Fremdelkind: Mein Kind Spielt Lieber Alleine

Fremdelkind TitelMeine Tochter fremdelt. HIER habe ich schon einmal ein bisschen darüber erzählt. Das Fremdeln hat früh angefangen bei Nana und war zeitweise richtig heftig. Heute fremdelt sie immer noch. Ich weiß gar nicht, ob das beim zweijährigen Kind schon gar nicht mehr so genannt wird. Ich mag die Bezeichnung Fremdelkind lieber, als von Schüchternheit zu sprechen, denn Nana ist überhaupt nicht immer schüchtern, sondern nur, wenn es um FREMDE geht. Richtig fremde Leute, aber auch Menschen die IHR mehr fremd, als vertraut sind.

Wie Sich Das Fremdeln Verändert Hat

Am Anfang war es Schreien. Nana hat panisch geschrien und geweint, wenn sich ihr jemand näherte, außer bei Mama und Papa oder den Großeltern. Wobei sie auch bei vertrauten Personen hin und wieder erst einen Augenblick braucht, und sich kurz zurückzieht.

Das Schlimmste was passieren konnte, war, wenn sie jemand ansprach oder anfassen wollte. Dann brauchte es danach lange, um sie wieder zu beruhigen. In geschlossenen Räumen, besonders zuhause, reagierte sie am stärksten auf Fremde. Aber auch draußen wurde es mehr.

Zu den anstrengendsten Zeiten musste ich Nana jedes Mal hoch auf den Arm nehmen, wenn uns jemand beim Spaziergang entgegenkam. Auf dem Spielplatz stand sie oft nur am Rand und näherte sich keinem Rutschturm, auf dem schon ein anderes Kind stand. Annäherungsversuche anderer Kinder wurden kategorisch abgelehnt. Und zuhause tolerierte Nana Besucher eben oft erst nach einer halben Stunde oder längerem Schreien. Vor ihrem Patenonkel flüchtete sie lange, weinte, sobald er etwas sagte oder hustete.

Was wir wussten, waren zwei Dinge: 1) Wir wollten die Angst unseres Kindes ernst nehmen. 2) Wir wollten uns nicht von Freunden isolieren, um ihre Angst zu vermeiden, sondern sie begleiten und darin unterstützen, mit ihren Ängsten umzugehen.

Nanas Patenonkel kam also trotzdem zu Besuch. Das war anstrengend. Frustrierend. Aber jedes mal am Ende wunderschön. Denn Nana öffnete sich. Mit viel Geduld und Verständnis. Ich blieb mit ihr im Kinderzimmer, solange sie das brauchte, manchmal lugten wir ins Wohnzimmer zum Besuch hinein. Manchmal setzen wir uns dazu, Nana auf dem Schoß. Immer mit einer Botschaft im Herzen: »Es ist okay, dass du Angst hast. Wir sind da für dich.« Mit etwas Käsekuchen, Humor und viel Empathie passierte es dann: Nana weinte nicht mehr. Mehr noch: Sie nahm ihren Patenonkel an die Hand und zog ihn zum Spielen in ihr Zimmer. Wenn er heute zu Besuch kommt, dann braucht Nana immer noch ein paar Minuten, bevor sie spielen will. Aber sie weint nicht, sie wechselt nicht den Raum. Sie schaut nur.

Es ist, als müsste sie einen Moment überlegen, wer das ist.

Das ist generell so. Manchmal auch bei Oma und Opa oder sogar bei Papa und mir. Besonders dann, wenn sie nicht damit rechnet, denjenigen zu treffen. Ich denke, dass sie in solchen Momenten vielmehr Schwierigkeiten mit dem Übergang hat, als mit der Person. Das ist eine Eigenheit meiner Tochter, die einfach zu ihr gehört. Die okay ist, wie sie ist.

Das Fremdeln hat sich verändert. Nana weint nicht mehr. Sie wird nicht mehr panisch und klammert sich an mich. Sie meistert manche unangenehmen Begegnungen sogar schon alleine. Wenn wir auf die Nachbarn im Hausflur treffen, die kennt sie zwar flüchtig, aber die sind ihr längst nicht vertraut, dann bleibt sie stehen und wartet. Den Blick auf den Boden geneigt. Manchmal traut sie sich, vorbeizugehen. Wenn ich sie an der Hand habe, merke ich, dass sie ein wenig fester zupackt. Draußen ist das genauso.

