Ohne Erziehung Leben: Alles Tyrannenkinder?

ohne Erziehung leben

Ohne Erziehung leben. Das ist so normal für mich, wie es für Erziehende normal ist, zu erziehen. Ich denke nicht darüber nach. Ich finde es nicht seltsam. Ich löse dieselben Konflikte. Und wenn du mir auf dem Spielplatz begegnest, findest du keinen Kleber auf meiner Stirn, auf dem in Leuchtbuchstaben UNERZOGEN steht. Du würdest davon vermutlich gar nicht viel merken.

Wir ecken nicht mehr an, als andere Familien auch, wenn verschiedene Haltungen irgendwo aufeinandertreffen. In meinen sozialen Netzwerken begegne ich trotzdem immer wieder einem Haufen Vorurteilen.

Dann werden unerzogen aufwachsende Kinder mit Tyrannenkindern assoziiert. Kinder, die nicht hören, zu wenig sozial kompetent sind, sich nicht an Regeln halten können, und von früh bis spät Mist bauen, das müssen unerzogene sein. Mit Eltern, die sich nicht kümmern. Klar.

Das macht mich traurig und wütend. Denn das ist Unsinn.

Ohne Erziehung leben: Mein Kind ist gut, so wie es ist

Vor Kurzem bin ich an einem Austausch auf Twitter beteiligt gewesen, der inspirierend, teilweise aber auch sehr ernüchternd war, und mir nochmal deutlich gezeigt hat, dass unerzogen nach wie vor falsch verstanden wird.

Aufhänger war die Frage, wie wir ein ›nicht funktionierendes‹ unerzogenes Kind eigentlich nennen, im Pendant quasi zum verzogenen oder ungezogenen Kind bei Erziehungsfehlschlägen. Die Antwort ist vermutlich genauso simpel, wie sie schwierig ist: Es gibt keinen Ausdruck dafür.

Frei von Erziehung habe ich kein Erziehungsziel, also so gesehen auch kein Ergebnis, das verfehlt werden kann.

Das heißt NICHT, dass ich keinerlei Idee davon habe, welche Werte ich an einem Menschen generell, und an meinem Kind im speziellen schätze(n würde). Natürlich wünsche ich mir aufrichtig, dass meine Tochter zB ehrlich, rücksichtsvoll, zuverlässig und selbstbewusst wird. Etwas anderes zu behaupten, wäre eine Lüge. Ich glaube nicht, dass irgendjemand in der Lage ist, sich von Wertidealen und Vorstellungen völlig frei zu machen.

Schließlich leben wir in einer Gemeinschaft mit Wertidealen zusammen.

Die Sache ist: Ich bin mir dennoch sehr bewusst darüber, dass mein Kind ist, wie sie eben ist. Ich kann ihr Orientierung geben, ich kann ihr mitteilen, was ich mir wünsche, und ihr meine Werte vorleben, aber ich kann sie nicht in ihrem sein verändern – Außer ich wende erzieherische Gewalt an. Mein Kind wird Werte annehmen, die SIE für sinnvoll erachtet, sie wird sich das abgucken, selbst entscheiden. Sie. Nicht Ich.

Wir leben in keiner Blase.

Erziehung ist immer eine Einflussnahme. Aber nicht jeder Einfluss ist Erziehung.

Nicht zu erziehen bedeutet nicht, ALLES anders zu machen, als erziehende Eltern es vielleicht tun würden. Es bedeutet nicht Ja Sagen. Es bedeutet nur (und vor allem) keine Erziehungsmechanismen zu benutzen, um mein Kind zu verbiegen. Lernt sie also keine Werte kennen? Quatsch.

Ich lebe meiner Tochter vor. Ich rede mit ihr. Ich zeige ihr die Dinge. Jederzeit. Ich nehme durch jede Richtung, die ich einschlage, durch jede Entscheidung, die ich treffe, Einfluss auf sie. Aber ich verbiege sie nicht gewaltvoll. Ich akzeptiere (wann immer möglich), wenn meine Tochter etwas nicht will, ich zwinge sie nicht und bestrafe sie nicht, damit sie es trotzdem tut. Ich zeige ihr, was MIR wichtig ist. Ich zeige ihr MEINE Werte. Ohne sie ihr aufzudrängen. Ich gebe ihr die Möglichkeit es genauso zu machen, und sie bekommt die Möglichkeit, die Sache anders zu sehen.

ich trage Verantwortung. Altersgerecht und fair.

