(Gastbeitrag) Babyzeichen: Mit Babies und Kleinkindern gebärden

(Gastbeitrag) Babyzeichen: Mit Babies und Kleinkindern gebärden

Gastbeitrag| Text und Bilder von Marina Sondermann

Babyzeichen, Kindergebärden, Zwergensprache. Der ein oder andere mag diese Begriffe bereits gehört haben, doch nur wenige nutzen Gebärden mit ihren (gesunden) Kindern. Ist das alles jetzt wieder ein neuer Trend, oder was bringt mir und dem Kind das Zeigen mit den Händen?

Was sind Babyzeichen?

Babyzeichen oder –Gebärden sind einzelne Zeichen aus der Gebärdensprache. Sie werden parallel zur normalen Sprache benutzt, d.h. Eltern von einem normal hörenden, gesunden Kind zeigen Gebärden, während sie sprechen. Das ist nicht vergleichbar mit der offiziellen Gebärdensprache, da diese einer ganz anderen Grammatik folgt. In der Gebärdensprache mit Kindern werden Gegenstände, Tätigkeiten oder auch Gefühle symbolisiert, meist ein bis zwei Worte pro gesprochenem Satz. Hier ein Beispiel: „Möchtest du etwas essen?“ In diesem Satz wird das Wort „essen“ mit der Gebärde unterstützt, indem alle Fingerkuppen einer Hand aufeinandergelegt und zum Mund geführt werden. Noch ein Beispiel: „Hör mal, da drüben bellt ein Hund“ – Für „hör mal“ wird eine leicht gewölbte Hand von hinten ans Ohr gelegt, für „Hund“ klopft man sich leicht an den Oberschenkel, so wie man Hunde auch ruft. Diese beiden Beispiele zeigen, dass die Gebärden oft sehr symbolisch sind, z.B. die Tätigkeit nachahmen.

Kommunikation next level: Warum sollten wir Babyzeichen benutzen?

Das Zeigen mit den Händen dient der Verständigung von Eltern und ihren Babies oder Kleinkindern noch bevor die Kleinen sprechen können. So entsteht eine zweiseitige Kommunikation. Jeder, der ein Kind beobachtet, wird feststellen, dass es von sich selbst aus beginnt, zu gestikulieren (Arme heben, Fäuste öffnen, auf etwas zeigen). So versuchen schon die Kleinsten ihre Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres beginnen normal entwickelte Kinder zu klatschen und zu winken. Das sind neben dem Zeigen („da!“) die ersten Gesten, die automatisch (durch Nachahmung) gezeigt werden. Ihr seht, die Nutzung von Zeichen ist kein moderner Trend, sondern tief in uns verankert.

Denk nur mal darüber nach, welche Gesten ihr im Alltag nutzt! Ein ganz kleiner Auszug typischer Alltagsgesten:


Gesten für

–          schlafen / essen / trinken / rauchen / Auto fahren

–          oben / unten / da / hier

–          „hör mal“

–          bejahen, nicken / verneinen, kopfschütteln

–          telefonieren / simsen

–          groß / klein  / dick  / dünn

–          mir ist kalt / puh, ist das heiß … … etc


Vorteile der Nutzung von Gebärden

Babyzeichen "mehr"

Babyzeichen für „mehr“ „ich möchte mehr“

Durch die Verbindung von akustischen Reizen (dem gesprochenen Wort) und visuellen Reizen (der Gebärde) entstehen vielfache Verknüpfungen im Gehirn der Kinder, da beide Gehirnhälften aktiv sind. Das Kind lernt mit vielerlei Sinnen: Es hört, sieht und fühlt (wenn es die Gebärde selbst zeigt). Eine Gebärde kann auch als Eselsbrücke dienen, oder helfen Missverständnisse bei ähnlich klingenden Worten zu vermeiden, z.B. „das ist scharf“ und „Schaf“. Das Zeigen mit den Händen schult außerdem die Motorik der Kinder, teilweise sind beidhändige Zeichen ganz schön knifflig.

Die Kommunikation mit Gebärden passiert zudem häufig viel bewusster, als ohne. Wir achten mehr darauf, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, ihnen zugewandt zu sein und beobachten sie intensiver. Mimik und Gestik werden gezielter eingesetzt, oft sprechen wir auch deutlicher und langsamer beim Zeigen von Babyzeichen.

Einer der größten Vorteile ist, dass die Eltern einen Einblick in die Gedanken des Kindes bekommen. Dadurch können diese besser auf die Bedürfnisse der Kleinen eingehen und somit Frustration verringern. Weiterhin ist es für beide unheimlich toll, wenn die Kinder mitteilen, was sie gerade sehen oder was sie erleben und die Eltern dies verstehen.  So hat das Kind viele kleine Erfolgserlebnisse beim Austausch mit seiner Umwelt.

Dieser Dialog ist für beide Seiten sehr wertvoll und stärkt das Selbstbewusstsein des Kindes. Und neben all diesen positiven Aspekten, macht Gebärden auch einfach Spaß!

Kritik an Babyzeichen – Fängt mein Kind dann später an zu sprechen?