Nana nimmt bis heute nichts von Fremden. Auch dann nicht, wenn ich sie dazu ermuntere. Was vielleicht gar nicht so verkehrt ist.

Lass Mich In Ruhe – Kinder Stärken

Das Problem in vielen Situationen ist nicht das Verhalten meines Kindes, das sowieso nicht, sondern vor allem dasjenige, vieler Anderer. Ohne Vorurteile haben zu wollen: Besonders bei älteren Damen und Herren erlebe ich oft die Einstellung, das Kind müsse doch interagieren. Und das heißt, dann teilweise nicht nur, es müsse eben grüßen, sondern sich anfassen lassen, ein Kniff ins Bein und ein Pläuschchen mit dem völlig fremden Opi halten. Es ist sogar schon vorgekommen, dass die ja eigentlich liebe Nachbarin mein verängstigtes Kind überzeugen wollte, in ihre Wohnung zu kommen, natürlich geleitet an ihrer Hand, die sie Nana provokativ freundlich unter die Nase hielt.

Mein Kind muss mit niemanden interagieren, mit dem sie nicht interagieren will, ganz unabhängig davon, ob sie Angst hat oder die Person nur nicht mag. Mich regt diese Selbstverständlichkeit auf, mit der Kindern begegnet wird. Kinder sollen sich nicht so haben, ja nicht zurückhaltend sein, aber mit Fremden mitgehen sollen sie auch nicht. Alles auf einmal.

Dazu kommt, dass meine Tochter solche Situationen im Moment schweigend hinnimmt und abwartet. Das ist wahnsinnig unangenehm für meine Tochter, und oft wollen die Leute auf uns Eltern dann auch gar nicht hören und machen trotz allem munter weiter. Denn: »Schaunse, neugierig ist sie ja schon« und »Ach, ich mache ja auch gar nichts«. Ein verängstigtes Kind anfassen, ist also NICHTS. Verstehe.

Es ist ein verängstigtes Kind. Lasst es doch einfach in Ruhe. Im Ernst, das ist wirklich die einzige Variante, die hier Erfolg bringt.

Pin FremdelkindEs hilft nichts, Nana zu ermutigen oder ihr stundenlang zu erzählen, wer das ist und das ihr nichts getan wird. Ich bin mir ziemlich sicher, das weiß sie sogar alles. Das einzige, was mein Kind von mir will, ist Schutz und Zuwendung. Deswegen reiche ich ihr oft in Fremdelsituationen erstmal einfach meine Hand, oder drücke ihre Hand etwas fester und flüstere ihr zu, dass ich da bin. Kommt der Fremde ihr zu nah, nehme ich sie hoch. Danach sprechen wir darüber.

Was unsere Nachbarn im speziellen angeht, aber auch alle anderen Leute, sage ich Nana im Moment öfter, dass sie laut »Nein. Lass mich in Ruhe« oder »Halt. Geh weg« sagen kann.

Das ist eine der wichtigsten Dinge, die ich aus Nanas Fremdeln aktuell mitnehme: Es ist gerade nicht wichtig, dass sie offener gegenüber Fremden wird, sondern erstmal, dass sie ihre Grenzen deutlich zeigen kann. Ich erlebe immer wieder, wie ihre Grenzen übergangen werden, auch über MEINE Grenzen hinweg, weil mein Kind »jetzt alt genug« zu sein scheint. Finden zumindest die anderen. Dass das nichts mit dem Alter zu tun hat, verstehen nur wenige.

Horrorszenario Sozialkontakte – Muss Mein Kind Mit Anderen Kindern Spielen?

Gegenüber Kindern ist Nanas Verhalten aktuell ziemlich schwer berechenbar. Ihr Interesse an anderen Kindern ist mittlerweile da. Sie kommentiert, wenn sie andere Kinder sieht. Und sie merkt manchmal an, dass andere Kinder kommen sollen, wenn wir alleine auf einem Spielplatz sind. Im Moment sage ich ihr regelmäßig, dass wir mehr Kinder treffen werden, wenn es wieder wärmer draußen wird. Dann gehen wir auf den großen Spielplatz oder in den Tierpark. Da ist bei schönem Wetter immer ganz viel los.