Nana ist ein freier Mensch. Eigene Meinung. Eigene Werte.

Das heißt wiederum nicht, dass ich nun jede Eigenart meines Kindes fein finden muss. Ich kann das richtig ungut finden, wenn sie zB nicht mit aufräumt oder unzuverlässig ist oder Mist baut. Je nach Alter, kann ich darauf angemessen reagieren. Und kann ihr das natürlich auch sagen.

Nicht zu erziehen bedeutet nicht, Konflikte zu vermeiden.

Konflikte, Kommunikation und Grenzen

Wir haben Konflikte. Dauernd. Wie jede Familie. Nicht erziehen, lässt mich keine Konflikte vermeiden. Ich muss nicht Ja sagen. Ich kann Nein sagen.

Wir reden. Auf Augenhöhe. Mit Ich Botschaften, Wünschen äußern, Spiegeln und Erklären und auch mal losmeckern, wenn es nötig ist.

Du sagst, das machst du erziehend auch? Ich behaupte nirgendwo, dass Erziehende das nicht auch tun. Viele Eltern erziehen nicht, bis zu dem gewissen Punkt, an dem es „so nicht weitergeht“ und „mal ein Machtwort gesprochen“ werden muss. Aber an diesem Punkt, an dem du dann eben bestrafst, drohst und bis drei anzählst, versuche ich die Nerven zu behalten, atme noch ein mal mehr durch. Vielleicht leben wir auch generell gar nicht so unterschiedlich, aber das Label Erziehungsfrei/unerzogen passt dir nicht.

Nenn es liebevoll bindungsorientiert gewaltfrei etc erziehen, wenn es dich happy macht.

Erziehung jedenfalls löst keine Probleme, weil es sie nicht akzeptiert. Erziehung will Probleme wegschieben, Schuld zuschreiben. Das will ich nicht. Ich kann durchs bestrafen nicht verändern, dass mein Kind eine Wand angemalt hat. Aber ich kann sagen, dass ich das nicht mag und dann eine Lösung suchen. Und ich kann ihr den Stift vorübergehend abnehmen, wenn sie nochmal zum Wandbemalen ansetzt. Obwohl ich nicht erziehe.

Natürlich zeige ich meiner Tochter, dass wir Grenzen und Eigentum schützen. Der Vorwurf, das nicht zu tun, hat mich im besagten Twitterthread erschüttert. Die Vorstellung des „laufen lassens“ ist falsch.

Natürlich lasse ich mein Kind NICHT mit Steinen an deinem Auto kratzen. Und wenn sie das ohne mein Beisein tut, aus irgendeiner Flause im Kopf heraus, werde ich garantiert nicht die taktile Erfahrung wertschätzen. Ich werde dir den Schaden ersetzen (müssen) und mit meinem Kind darüber reden. Ich werde sie aber nicht bestrafen, um meine Macht zu demonstrieren, oder um irgendwelchen Eltern da draußen zu gefallen.

Ich lasse es nicht unkommentiert, wenn etwas falsch läuft. Ich kann es nur nochmal betonen: Kommunikation ist das Herzstück von Erziehungsfreiheit. Auf Augenhöhe miteinander zu sprechen, hinsehen, ernst nehmen, Probleme zu lösen und Gefühle zu verbalisieren. Darum geht es. Darauf kommt es an. Darum dreht sich gesellschaftliches UND familiäres Zusammenleben.

Und DAS, liebe Leute, will ich meinem Kind vorleben.

Ein Kind lernt die Sprache der Eltern. Nicht nur, was die Landessprache angeht, sondern auch und gerade die Art und Weise.

Nana lernt Kommunikation auf Augenhöhe. Von Anfang an.

