Mit Kindern Kommunizieren

mit Kindern kommunizieren  Titel Unverbogen KInd Sein

Mit Kindern kommunizieren ist die Basis für einen guten Umgang. Ich kann wirklich nicht oft genug betonen, wie wichtig es mir ist, bewusst achtsam mit Kindern zu kommunizieren. Nicht nur für den Spracherwerb, ganz besonders auch für das Verstehen der Welt, für unsere Bindung und das sogar für das eigene Selbstbild sind Worte einfach unverzichtbar.

Der Mensch ist ein alphabetisiertes Wesen.

Unser Denken funktioniert überwiegend mit der Hilfe von Wörtern. Sehen wir Buchstaben, lesen wir, Gesprächen hören wir zu, denn unser Gehirn reagiert auf sprachliche Impulse stärker, als auf andere Reize.

Sprache ist nicht nur zur Verständigung unerlässlich, sie ist auch der Schlüssel zum Begreifen. Beim Entschlüsseln ihrer Welt helfen wir unseren Kindern also am meisten, wenn wir ihnen einen achtsamen Zugang zur Sprache verschaffen. Und für ihr Tun in der Welt, helfen wir ihnen , wenn wir ihnen mitgeben, wie sie gut kommunizieren.

Mit Kindern kommunizieren: Achtsam Und Kindgerecht

Unsere Kinder sind darauf angewiesen, dass wir achtsam mit ihnen sind, auch bei der Wahl unserer Worte. Hinzuschauen, wie dein Kind reagiert, wenn du mit ihm*ihr redest und eine altersgerechte Sprache zu wählen, sollte selbstverständlich sein.

Wenn ich mit meiner Tochter spreche, insbesondere wenn ich ihren Frust begleite oder ihr etwas richtig Wichtiges erklären will, achte ich außerdem darauf, dass meine Worte ›mit mir selbst übereinstimmen‹.

Äußerungen, die dein Inneres wiedergeben, die mit deinem Empfinden übereinstimmen, haben automatisch eine ganz andere Ausdruckskraft, als die herunterzitierten Floskeln, auf die klassische Erziehung normalerweise zurückgreift. Und das spüren auch unsere Kinder.

Statt zu schimpfen und Sätze zu reproduzieren, die schon Uroma predigte, erzähle ich meinem Kind, was MIR gerade Sorgen macht und was ICH will. Das kostet mich ein paar mehr EIGENE Worte, transportiert aber mehr Authentizität und Klarheit.


Viele Eltern vergessen, beim Sprechen auf ihre Kinder zu achten, hinzuschauen und sich in ihre (noch) spracharme Wirklichkeitswahrnehmung einzufinden: Wenn ich spreche, schaue ich immer, wie mein Kind reagiert. Ist sie aufmerksam für mehr Worte, mehr Erklärungen? Oder wendet sie sich gar ab?


Gerade in Konfliktsituationen ist es wichtig, zu reflektieren, wie viel unsere kleinen Kinder verstehen -und wie zB der Spracherwerb funktioniert-, um die richtigen Worte zu wählen. Das ist nämlich gar nicht immer einfach.

Hilf mir, es zu Verstehen: Verbalisieren heißt (be-)greifbar machen

Stell dir vor du kommst an einen Ort, dessen Sprache du nicht verstehst.

Die Bilder vor deinen Augen, Empfindungen in deinem Herzen und diese unbekannten Töne in deinen Ohren. Für nichts davon hast du Worte. Aber du merkst bald, dass du irgendwie nicht richtig verstanden wirst, obwohl du das Bedürfnis hast, verstanden zu werden. Und nur du, du schaffst es scheinbar nicht, mitzusprechen. Seltsame Vorstellung, nicht wahr?

Wenn wir unseren Kindern Dinge, Gefühle und Situationen benennen, dann geben wir ihnen Worte, die ihnen auf lange Sicht nicht nur helfen, sich zu verständigen, sondern auch überhaupt erstmal zu begreifen.

Ist es für den Aufbau des kindlichen Wortschatzes einerseits wichtig, Personen, Dinge und Tätigkeiten benennen zu können, so ist es für das Verstehen und Kontrollieren des Ich andererseits besonders wertvoll Worte für Emotionen und Bedürfnisse kennenzulernen. Das Gefühl, wenn der Bauch grummelt, nennt sich Hunger. Wenn dir das Knie wehtut, hast du Schmerzen. Wenn dir nach weinen ist, bist du traurig, und wenn du schreien und aufstampfen willst, bist du so richtig doll wütend. Hast du Worte für deine Gefühle und Bedürfnisse, weißt also, was gerade in dir vor sich geht, dann kannst du auch nach und nach lernen, damit umzugehen.