Sorgen um die Möglichkeit für Sozialkontakte mache ich mir keine.

Einmal kam es bisher vor, dass Nana tatsächlich selber Kontakt zu einem anderen Kind gesucht hat. Sie hat mit einem Mädchen auf dem Spielplatz quasi nebeneinander gespielt, ist ihr nachgeklettert, hat sie nachgeahmt und ganz viel erzählt, statt wie sonst in Gegenwart Fremder, egal ob Erwachsen oder Kind, zu schweigen und abzuwarten. Am Ende hat sie dem Mädchen und ihrer Mama sogar zugewinkt. Meine Frage, ob sie Spaß hatte und wir jetzt öfter mit anderen Kindern spielen wollen, bejahte sie fröhlich.

An diesem Tag hat sich definitiv etwas verändert. Aber: Die Angst ist trotzdem da. Erst vor Kurzem hatten wir wieder eine Situation, in der Nana vor einem Kind, das mit ihr spielen wollte zurückwich, auf meinen Arm wollte; und etwas später zwar selber weiter im Sand spielte, aber sich nicht auf den Rutschturm traute, bis ich sie an die Hand nahm, und die andere Mutter ihr Kind bat, einmal abzuwarten, damit meine Tochter auch rutschen könnte. Als die Familie vor uns ging, beklagte Nana, sie sollten zurückkommen.

Das Interesse war also durchaus da gewesen, aber der Mut hat gefehlt.

Blöde Situation. Es werden diesen Sommer noch viele solcher Situationen kommen, da bin ich sicher. Momente, in denen sie will, aber nicht kann. Besonders groß ist das Problem für Nana, wenn nicht SIE entscheidet, den Kontakt zu suchen, sondern der Andere. Mit einer ungeplanten Situation kann sie derzeit nur sehr schwer umgehen, wo wir wieder bei den Übergängen wären, die bei ihr sehr stark beim Fremdeln mitmischen. Ich bin mir aber sicher, Nana wird ihren Weg finden. So wie mit ihrem Patenonkel nämlich auch.

Was ich tun werde? Da sein. Sie begleiten. Ihre Hand halten. Mit ihr darüber reden.

Was ich nicht tun werde? Sie drängen.

Nana kommt nicht in den Kindergarten. Für viele ist gerade der Punkt Sozialkontakte daran ein Kritikpunkt, und bei einem Kind, das kaum bis gar keinen Kontakt zu anderen Kindern hat, wohl der häufigste Kritikpunkt, mit dem ich mich auseinandersetzen muss. Glaub mir, ich habe da auch schon etliche Nächte drüber wach gelegen. Gerade nach solchen Situationen. Wird es ein Fehler sein, Nana nicht in den Kindergarten zu schicken? Braucht mein Kind das vielleicht doch?

Nana weiß, dass die meisten Kinder in den Kindergarten gehen, und sie zuhause bleibt.

Wir haben darüber schon ein paar Mal gesprochen. Manchmal sagt Nana, dass sie auch in den Kindergarten will, dann erkläre ihr nochmal, dass ich ja zuhause bin und deswegen niemand anderes auf sie aufpassen braucht. Eines mache ich mir dabei jedes mal sehr bewusst: Für Nana ist das Konzept Kindergarten aktuell nicht mehr als dieser eine wirklich saucoole modernisierte Kindergartenspielplatz bei uns um die Ecke, an dem wir fast jeden Tag vorbeilaufen. Mein Kind weiß nicht, dass sie dort alleine wäre. Wirklich alleine. Ohne uns. Auch wenn ich ihr das erzähle, erfassen kann sie das einfach noch nicht. Und ein paar andere Dinge über den Kindergarten sind ihr auch völlig unbekannt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Tatsache ist: Kindergartenbetreuung ist für uns nicht notwendig.