Die größte Angst vieler Eltern ist, ihr Kind würde durch die Nutzung von Zeichen später sprechen. Doch denkt mal darüber nach: Ein Kind wird sich kaum denken „Ach, ich nutze lieber die Gebärden, dann brauche ich nicht sprechen“, sondern viel eher „Wow, meine Eltern verstehen mich ja noch besser, wenn ich Worte nutze“. Gebärdende Kinder lernen früh, dass ihre Bezugspersonen darauf eingehen, was sie mitteilen, sie haben somit eh schon ein großes Bedürfnis mit ihrer Umgebung zu kommunizieren.

Wann zeige ich Kindergebärden?

Die Gebärden können einfach in den normalen Alltag integriert werden.

Die Routinen, wie waschen, Zähne putzen, Windel wechseln etc., das Spielen mit dem Teddy, dem Auto oder den Bauklötzen, das Essen und Trinken, einfach alles im Alltag kann durch Zeichen symbolisiert werden. Sicherlich kennt ihr auch das ein oder andere Lied, in dem verschiedene Tiere oder Fahrzeuge genannt werden. Nicht zu vergessen sind natürlich Bücher: Beim Ansehen von Bilderbüchern und erstem Vorlesen kann man sehr gut die verschiedensten Babyzeichen für die ersten Wörter anbringen.

Babyzeichen "Fahrrad"

Babyzeichen „Fahrrad“

Babyzeichen "Maus"

Babyzeichen „Maus“

Ab und in welchem Alter benutzt man Babyzeichen am besten?

Grundsätzlich ist es nie zu früh, um mit Babyzeichen zu starten, aber höchstwahrscheinlich wird ein Kind unter sechs Monaten noch keine Zeichen erwidern. Es ist sinnvoll in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres bereits Zeichen, wie z.B. „essen“ oder „Milch“ zu gebärden, so gewöhnen sich beide Seiten daran. Auch ein Start zwischen dem ersten und zweiten Geburtstag ist noch sinnvoll, denn jedes Kleinkind wird Gegenstände haben, die es interessieren, aber dessen Bezeichnung es noch nicht (richtig) aussprechen kann. Gebärden können hier aushelfen.

Babyzeichen: Wie fange ich an?

Das Thema interessiert euch und ihr wollt selbst Babyzeichen nutzen?

Dann besucht einen Kurs in eurer Nähe, ladet euch eine App herunter, kauft euch Bücher zu dem Thema, schaut euch Videos an, recherchiert.

Danach lernt ihr die ersten Gebärden, das ist gar nicht so schwierig. Es ist ein wenig wie eine Fremdsprache lernen, ihr müsst nur nicht auf die Aussprache achten. Nutzt zu Beginn Gebärden, die euren Alltag begleiten, und die Bedürfnisse und Interessen eurer Kinder abdecken. Typische Babyzeichen sind zum Beispiel: essen, mehr/nochmal, Milch, Vogel/Hund.

Ihr findet das Thema spannend und wollt von unseren persönlichen Erfahrungen mehr lesen? Dann schaut HIER vorbei.

Ich berichte davon, wann mein Sohn welche Zeichen gezeigt hat, und wie Gebärden auch noch mit fast zwei Jahren unseren Alltag begleiten.

Ich bedanke mich bei Fiona von Unverborgen Kind Sein, dass ich diesen Gastartikel veröffentlichen durfte. Es ist toll, Teil deiner Community zu sein!

Marina Sondermann

Marina Sondermann ist Mutter eines zweijährigen Sohnes, hat Aus- und Fortbildungen als Trageberaterin und Beikostberaterin gemacht. Außerdem ist sie Workshop- und Kursleiterin für Babyzeichen.

Mehr über Marina erfahrt ihr unter: http://sotraegtman.de/

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1 Comment

  1. Hallo,
    Also ich habe nie bewusst Gebärden eingesetzt, aber es war für mich immer ganz natürlich auch mit Mimik und Gestik zu unterstützen, was ich meinem Kind sage.
    Er hat dann so mit etwa einem Jahr von alleine angefangen Gebärden zu benutzen, viele hat er sich selbst ausgedacht, manche aus meiner bildlichen Kommunikation mit ihm übernommen. Mit knapp zwei hatte er ein gewisses Repertoire an Gebärden und Lautmalerei und ab dem zweiten Geburtstag kamen dann nach und nach Wörter dazu.
    Mit dreieinhalb beherrschte er alle Laute und seit er vier ist, hat er kontinuierlich einen eher großen, vielfältigen Wortschatz für sein Alter, würde ich sagen.

    Ich denke Geduld, Vertrauen und zugewandte Kommunikation, Vorlesen etc. von klein an sind die wichtigsten Zutaten für eine gesunde Sprachentwicklung.

    LG Jitka

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Fiona Lewald ist Mutter von zwei Töchtern. Auf Unverbogen Kind Sein schreibt sie seit 2017 über  die Chancen eines Bindungsorientierten Familienlebens und den Versuch, Erziehung zu überwinden.
 

„Ich schreibe für ein Familienleben, in dem Miteinander mehr zählt als Gehorsam, und die Bedürfnisse  jedes Einzelnen wichtig sind. So helfen wir unseren Kindern heute, ihren Platz als Erwachsene zu finden, SO WIE SIE SIND – Statt sie zu verbiegen.“

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