Ich schaffe es nicht: Der ungeschönte Blick aufs perfekte Elternsein

Ich schaffe es nicht: Der ungeschönte Blick aufs perfekte Elternsein

Manchmal schaue ich auf die Texte, die ich geschrieben habe. Sie klingen leicht, selbstbewusst, und stellenweise ziemlich idealisierend. Heute weiß ich: Ich schaffe es nicht, immer die geduldige, achtsame Mutter zu sein, die ich da beschreibe. Was macht das Bild vom perfekten Elternsein mit uns?

Ich bin gut genug. Doch bin ich das auch noch, wenn ich doch schimpfe?

Bindungsorientiert, unerzogen, AP: Die Vorstellung vom perfekten Elternsein

Ich schaffe es nicht.
Meine große Tochter war anderthalb Jahre alt, als ich anfing, den Blog aufzubauen, Texte zu schreiben und mir über (Nicht-)Erziehungsfragen Gedanken zu machen. Ich hatte ja keine Ahnung. Nur eine Vorstellung, von dem wie ich sein wollte, und dabei ein – wie ich heute weiß – sehr ruhiges, verständiges und vergleichsweise einfaches Kleinstkind an meiner Seite. Sie nahm Alternativen an, blieb stehen, wenn ich Stop rief.

Ich wollte niemals schimpfen. Niemals drohen. Niemals erziehen.

Erziehungsfrei Leben: Was ist Erziehung und wie können wir darauf verzichten. Mehr Lesen

Als meine Tochter drei Jahre alt war, war sie immer noch ziemlich umgänglich, aber wir hatten inzwischen schon ein paar Konflikte mehr durchgestanden. Damals lernte ich Eltern kennen, die wie wir den unerzogenen/ bindungsorientierten Weg eingeschlagen hatten. Ihre Kinder, jeweils das erste Kind, waren noch unter und gerade ein Jahr alt. Ich werde nie eines der Gespräche vergessen, die wir führten. Es ging darum, wie unverzeihlich es sei, wenn Eltern schimpften, drohten, erziehen; und dass sie das NIEMALS mit ihren Kindern tun wollen. Niemals tun werden. Weil es zu keiner Zeit gerechtfertigt sei. Ich hatte mich ein wenig bedeckt gehalten, genickt, nur mal eingeworfen, dass es auch schlechte Tage gibt, dass jeder Fehler macht; allerdings gar nicht so sehr, weil ich der Idee widersprechen wollte, sondern weil ich mich schlecht fühlte: Weil ich sehr wohl schon geschimpft hatte, obwohl ich Schimpfen und Erziehen ja selbst so klar ablehnte.

Hatte ich versagt? Diese Frage war mir durch den Kopf geschossen und mein Wunsch, es besser zu machen, niemals wieder zu schimpfen, war nochmal gewachsen. Ich hatte nicht geahnt, dass ich drei weitere Jahre später, mit diesem gewissen Lächeln an das Gespräch zurückdenken würde, das wir bekommen, wenn wir uns mit einer Situation ausgesöhnt haben: Ich bin mir relativ sicher, sie werden es auch nicht geschafft haben.

Weil es keine perfekten Eltern gibt.

Auch nicht deine Herzensbuchautor*in und deine Lieblingsinstagrammerelternheld*in.

Und das meine ich nicht gemein. Ich weiß heute einfach, was ich damals übers Elternsein nicht wusste, und sie auch nicht: Dass Ideale Ideale sind, von denen wir erzählen, die wir uns als Impulse weitergeben und alle(!) anstreben, aber Familienleben idR. nicht ideal verläuft-

Ich glaube mittlerweile, es ist sogar mehr belastend, als förderlich, an den Idealen festzuhalten, ihnen hinterher zu hechten. Heimlich zu weinen, weil man’s nicht hinbekommt. Wir stehen uns im Weg damit. Weil man’s gar nicht hinbekommen kann. Die Krux: Um dahin zu kommen, das zu begreifen, hechten wir vorher den Idealen nach, schämen uns, weil keine Lösung passt.

Dein Kind, dein Wegweiser: Elternsein ist eine Reise

Elternschaft startet bei Null. Egal, wie viele Ratgeber wir vorab oder währenddessen lesen, wie vielen Instagramaccounts gleichgesinnter wir folgen, um ihnen nachzueifern. Egal wie sicher wir uns sind, wie wir es machen wollen; erst wenn wir Eltern sind und unsere Kinder uns auf unsere ganze persönliche Eltern-Kind-Reise mitnehmen, haben wir eine Ahnung, wie es IST. Erst dann ERLEBEN wir, was wir wirklich schaffen können.

Ehrlich, wir haben keine Ahnung.

Unser/e Kind/er sind unser einziger verlässlicher Wegweiser. In situ.