Manchmal reicht ein ›hey das finde ich nicht so toll‹ vielleicht nicht. Größere Kinder, größere Probleme. Dann bringt es mMn aber auch nichts, zu erziehen. Dann schaue ich wieder hin, statt zu strafen, zu drohen, zu ermahnen. Ich schaue hin, warum mein Kind tut, was es tut. Ich will Probleme am Ursprung lösen, nicht erziehend ein Symptom ersticken. Was bringt es, wenn ich mein Kind ermahne und es dann kuscht aus Angst – wenn ich gar nicht verstehe, warum mein Kind eigentlich nicht kooperieren mag? Das hilft uns nicht. Das verschiebt nur das Problem.

Die Freiheit zu sein, wie wir sind: Unverbogen

Wie sollen wir es also nennen, wenn ein unerzogenes Kind nicht funktioniert, wie es soll? Ich stelle mal eine These auf: Ein nicht erzogenes Kind kann gar nicht nicht funktionieren. Denn es soll gar nicht, funktionieren müssen, sondern sein, wie er*sie eben ist. Mit Fehlern. Mit guten Seiten und mit schlechten Seiten (wer auch immer das bewertet).

Ein schlecht unerzogenes Kind zu sein; dieses Label würde wenig Sinn ergeben. Eine ungemütliche Eigenart des Kindes unmittelbar mit dem Fehlschlagen von Erziehungsverzicht zu assoziieren, würde im Umkehrschluss bedeuten, ich würde es schlecht empfinden, dass ich mein Kind sein gelassen habe, wie es ist. Ich müsste mir dann also wünschen, mein Kind lieber verändert zu haben, weil es mir, wie es ist, nicht gefällt.

Creepy.

Ohne Erziehung leben stützt sich bei alle dem natürlich auf ein gewisses Menschenbild : Kinder sind gut und kompetent. Kinder WOLLEN von Natur aus Teil der Gemeinschaft sein. Sie sind bestrebt, zu kooperieren, tun ihr gerade bestes – tun sie es nicht, gibt es dafür einen Grund. In Kindern ist ALLES angelegt, sie können ALLES sein, es reicht aus, sie auf ihrem Weg zu begleiten.

Vor diesem Hintergrund ist, denke ich, auch klar, dass, wer aus Überzeugung nicht erzieht, nicht davon ausgehen muss, sich einen ›Tyrannen‹ großzuziehen. Mich macht es traurig, dass dieses Vorurteil so verbreitet ist. Warum gehen so viele Leute davon aus, ein Kind könne aus sich selbst heraus wirklich nicht gut sein? Das ist doch ein totales Todesurteil für unsere Gesellschaft, wenn wir so von Kindern denken.

Natürlich kann, WIRD es passieren, dass meine Tochter Mist baut. Wird aber auch sämtlichen Erziehenden passieren.

Erziehung ist kein Garant dafür, dass ein Kind ›funktioniert‹.

Wie viele erzogene Kinder bekommen das Label ›verzogen‹ aufgestempelt? Wie viele erzogene Kinder bauen Mist, testen Grenzen, brechen Regeln? Etwa Keines? Wie viele erziehende Eltern beklagen die Autonomiephase, die Wackelzahnpubertät, die Pubertät und alles dazwischen auch, weil Erziehung wohl gar nicht so ›einfach funktioniert‹? Das Outcome sind keine 1A Kids. Und hat etwa noch nie ein erzogenes Kind, einen Kratzer an einem Auto verursacht? Sind das alles immer bewusst erziehungsfrei (!) aufgewachsene Kinder? Erziehung ist kein Garant für irgendwas.

Oh und gewiss: Ohne Erziehung leben auch nicht.

Ohne Erziehung leben – Survival Of The Fittest. Oder Was?

Im Twitterthread, der mich zu diesem Beitrag brachte, kam an einer Stelle die Frage auf, ob ein unerzogenes Kind nicht zu wenig angepasst sei an die harte, leistungsorientierte und geregelte Gesellschaft. Ob das gut gehen kann, wenn das Kind sich dann eines Tages anpassen, gar beugen muss.