Statt auf das ungestüme Verhalten unserer Kinder also wertend zu reagieren, hilft es ihnen in Stresssituationen viel besser, wenn wir ihre Gefühle, die Situation und ihr Handeln begleitend verbalisieren.

Dabei ist es in Frustsituationen, in denen das logische Denken -und das Sprachzentrum- unsere Kinder blockiert, wichtig zunächst auf einer emotionalen Ebene zu bleiben. ›Du magst nicht nach Hause. Das macht dich wütend. Bist du wütend? Willst du mit dem Fuß aufstampfen?‹ Erklärungen können besser in einem zweiten Schritt folgen, wenn du dein Kind bei seiner Emotion abgeholt hast und es sich wieder beruhigt. ›Ich will nach Hause, ich muss noch kochen. Hast du hunger?‹

Spracherwerb: Wie wir den Spracherwerb beeinflussen

Bei meiner Tochter, die gerade anfängt zu sprechen, merke ich, dass sie gezielt Wörter mit ein oder zwei Silben aus meinen Sätzen filtert und nachspricht. Bei mehrsilbigen Wörtern beschränkt sich ihr Plappern, wenn überhaupt, auf die Doppelung/oder Nennung einzelner Silben. Das heißt nicht, dass auf schwierige oder lange Wörter verzichtet werden soll. Überhaupt nicht. Wenn es aber ein einfaches (nicht lautmalerisches!) Wort gibt, dann benutze ich es durchaus zurzeit vorrangig, denn ziemlich wahrscheinlich wird mein Kind es schneller lernen und so schneller ein Wort haben, mit dem sie sich auch selbst ausdrücken kann. Schwierigere Synonyme benutze ich ergänzend eher sporadisch.

Allerdings halte ich nicht viel von Lautmalerei; also Wauwau für den Hund, Brumm fürs Auto und Lala für Musik. Warum? Sprechen funktioniert in etwa wie ein Logistiksystem. Jedes Wort kannst du dir als ein Päckchen vorstellen, dass auf einem Regal ganz oben abgestellt wird. Jedes Regal hat mehrere Fächer, in denen weitere Pakete mit ähnlichen oder verwandten, eben mit dem Hauptwort zusammenhängenden Wörtern stehen. In den Päckchen stecken die Wortkonzepte drin: Bilder, Wissen und Gefühle, die wir mit den Wörtern jeweils verbinden. Die Regale werden größer und vollgepackter und verknüpfen sich zu gigantischen Regalbauten: Unserem semantischen System. Das Problem: Wenn ein Päckchen einmal in einem Fach steht, dann braucht es auch einiges an Aufwand, das Päckchen gegen ein anderes auszutauschen und damit die Struktur des gesamten Regals zu aktualisieren. Das Gehirn muss im wahrsten Sinne des Wortes aufräumen. Lernt mein Kind zunächst also als Hauptwort Wauwau anstelle von Hund, dann muss der erlernte Begriff im Wortsystem später ausgetauscht, und die Bezeichnung Wauwau als der eigentliche Laut des Tieres neu eingeordnet werden. Das kostet deutlich mehr Aufwand, als wenn von Anfang an Hund als Begriff ganz oben im Regal steht, und Wauwau als Synonym fürs Bellen kategorisiert wird.

Du kannst das natürlich trotzdem machen mit dem Wauwau und dem Tatütata. Wirklich tragisch ist das nicht. Es ist nur eben ein Umweg.

Wenn es vom Kind kommt, ist das okay. Nana kommt seit kurzem auch selber auf die Idee Brumm zu sagen, wenn sie mit ihrem Spielzeugauto übers Laminat brettert. ›Fährst du mit dem Auto? Der Motor brummt‹, erwähne ich nur. Eine direkte Korrektur sollte beim Spracherwerb prinzipiell möglichst vermieden werden. Besser sind Aufgriffe der ›falschen‹ Wörter in deinen eigenen Äußerungen. Damit zeigst du deinem Kind, ›Ich habe dich verstanden‹, und sprichst ihm trotzdem das Wort (oder den Bedeutungskontext) noch einmal korrekt vor.

Achtsame Sprache: Wer bin ich, wer bist du?

Etwas anderes, was in Elterngruppen viel diskutiert wird, ist das Sprechen von sich selbst in der dritten Person. „Mama kommt“, zB. Ich mache das auch. Ich lese häufig das Gegenargument, dass die dritte Person uns Verdinglicht und von unseren Kindern entfernen würde. Im unerzogen Kontext habe ich gelesen, dass das Bezeichnen in der dritten Person uns analog zur Erzählperspektive in der dritten Person, als Eltern in eine „allwissende“ Machtposition stellt. -Ja, so habe ich auch geguckt.