Der EINZIGE Grund FÜR UNS, der doch dafür sprechen würde, wären aktuell also diese Sozialkontakte. Und das auch nur, weil mein Kind fremdelt. Wäre Nana aufgeschlossen, seien wir ehrlich, würde uns der Gedanke überhaupt nicht kommen, denn dann könnte sie auch woanders Kontakte knüpfen. Dann würde auch niemand sagen, es wäre besser für sie.

Und genau da ist der Knackpunkt.

Der einzige Grund, mein Kind doch in den Kindergarten zu geben, wäre also, DAMIT sie aufgeschlossener wird, und lernt Kontakte zu knüpfen. Ich würde mein Kind bewusst (!) ins kalte Wasser werfen, um ihre Art zu verändern. DAS ist eine Form von Erziehung.

Meine Tochter zwanghaft in Kontakt mit anderen Kindern zu bringen, weil ICH darin einen Vorteil sehe, obwohl SIE derzeit einfach ganz froh ist, wenn sie alleine spielen kann, und sich in ihrem Tempo an Spielplatzfreundschaften herantrauen will, wäre nichts anderes als Formung. Ich würde etwas erzwingen, und mag es noch so gut gemeint sein, weil ich nicht die Kraft oder Geduld habe, anzunehmen wie es ist und mit ihr diesen Fremdelweg weiter durchzustehen. – Mal ganz abgesehen davon, dass die Eingewöhnung katastrophal würde.

Im Moment ist Kindergarten also keine Option für uns. Wir tasten uns anderswo heran. Ungezwungener.

Mein Fremdelkind – Mein Spiegelbild: Wie Wir gemeinsam Wachsen

Ich kann Nanas Fremdeln gut verstehen. Ihre Starre, ihr abwarten und hoffen, dass die Situation vergeht. Ich weiß, dass Angsthaben ein mieses Gefühl ist. Und ich weiß auch, dass Ängste überwunden werden können. Ich weiß das, weil ich eine soziale Phobie habe, mit der ich in den meisten Alltagssituationen aber mittlerweile gut umgehen kann.

unverbogen_zitat_angstIch weiß noch etwas: Nämlich, dass es nicht hilft, gesagt zu bekommen, dass nichts passiert. Und dass es überhaupt nicht ermutigt, gedrängt zu werden. Es macht es höchstens schlimmer. Oder es verdrängt die Ängste, lässt dich kopflos funktionieren, und vor dem nächsten Mal ist die Angst noch viel größer; auch davor nicht wieder zu funktionieren.

Und ja natürlich. Ich weiß auch, dass MEINE Angst vor Fremden und vor ungeplanten oder nicht gut planbaren Situationen die Unsicherheiten meiner Tochter nicht unwesentlich beeinflusst. Wenn uns die Nachbarin auf dem Flur anquatscht, dann bin ich auch oft angespannt. Wenn der Spielplatz voll ist, atme ich einmal tief durch. Mein Kind merkt das.

Deswegen arbeite ich an mir, um meinem Kind ein Vorbild sein zu können. Wir wachsen zusammen. Wir lernen zusammen, »Halt« zu sagen und Spielplatzkontakte zu knüpfen. Ich erkenne in meinem Kind viel von mir, leider, aber auch die wunderbare Chance, es besser zu machen. Heile zu machen, was bei mir kaputt ist. Durch Geborgenheit und Verständnis. Ich sage oft zu meinem Kind, »Ich verstehe dich, Nana. Weißt du, ich habe auch ganz viel Angst. Aber guck, Mama schafft das. Und du schaffst das auch.« xX Fiona

3 Kommentare

  • Annett

    Vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht! Dieser könnte von mir kommen! Ich sehe meinen kleinen Mann in Deinen Zeilen und ich werde ihm auch alle Zeit der Welt geben die er braucht.