Ich muss zugeben, dass ich erstmal nachdenken musste. Wieso sollte ein nicht erzogenes Kind nicht in die Gesellschaft passen? Und warum wird wiederum davon ausgegangen, dass ein erzogenes Kind in die Gesellschaft passt? Ich musste Nana anlächeln, als ich bei Twitter dazu kommentierte.

Dieses Kind, das andere vorlässt, sich anstellt, Müll in den Mülleimer wirft, das sich herzlich bedankt, wenn Papa Schokolade vom Einkaufen mitbringt, und mit mir aufräumt, bevor wir auf den Spielplatz gehen – Dieses Kind soll unangepasst sein, in der Gesellschaft später nicht zurecht kommen, und jede Regel brechen, die nicht von ihr selber kommt?

Ich kann nicht in die Zukunft schauen, aber ich behaupte jetzt einfach mal, dass das nicht stimmen kann. Ich zeige meiner Tochter im Umgang mit ihr, dass wir einander achten und respektieren, dass wir Rücksicht nehmen (UND andere Male egoistisch sein dürfen!), dass unsere Bedürfnisse ALLE wichtig und ALLE gleichwertig sind, und wir manchmal abwägen müssen, was geht. Ich lebe meinem Kind vor, lösungsorientiert zu handeln, gewaltfrei zu kommunizieren. Ich zeige ihr, dass es geht, auf Kompromisse einzugehen, achtsam zu sein und schwächere Mitglieder der Gesellschaft gleichwertig zu behandeln. Ich sage gerade NICHT: Wenn du stark bist, dann kannst du über andere bestimmen (erziehen), und Schwache übergehen. Ich frage dich, sind das nicht alles soziale Kompetenzen, die ein Mensch braucht? Ist das nicht genau das, was unsere Gesellschaft aufrecht halten kann? Achtsamkeit. Rücksicht. Lösungsorientierung. Etc.

Gesellschaftsfremd? Meine Tochter kommt natürlich dauernd in Berührung mit der Gesellschaft, mit Regeln und mit Normen und Erwartungen. Selbst mit solchen, die ich nicht befürworte. Ich schaue vielleicht etwas genauer hin, welche Regeln für uns wirklich sinnvoll sind, aber ich übergehe sicher keine Grundsätze des Zusammenlebens. Steht da ein „betreten verboten“ Schild auf dem Rasen kann ich das noch so unsinnig finden, betreten wir den Rasen nicht – keine Diskussion. Der Unterschied zeigt sich gar nicht so unbedingt in den Regeln, sondern viel mehr in unserer Reaktion, auf unser Kind. Wie reden wir mit ihr, wenn sie wütend ist?

Es macht mich traurig, dass die Leute denken, dass nicht erziehende Eltern da sitzen und ihre Kinder machen lassen, was sie wollen. Das ist so weit von der Realität entfernt.

Es macht mich wütend, dass uns dieses Tyrannenetikett aufgedrückt wird, uns Laisser-Faire Verhalten angedichtet wird. OHNE dass die Leute mich und mein Kind kennen. Ich bin mir sicher, manch eine*r von diesen Leuten, die meinen (m)ein nicht erzogenes Kind zu beleidigen, würde sich in Grund und Boden schämen, würde er*sie uns kennenlernen.

Ich sage ja auch nicht, erzogene Kinder sind schlechte Menschen oder unfreie Roboter oder sowas. Ich bin lediglich der Überzeugung, dass Erziehung vermeidbar ist.

Ohne Erziehung Leben | Unverbogen Kind Sein

Natürlich: Es GIBT Leute, die die Grenzen anderer nicht achten und oder nichts tun, wenn ihre Kinder Mist bauen. Nur: Die gibt es unter unerzogenen GENAUSO wie unter erziehenden Leuten. Respekt und Rücksicht und wie wir sie (vor)leben, haben mit den eigenen Werten zu tun, nicht mit der Erziehungshaltung. Jemand kann sein Kind total streng erziehen und trotzdem fremdes Eigentum nicht achten. und nicht darauf achten. Und natürlich gibt es nicht erziehende (oder Leute, die sich so benennen), die sich nicht kümmern, nicht hinsehen, nicht begleiten. ABER das kann NICHT als der Standard für eine ganze Haltung betrachtet werden.