Auch unsere anerzogenen Muster, unser inneres Kind und seine*ihre Narben, lernen wir erst kennen, lieben und hassen, wenn wir MITTENDRIN sind, nicht vorher; und auch nicht gleich am Anfang endgültig. Manchmal denken wir, jetzt haben wir‘s aber raus, dann kommt wieder was Neues, eine neue Phase oder sowas, und wir starten von vorn.

Unsere anerzogenen Muster schlängeln sich immer mit uns mit.

Gastbeitrag: Dein inneres Kind verstehen: Warum es dich braucht

Meine erste Tochter war das, was man ein Anfängerbaby nennt, und ein unkompliziertes Kleinstkind. Mit drei Jahren wurde es holpriger. Mit fünf Jahren trieb sie mich endgültig in den Wahnsinn. Dazwischen wurde sie entthront. Jetzt ist sie sechs Jahre, und ich glaube es fängt erst richtig an. Ihre Schwester ist von Anfang an ein Wirbel, und zeigt mir, dass es nicht mein Verdienst war, wie unkompliziert es damals mit Baby Nana lief.

Familie

Ich schaffe es nicht: Vom Eingeständnis nicht perfekt zu sein

Was ich jedenfalls heute übers Elternsein weiß, was ich nicht übers Elternsein wusste, als ich mit dem Blog anfing:

Ich schaffe es nicht, niemals zu schimpfen.
Ich schaffe es nicht, immer geduldig zu sein. Meine Ressourcen sind begrenzt. Ich schaffe es nicht, nie im Affekt zu drohen, weil mir manchmal nichts Lösungsorientiertes als Antwort einfällt, auch wenn ich das selbst scheiße finde. Ich schaffe es nicht, permanent in GFK zugewandt zu säuseln, immer gleich auf Augenhöhe umzuschalten, so sehr ich es mir wünschen würde, und weiß, dass es der bessere Weg wäre. Die Erziehung in mir kommt immer wieder durch, meine Impulse sind schneller als mein Atmen.

Ich schaffe es nicht, die Erwartungen auszublenden; je älter mein großes Kind wird, desto weniger schaffe ich es, nicht daran zu denken, was sie wohl „können sollte“ und wie sie sich „benehmen müsste“, gerade jetzt, wo es steil in Richtung Einschulung geht.

Ich schaffe es nicht, meinen beiden Töchtern, stets gleich zu genügen. Eine muss warten. Eine steht an. Die Liste mit Projekten, die die Große und ich motiviert angelegt hatten und in ihrem Vorschuljahr abarbeiten wollten, liegt in irgendeiner Schublade; erst ein Punkt ist abgehakt. Mit dem Baby funktioniert es nicht. Das Baby kommt mit einem Steckpuzzle angerannt, und während ich es mit ihr fix einmal lege, fällt mir wieder auf, dass ich mit N in dem Alter viel intensiver gespielt, ja ihr viel mehr Dinge gezeigt habe.

Ich schaffe es nicht, ihnen ausschließlich schöne Kindheitserinnerungen zu schaffen. Es werden schlechte Momente, Tränen, Frust und Enttäuschungen dazwischen sein.

Ich schaffe es auch nicht mit der Selbstfürsorge. Obwohl ich darüber schreibe, wie wichtig sie ist UND das auch so meine (hier lesen). Ich nehme mir nicht immer genug Zeit für mich, und meine Kinder bekommen das ab. Ich bin unausgeglichen, ich habe eine kurze Zündschnur und meckere manche Tage mehr, als ich wollte. Eventuell liegt das auch am Schlafmangel. So gut meine Große schlief, Baby Lili gleicht das wieder aus.

Ich schaffe es nicht, die Mutter zu sein, die ich sein wollte, als ich anfing mit diesem Blog. In letzter Zeit ist es ruhiger hier geworden. Ich habe kaum Texte mehr geschrieben. Das lag am Zeitmangel; wann schreiben, wenn ich nicht einmal genug Zeit für mich finde? Aber es lag auch an der Einsicht, die da in der letzten Zeit in mir hochkam. An der Realität, die erstmal sacken musste, als meine große Tochter das erste mal zurück schrie, dass ich gemein sei. Als sie die Tür knallte und sagte, nie mehr wieder mit mir sprechen zu wollen. Das Gefühl war grausam. Ich wollte hier alles dicht machen. Kam mir vor wie eine Heuchlerin. ich musste einsehen: Ich schaffe es nicht.

Hatte ich also doch versagt?