  • Hanna

    Hallo Fiona,
    ich bin eben auf deinen Blog gestoßen, da ich mit meinem Kind auch Bindungs-und beziehungsorientiert lebe. Toll dass es die Möglichkeit gibt sich im Netz darüber aus zu tauschen. Findet man doch im sonstigen Leben nur eher schwierig Gesprächspartner. Die meisten Menschen/Eltern um mich herum gehen (vollzeit) Arbeiten und sind im Alltag als Eltern gar nicht greifbar/ansprechbar.
    Mein Sohn ist jetzt 4 Jahre und drei Monate alt und wir leben von Anfang an sehr eng und intensiv zusammen. Ich genieße es einfach mit ihm Zeit zu verbringen, auch wenn es natürlich nicht immer alles easy peasy war/ist. Ich würde sagen Karl ist auch eher etwas fremdelig. Einiges was du schreibst, kommt mir sehr bekannt vor. Ich habe mir nur nie darüber Gedanken gemacht, dass das ungewöhnlich wäre. Ich fand es meistens immer nachvollziehbar wenn er fremdelig oder schüchtern reagierte. Auch viele andere Kinder reagieren so meiner Beobachtung nach. Du schreibst, dass sie dann manchmal auch schreit, das macht Karl nicht, aber jedes Kind hat ja auch ein anderes Ventil, eine andere Art zu zeigen, dass es das jetzt absolut komisch/beängstigend findet. Ich bin übrigens ein sehr extrovertierter Typ. Ich liebe es zu smalltalken und gehe sehr gerne auf andere Menschen zu und trotzdem ist/war mein Karli ganz lange so ganz anders als ich. Mit drei dreieinhalb wurde es dann allmählich anders. Mit seiner körperlichen und geistigen Entwicklung schien er auch immer mehr Ängste ab zu legen. Ich habe das Gefühl, dass alles so seine Zeit hat und bei dem/der einen dauert‘s nicht so lange mit dem Fremdeln und bei dem/der Anderen dauert es länger oder wird vielleicht auch nie so richtig abgelegt. Ist ja auch voll normal und gut so. Ich schreibe dir übrigens weil ich dich verstehen kann und dir nur sagen will, dass ich zu denen gehöre die es so sehen wie du:-).
    Ich habe ganz lange das Gefühl gehabt, dass Karl eigentlich nicht in den Kindergarten gehen soll/muss. Und schon gar nicht, wenn er nich nicht reif dafür zu sein scheint. Mit gut drei Hahren haben wir es dann doch gewagt, in einen von uns gut ausgesuchten Kindergarten. Die Eingewöhnung und Abnabelung von mir verlief mit deutlichen Höhen und Tiefen. Um genau zu sein, es war verdammt hart und ich habe so oft alles in Frage gestellt! Das ganze System, dieses blöde Kindergarten-Prinzip. Zum Glück hat er sich dann doch recht gut und auch nach nicht all zu langer Zeit recht gut eingewöhnt. Nach einem Dreiviertel Jahr Kindergarten und nachdem er auch relativ regelmäßig (mal abgesehen von diversen Infekten) hingegangen ist, kam dann nochmal eine schrecklich große ich-will-nicht-in-den-Kindergarten-gehen-Phase gehen. Sie hielt ca zwei Wochen an und es war so ziemlich das Schlimmste was ich/wir mit ihm emotional durch haben (mit der anfänglichen Eingewöhnungszeit). Er hat so furchtbar geweint und sein ganzer kleiner Körper war so verzweifelt. Da sagten doch tatsächlich noch Leute um mich herum, „ja ja, der weiß schon wie er euch rum kriegt und welche Knöpfe er drücken muss, damit ihr einknickt“. Ohne Worte. Das sind für mich böse Stimmen, die ihre Kinder samt ihrer Gefühle nicht ernst nehmen. Für uns war der Weg allerdings klar. Karl soll auch weiterhin ein Kindergartenkind sein. Wir haben hier kaum andere Möglichkeiten zu sozialen Kontakten. Wir leben in Berlin Mitte. Alle sind hier arbeiten und mega busy. Man findet nur Mütter/Väter mit sehr kleinen Kindern, unter einem Jahr, in den Spielgruppen. Maximal noch bis Eineinhalb Jahre, spätestens dann ist man hier in den saugen der Meisten ein Exot wenn man noch mit seinem Kind zu Hause ist und muss sich einem Spießrutenlauf von kritischen Stimmen aussetzen. Wenn du dich um die Belange deines Kindes zu sehr sorgst etc. wirst du komisch angeguckt, bist eine Glucke.