Ein schlagendes Elter ist doch auch nicht (mehr) Sinnbild von Erziehung.

Ich achte fremde Grenzen und gebe das an mein Kind natürlich weiter. Nur ohne Schimpfen. Ich kann anders Grenzen wahren. Ich kann mein Kind natürlich zurückhalten, ausbremsen, und dann (!) ihren Frust begleiten.

Nicht zu erziehen bedeutet doch nicht, dass mir die Hände gebunden sind.

Erst vor Kurzem habe ich mich auf dem Spielplatz über eine Mutter geärgert, die neben mir nichts sagte, als ihr Kind die Schaufel meiner Tochter wegnahm, und sie nicht zurückgab, als meine Tochter danach verlangte. Das Kind lief damit weg, auch auf meine Bitte, wurde nur mit Schulterzucken reagiert: „Die müssen ja teilen lernen, die klären das schon“. Das fand ich nicht richtig. Ob diese Mutter ihr Kind nun erzog oder nicht? Keine Ahnung. Ich jedenfalls, erziehungsfrei, frage, wenn mein Kind fremde Sachen nehmen will. Dafür brauche ich nicht erziehen.

|Fiona

14 Kommentare

  1. Danke für diesen total tollen Artikel!. Ich möchte ihn am liebsten ausdrucken und jedem in die Hand drücken, der mal wieder haarsträubenden Blödsinn über unsere Nicht-Erziehung behauptet. Das geht oft auf keine Kuhhaut, was da neunmalklug an Behauptungen aufgestellt wird, die schlicht dem Laisser-faire zuzuordnen wären.
    Lustigerweise sind meine Erfahrungen auch so, dass man „unerzogen“ nicht merkt, wenn man es nicht weiß. Ich wurde schon mehrfach von anderen Müttern gefragt, wie ich meine Tochter so gut erzogen bekommen habe. IdR antworte ich nur „Nicht erziehen“.

    Leider antworten die meisten Mit-Mütter hier auch mit einem „ja, bei meinem Kind ginge das nicht, der/die braucht klare Regeln/Grenzen/mehr Kontrolle/das, sonst würde er/sie das ausnutzen/gar nichts machen/alles machen, was er/sie will…“.

    Passend zu diesem Artikel hätte ich nur noch gerne einen für diese ganzen vermeintlich bedürfnisorientiert begleitenden Eltern, die sich ebenso nur oberflächlich mit der Haltung beschäftigen. Lese ich bei Facebook, wird Unerzogen und BO gefühlt von tausenden als Label benutzt für „solange sie geradeaus laufen, ist es BO, ansonsten muss es eben ein Machtwort geben“ oder auch die Fraktion, bei denen unter dem Deckmantel Unerzogen/BO tatsächlich die Autos zerkratzt werden dürfen a la „ich kann ihn ja nicht zwingen, das nicht zu tun und ich hab doch 10mal gesagt, er soll das lassen“.

    Mir persönlich hilft immer gerne die Frage nach dem Adultismus, also „würde ich dies/jenes tun, wenn mein Mann/mein(e) Freund(in) sich so verhalten würde.?“. Lautet dann die Antwort Ja, wende ich die „Gewalt“ auch bei meinen Kindern an. Ok… manchmal muss ich mir denken „ja, wenn er/sie sturzbesoffen oder geistesabwesend wäre,…“ – aber wenn von denen einer das Auto vom Nachbarn absichtlich verkratzen würde, würde ich auch physisch einschreiten und ihm den Stein abnehmen mit passend mehr oder weniger erzürntem Spruch…