Elternsein erziehungsfrei: Warum es keine 100% gibt

Ich bin nicht fehlerfrei. Aber ich habe mal irgendwo gelesen, gute Eltern machen 20 Fehler oder so am Tag. Dann bin ich gut im Rennen. Doch ich bin nicht perfekt, wer ist das schon? Ja, ich bin genug, wie ich bin. Ich gebe mein bestes für meine Kinder; mit begrenzten Ressourcen und kurzer Zündschnur, einer Portion „was solls“ und einer Prise „ich habe dir schon hundert Mal gesagt“, auch wenn ich diesen Satz nicht mag.

Ich brauchte ein Bisschen, biss ich es begriff.

Verloren ist es erst, wenn es zur Selbstverständlichkeit wird.

Wenn wir uns nicht mehr entschuldigen, weil wir glauben, dass es gar kein Fehler war. Wenn wir glauben, dass Kinder die Härte BRAUCHEN.

Statt zu sehen, dass nur wir grad nicht anders KONNTEN.

Erziehungsfrei ist eine Haltung, keine Methode, eine Haltung und moralische Überzeugung. Eine Haltung, die ganz und gar in uns ist; nämlich mit unserer Einstellung zum Kind. Und jetzt kommts: Erziehungsfrei heißt nicht, dass wir es schaffen müssen, 100% niemals nie laut zu werden. Es heißt nicht, dass wir versagen, wenn wir Fehler machen.

Es heißt aber, dass wir mit Unperfektheit Erziehung nicht legitimieren dürfen. Und trotzdem unperfekt sind.

Wenn wir begreifen, dass wir nicht perfekt sein müssen, können wir uns von unrealistischen Ansprüchen lösen, die uns im Weg stehen und unter Druck setzen.

Ich denke jetzt schon eine ganze Weile auf dieser Frage herum; nach jedem Streit, nach jedem nicht ideal gelösten Konflikt, nach jeder Entschuldigung wieder: Habe ich versagt? Einzusehen, dass ich es nicht immer ideal schaffen KANN, ist Teil des Prozesses. Ein Schritt auf dem Weg, an dem viele von uns verweilen, auf der Stelle latschen, uns im Kreis drehen, weil’s erstmal so negativ klingt.

Bis wir das Positive darin erkennen: Wenn wir begreifen, dass wir nicht perfekt sein müssen, können wir uns von unrealistischen Ansprüchen lösen, die uns im Weg stehen und unter Druck setzen. Wollen wir immer ideal funktionieren, funktionieren wir am Ende nämlich gar nicht mehr.

Ich schaffe es nicht immer, und das ist okay.

unperfekt Elternsein Unverbogen Kind Sein

Es ist eine schmerzhafte Einsicht. Und schließlich eine ziemlich heilsame, wenn wir kapiert haben, dass es keine 100% gibt. Schmerzhaft, weil wir diese Ideale eben haben, gerade, wenn wir den Weg (neu) einschlagen und uns orientieren wollen, wie das geht. Heilsam, weil wir lernen, verzeihen zu dürfen. Unseren Kindern, und vor allem UNS.

Elternsein ist kein Ladebalken, der bei 100% den Gewinner kürt. Es gibt kein Ende. Keine 100%. Und Gewinner gibt es auch nicht. Nur Liebe, Staunen, und Haare raufen.

Wenn wir an den Punkt kommen, an dem wir begreifen, dass Elternschaft eine Reise ist, auf der wir uns immer wieder neu justieren und finden, immer wieder Fehler machen, immer wieder vor neuen Herausforderungen in alte Muster straucheln und wieder umdenken müssen, können wir befreiter weiter machen. In Frieden. Mit uns und unserer Unperfektheit. Und ich glaube, unsere Kinder profitieren davon am Ende auch.

Denn wieder leben wir ihnen, wie bei allem was wir tun und lassen, etwas vor: Wir sind nicht perfekt. Sie müssen es ebenfalls nicht sein. Oder werden. Und vielleicht schenken wir ihnen damit für ihr eigenes Elternsein etwas von dieser Leichtigkeit, die uns heute fehlt.

| Fiona

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1 Comment

  1. Danke für deine ehrlichen Worte. Ich verfolge deinen Blog schon seit einiger Zeit und versuche mich auch am Konzept erziehungsfrei, merke aber auch, dass das nicht immer anwendbar ist bzw ich scheitere. Befreiend, dass es auch dir ähnlich geht und sehr mutig, dass hier einzugestehen.

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Fiona Lewald ist Mutter von zwei Töchtern. Auf Unverbogen Kind Sein schreibt sie seit 2017 über  die Chancen eines Bindungsorientierten Familienlebens und den Versuch, Erziehung zu überwinden.
 

„Ich schreibe für ein Familienleben, in dem Miteinander mehr zählt als Gehorsam, und die Bedürfnisse  jedes Einzelnen wichtig sind. So helfen wir unseren Kindern heute, ihren Platz als Erwachsene zu finden, SO WIE SIE SIND – Statt sie zu verbiegen.“

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