    Es gibt hier nur schwarz und weiß. Entweder man wird als Helicopter-Mutter verschrien, die sich um jeden Pups ihres Kindes Gedanken macht oder man ist die Business-Mami, die alles abgibt und wegorganisiert, was ihre Kinder angeht, wo sie nur kann. Und eben letzteres ist hier so gut wie ausschließlich vertreten. Wir Planen hier weg zu ziehen. Ländlicher zu leben, mehr Natur, mehr Natürlichkeit, mehr „Normalität“, das wäre heilsam (obwohl ich nach wie vor Berlin wahnsinnig toll und inspirierend finde, aber eben nicht in jeder Lebensalge und in jedem Bezirk von Berlin).
    Karl geht mittlerweile wieder sehr gerne in den Kindergarten. Ich denke er hatte einen kognitiven Wachstumsschub und er war noch Schutz-und Kuschelbedürfitiger in dieser Zeit als sonst. Zudem wusste er zu diesem für ihn eh schon schwierigen Zeitpunkt, gerade seit zwei drei Wochen, dass er ein Geschwisterchen bekommt. Vielleicht hat ihn das auch bewegt. Zudem hatte er eine lange Kindergarten-Pause wegen der Weihnachtsfeiertage und dann gleich anschließend wegen Krankheit. Insgesamt war er dann einen guten Monat raus und dann wie gesagt noch der Wachstumsschub.
    Es gibt immer mal wieder Tage, da ist er total müde vom Kindergarten und ich nehme ihn nur noch in den Arm und lege ihn zu Hause schlafen oder lasse ihn vor‘m IPad (ich weiß pädagogisch geht das gar nicht- wir haben das aber ganz gut „im Griff“.) „abschalten“. Ich begleite ihn in der Zeit, in der wir zusammen sind, so individuell wie möglich. Gehe auf seine Bedürfnisse ein, ohne mich dabei verbiegen zu müssen. Wir sind ein sehr gutes Team. Sind über die Jahre, vermutlich durch bindungsorientiertes Leben, sehr gut zusammen gewachsen. Wir vertrauen uns, trotz Höhen und Tiefen. Falls du irgendwann mal überlegst deine Kleine doch nich in den Kindergarten zu geben, will ich dir nur sagen, dass ihr bestimmt ein sehr gutes Band habt, was euch trotz eventueller Tiefen zusammen hält. Ich bin im Nachhinein zufrieden mit der Entscheidung für den Kindergarten. Karl nimmt davon viel Gutes mit. Ich denke nicht, dass unbedingt jedes Kind den Kindergarten benötigt, aber es kann auch gut werden und doch auch hingegen meiner früheren Einstellung gegenüber Kitas, eine gute Sache sein. Vorausgesetzt, das Kind bleibt meiner Meinung nach nicht zu lange dort und muss nicht schon als ganz kleines Kind dort hin. Alles hat seine Zeit, finde ich. Ganz egal, für welchen Weg ihr euch entscheidet, ihr werdet ihn bestimmt gut begleiten, weil ihr liebevoll seid mit eurem Kind. Auch der Beginn mit dem Kindergarten kann euch zusammen stark machen.
    Übrigens eine Freundin von mir war auch nie in einem Kindergarten und sie ist ein sehr glücklicher Mensch und sie hat „sogar“ viele Freunde:-).
    Also ich kann euch nur nochmal bestätigen, macht was euer Kind euch „sagt“/zeigt und alles wird gut!

    Liebe Grüße aus dem trubeligen Berlin;-)
    Hanna

    • Fiona Lewald

      Hallo Hanna, Ich danke dir für deine Gedanken. Ich denke auch, dass bei Nana die Zeit kommen wird, dass sie weniger fremdelt. Alles hat seine Zeit, wie du auch schreibst. Dass ich mir viele Gedanken dazu mache, liegt am meisten wohl an meiner persönlichen Situation und der Befürchtung, es könnte ihr ergehen wie mir. Aber: Das wird es bestimmt nicht. Daran will ich fest glauben. Zum Kindergarten: Danke für deine Geschichte. Im Moment fühlt sich Kindergarten nicht richtig an. Ich werde aber an deine Erfahrungen und Worte denken, wenn wir uns nochmal vor die Entscheidung stellen. <3 Liebe Grüße, Fiona

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.