    Ich persönlich schaffe es nur leider nicht, nicht zu „schimpfen“. Allerdings schimpfte ich nicht als Elternteil, sondern als Mensch, der schlicht not amused ist, wenn seine Grenzen wiederholt nicht geachtet werden. Und ich freue mich, wenn auch meine Tochter mal mit mir „schimpft“, weil ich zu laut singe, obwohl sie erkennbar gerade etwas anderem zuhört. (Ja, kommt tatsächlich vor, auch wenn gefühlt eher 1:1000 Mutter vs. Tochter)

    1. Hallo Nira, Ich danke dir für deine Rückmeldung. Ja, die vielen Vorurteile sind zermürbend. Unerzogen als „Deckmantel“ zu nutzen, ohne die Haltung verstanden zu haben, in welcher Richtung auch immer, empfinde ich tatsächlich auch sehr mühsam. Danke für die Anregung. Ich werde das gerne mal thematisch auf meine Liste setzen. Den adultistischen Ansatz finde ich sehr passend. Wie würde ich reagieren, wäre es nicht mein Kind, dass das gerade tut. Eine wertvolle Überlegung. Alles Liebe, Fiona Xx

  2. Liebe Fiona!
    Danke für Deinen Artikel. Mir war dieses Konzept bisher unter diesem Begriff unbekannt. Auch wir „erziehen“ unsere Tochter wie Ihr, nennen es allerdings auch so. Wertschätzende Erziehung auf Augenhöhe.
    Meiner Vorrednerin stimme ich da zu: das was Du meinst, ist wohl eher Dressur bzw. ein unkooperativer Erziehungsstil. Für mich ist Erziehung oder nicht hier reine Wortklauberei.
    Du verallgemeinerst allerdings ebenso, wie Menschen Deinen Stil verallgemeinern. „Alle Erziehenden bestrafen ihre Kinder, diktieren von oben“ ist genau so falsch wie „alle unerzogenen Kinder sind Tyrannen“.
    In Deinem Artikel fragst Du, wieso Menschen unerzogene Kinder als Tyrannen bezeichnen. Ich denke, weil sehr viele Familien das Konzept „unerzogen“ nicht so vorbildlich leben wie Ihr. Da gibt es tatsächlich viel Laisserfaire und wenig Vorleben eines gemeinschaftlichen Umgangs (siehe Dein Beispiel mit der Schippe). Außerdem denke ich auch, dass (wie mir) vielen Eltern Euer Umgang mit Eurer Tochter nicht unter diesem Begriff bekannt ist und damit tatsächlich unbewusst furchtbare, rücksichtslose Kinder verbinden.
    Ich wünsche Dir, dass Du Dich darüber nicht ärgern musst! Denn Du wirst sicherlich auch schon festgestellt haben, dass man es als Mutter/ Eltern sowieso falsch macht und irgendjemand immer etwas zu meckern hat 😉 Dann mach es einfach so „verkehrt“ wie Du Dich am wohlsten fühlst 😉

    Herzliche Grüße
    Yasmin

    1. Liebe Yasmin, liebe Fiona,

      ich verstehe deinen Kommentar und finde die Offenheit und Perspektive für das Thema gut. Es liegt eben nicht in meinem Interesse dir die Worte im Mund zu drehen, wo ich doch verstehe, was du sagen willst (inklusiver meiner Perspektive).
      Allerdings stelle ich fest, dass es manchmal tatächlich auf die Sprache ankommt. Denn ein Wort, egal erstmal welche gesellschaftliche Assoziation damit einhergeht, ist oft schon in der Bedeutung mächtig. Gedanke – Wort – Tat, so manifestieren wir im Leben. Wenn dann noch die gesellschaftliche Auffassung des Wortes drauf kommt, dann wird es schwer die innere Idee im Wort „Erziehung“, zB, wirklich zu leben. Was Fiona und ihre Familie leben, das SoSein, kann mit dem Wort Erziehung nicht einhergehen. Denn in der Bedeutung heißt das Formung, Richtungsbestimmung. Es ist eben genau der Unterschied, nicht zu er-ziehen-egal-wo-hin-aber-ich-bin-eltern-und-ich-ent-scheide. Mit dem Wort verändert sich dein Handeln schon etwas weg von Fionas Auffassung, geht kaum anders. Und dann ist es zwar immernoch toll, dass die Erziehung auf Augenhöhe und wertschätzend ist, besser, als wenn es nicht so wäre. Aber es bleibt am Ende immernoch eine Eziehung und daher im Kern etwas anderes.

