese Überzeugung, dass es legitim wäre, Kinder ungerecht zu behandeln.

Was ist Adultismus? Adultismus meint die Diskriminierung jüngerer Menschen aufgrund ihres Alters. Das geringere Alter führt zu einer Abwertung. Das passiert zB, wenn Erwachsene (ohne notwendigen Grund, wie etwa zum Schutz) die Ansichten von Kindern übergehen, oder ihre Grenzen überschreiten. Oder auch, wenn Kindern nicht zugehört wird, sie als unfähig, trotzig, oder rücksichtslos etc abgestempelt werden. (Vgl. https://www.vielfalt-mediathek.de/adultismus-Elementarpaedagogik).

Wir dürfen also Fehler machen, viele sogar, aber wir dürfen die Fehler nicht übersehen.

Das ist der Clou, wenn wir Erziehung überwinden wollen.

Für unsere Kinder ist es wertvoll, zu erfahren, dass Fehler machen, normal ist. Mama und Papa sind keine Ratgeberabziehbilder, sondern Menschen mit Gefühlen, Grenzen und manchmal erschöpften Ressourcen. Genau wie sie selbst. Nicht normal sollte es für sie sein, angeschrien, beschimpft und bedroht etc zu werden. Normal hingegen sollte es sein, Konflikte nie ungeklärt stehen zu lassen und Fehler zu besprechen. Wie siehst du das?

| Fiona

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Fiona Lewald ist Mutter von zwei Töchtern. Auf Unverbogen Kind Sein schreibt sie seit 2017 über  die Chancen eines Bindungsorientierten Familienlebens und den Versuch, Erziehung zu überwinden.
 

„Ich schreibe für ein Familienleben, in dem Miteinander mehr zählt als Gehorsam, und die Bedürfnisse  jedes Einzelnen wichtig sind. So helfen wir unseren Kindern heute, ihren Platz als Erwachsene zu finden, SO WIE SIE SIND – Statt sie zu verbiegen.“

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