      Vielleicht sollte man einfach statt unerzogen ein ganz neues Wort finden. Dieses ganz andere Denken und Sein, nicht versuchen in Kontrast zu etwas anderem (des „Alten“) zu setzen. In un-er-zogen, steckt ja immernoch er-zogen.
      Ich weiss nicht mehr woher ich das habe, aber ich habe mal eine Weisheit gelesen, die in etwa sagte:
      Wenn du etwas nicht gut findest oder dagegen bist, oder nicht so machen willst, dann kämpfe nicht dagegen an. So wird es stärker. Schaffe eine Alternative, die den alten Weg unnötig macht.

      Mein Wort-Vorschlag: Begleitung
      Mein Kind wird erzogen
      Mein Kind wird unerzogen
      Mein Kind wird begleitet

      Macht irgendwie doch einen Unterschied, oder?

      Liebe Grüße und danke für Euer Licht!

      1. Danke für deinen Kommentar. Ich stimme dir zu, und ich mag den Versöhnlichen Gedanken, statt dagegen zu sein, eine Alternativ zu benennen. Danke für den Impuls. Viele Grüße, Fiona Xx

      2. Liebe Lory!

        Danke für Deinen Einblick! Dein Kommentar hat mir noch einmal eine neue Perspektive eröffnet und ich sehe jetzt, wieso Fionas Ansatz doch noch etwas anders ist als unserer.

        Was mich noch interessieren würde:
        Wir stellen mit dem Älterwerden unserer Tochter fest, dass sich immer mehr „Neins“ und Verbote einschleichen.
        Man rennt nicht auf die Straße, hüpft nicht in der nassen Badewanne usw.
        Dinge, die eben ihre Sicherheit betreffen.
        Wie geht Ihr mit solchen Situationen um?

        Gruß
        Yasmin

      3. Wenn es um echte Sicherheitsaspekte geht, dann schütze ich natürlich mein Kind (akut und präventiv). Sprich, ich halte sie an der Straße fest. Immer begleitet durch Erklärungen und Frustbegleitung natürlich. Ein scharfes Messer, an dass sie irgendwie dran kommt, nehme ich ihr ab. Hüpfen in der Badewanne würde ich zB auch als gefährlich erklären und immer dabei bleiben, wenn sie trotzdem dazu neigen würde, um sie beim Hüpfen festzuhalten bzw. ihr aber und abermals zu erklären, warum sie das alleine nicht machen soll. In akut Situationen eingreifen. Echte Gefahren sehen die Kinder selber einfach noch nicht, da ist es unsere Verantwortung als Eltern zu begleiten und Situationen entsprechend abzusichern. Schutz geht immer erstmal vor. Da denke ich gar nicht lange drüber nach. Nach der Situation können wir dann in Ruhe drüber reden. Viele Grüße, Fiona Xx

  3. Witzigerweise ist, was du beschreibst, Erziehung. Erziehung heißt nicht, seine Kinder zu hängen und zu bestrafen, sondern ihnen vorzuleben, wie es geht – oder eben nicht. Somit erzieht jeder dein Kind mit, der zum Beispiel neben ihm an der Ampel bei Rot stehen bleibt. Und jeder, der bei Rot drüber geht, auch.
    Das was viele Erziehung nennen, ist, wenn man es ganz genau nimmt, Dressur.
    So wie ich einem Hund „Sitz“oder Kunststücke beibringen kann, so kann ich einem Kind auch „bitte“ und „danke“ etc. beibringen. Nur weil etwas gesellschaftlich gefordert wird und anerkannt ist, ist das aber noch lange nicht richtig.
    Was du tust, ist achtsame Erziehung. Und es ist gut, wenn es sich nicht nur für dich gut anfühlt, sondern offenbar funktioniert.

    Das, was viele mit Tyrannen etc. meinen, sind Eltern, die mit weichgespülter Stimme zu ihrem Kind auf dem Spielplatz sagen „aber Sophia, man schlägt doch niemanden mit der Schippe auf den Kopf, das tut weh und du möchtest das doch auch nicht“ und die es dabei bewenden lassen. Denn dann ist es keine achtsame Erziehung, sondern die Bildung von Arschloch-Kindern. Und ja, sie gibt es und so was gibt es. Die Kinder, die in der Straßenbahn herum turnen und dabei die älteren Leute belästigen, die neben der Stange sitzen. Die Kinder, bei denen die Mutter nichts sagt – oder, im besten Fall eine ähnliche Floskel wie oben im gleichen Tonfall vom Stapel lässt, um dann das Kind zu ignorieren…

    Ich glaube nicht, dass diese Ereignisse mit deiner Tochter so ablaufen würden. ?

    Liebe Grüße
    Su

    1. Der Erziehungsbegriff im Unerzogen Kontext ist eindeutig definiert als eine nach untengerichtete Machtausübung zur Manipulation, und kommt dem was du unter Dressur verstehst vermutlich nahe. Dein Erziehungsbegriff ist dann eher mit dem Vergleichbar, was ich unter Begleitung verstehe. — Ich lade dich gerne ein, dich auf dem Blog oder anderweitig in das Thema Unerzogen einzulesen. Du kannst mir auch jederzeit gerne nochmal schreiben. — Wir hatten anderer Stelle vor Kurzem schon geschrieben, deswegen nur mein Hinweis darauf 🙂 Viele Grüße, Fiona

  4. Mal ein schöner Beitrag zu dem Thema.
    Ich bin ja persönlich der Meinung, dass es kein „unerzogen“ gibt.
    Im Grunde hängt es doch alles sehr vom Charakter der Kinder ab. Und die einen müssen etwas mehr gelenkt werden, als andere.
    Mein Sohn ist einfach vom Charakter her ein sehr sozialverträgliches Kind. War er von Anfang an und ist er jetzt – mit 6 Jahren – auch noch. Er ist immer höflich, bindet andere Kinder mit ein, wenn ich ihn um etwas bitte macht er das meistens auch umgehend und ohne zu murren. Er ist so ein Kind, das wahrscheinlich tatsächlich unbeabsichtigt „unerzogen“ ist.
    Meine Tochter ist anders. Sehr stur und eigensinnig. Und ungeduldig. Auch wenn ich auf Augenhöhe gehe, und versuche ihr vernünftig auseinanderzusetzen, dass dies und jenes jetzt nicht geht, dann stellt sie sich quer … will es nicht verstehen. Mit Logik komme ich bei ihr nicht weiter. Sie wird im Mai 5 Jahre alt.
    Ich bin ja nun immer die Gleiche. Aber es sind zwei komplett unterschiedliche Kinder.

    LG, Tina

    1. Hallo Tina. Danke für deine Gedanken. Definitiv brauchen Kinder verschieden enge Begleitung und Führung, das schließt Unerzogen ja überhaupt nicht aus -denn es ist keine Methode, sondern eine Haltung, gewaltfrei und respektvoll mit Kind leben zu wollen. Es geht nicht um das WAS (eng oder weniger eng begleiten), sondern um das WIE. Ich denke sogar, gerade bei autonomeren, willensstärkeren Kindern ist das WIE besonders sensibel zu reflektieren -und Unerzogen genauso machbar, wenn auch sicherlich anstrengender. Es geht nicht ums funktionieren, wie ich ja auch schreibe. Es geht um den Wert, wie ich meinem Kind begegnen will, und der ist unabhängig von seinem Charakter. Lieben Gruß, Fiona

  5. Hey,das finde ich sehr schön geschrieben. Ich würde es auch so gerne hinbekommen. Ich arbeite hart an mir, um meine strenge Erziehung aus mir herauszubekommen. Leider klappt es noch nicht immer.
    Danke für diesen guten Beitrag!
    Schöne Grüße
    Regina

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