Ich kann mich damit nicht identifizieren, empfinde das etwas überzogen, wenngleich Sprache Wirklichkeiten schafft. Ich empfinde es nicht unpersönlicher, wenn ich sage ›Mama kommt gleich‹, statt „Ich komme gleich“. Die Intention ist dieselbe. Für mein Kind bin ich Mama.

Demgegenüber ist Ich ein abstraktes Wortkonzept, welches Kinder erst zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr für sich selbst überhaupt entdecken. Dass Ich auf andere Personen zu übertragen, zu verstehen, dass also jeder ein Ich sein kann, ist eine unglaubliche kognitive Leistung. Das Sprechen von mir selber in der dritten Person sehe ich als Verständniserleichterung. Etwas, was viele Eltern automatisch machen.

Kit Kindern kommunizieren – Mein Kind versteht das. Oder etwa nicht?

Ein weiteres Phänomen in Elterngruppen ist die beliebte Behauptung, dass schon die kleinsten Kinder ein Nein VERSTEHEN würden.

Nein ist ein hochgradig komplexer konzeptueller Begriff und nimmt viel Platz, gleich mehrere Regale, in unserem sprachlichen Logistiksystem ein. Einerseits erscheint uns die Bedeutung dieses vierbuchstabigen Wörtchens ziemlich simpel: Das Nein als Antwort auf konkrete Fragen dient als ein Ausdruck der Ablehnung. Ein Nein negiert die vorangegangene Aussage. Soweit, So gut. Das schwierige: Das ist in der Regel nicht die Form, in der Eltern das ausgerufene Nein verwenden.

Beim strengen Ausruf der vier Buchstaben fehlt die konkrete vorangestellte Äußerung, stattdessen bezieht sich der Ausruf auf eine Handlung, die oft sogar erst noch im Begriff ist zu geschehen (oder schwieriger noch: von der angenommen wird, dass sie geschehen würde). Die Bedeutung, also das, WOGEGEN der Ausruf sich stellt, muss vom Kind abstrakt abgeleitet werden. Immer wieder aufs Neue. Einfach ist das gar nicht. Gerade wenn du erst am Anfang des Spracherwerbs und Verstehens stehst.

Auch einem Erwachsenen gelingt das nicht immer.

Ein Beispiel: Du stehst in einem Raum mit einem Tisch, darauf stehen Gläser. In den Gläsern sind Flüssigkeiten, die süß duften. Davor liegen Papiere. Du gehst näher auf den Tisch zu und streckst deine Hand aus. Hinter dir ertönt ein Nein – Du hältst aus langjähriger Erfahrung inne. Aber weißt du auch, worauf sich das Nein bezieht? Sollst du die Gläser nicht anfassen? Sollst du die Flüssigkeit darin nicht trinken? Sollst du die Papiere nicht betrachten? Und: WARUM? Und: was passiert wohl, wenn du es trotzdem tust? DU würdest nachfragen, Antworten bekommen und dann logisch darüber abwägen, ob du das Nein akzeptierst – Oder nicht.

Unsere Kinder, gerade die ganz kleinen, denen unterstellt wird ein Nein schon zu verstehen, können aber oft noch nicht nachfragen, geschweige denn dezidiert über die Situation reflektieren, wie ein Erwachsener. Der einzige Weg, um herauszufinden, was das Nein also bedeutet, ist ausprobieren, weitermachen und herausfinden, an welchem Punkt Mama und Papa eingreifen, und wie, und wie sie dann darauf reagieren, wenn ich weitermache, mit was auch immer ich lassen soll.

Wenn dein Kind bereits gezielt mit dem Kopf schüttelt und gelernt hat, dir selbst mit einem Nein mitzuteilen, dass es die Kartoffeln nicht mag, dann hat es zwar bereits einen wichtigen Teil des Konzeptes NEIN verstanden, aber es wird weiterhin auf deinen Ausruf wenig bis gar nicht mit dem gewünschten Verhalten reagieren können, denn es muss erst ausprobieren, um herauszufinden, was du eigentlich sagen möchtest.

Und dann kommen da noch Neugier, Forscherdrang und der Schalk im Nacken, das Egal und das Trotzdem hinzu, die allesamt das Nein überhören.

Jedenfalls: Das beliebte elterliche Nein in tausendundein Tonlagen bringt in einer kindgerechten Kommunikation herzlich wenig. Der ständige Ausruf KANN auf Dauer natürlich zum Erfolg führen, wenn nach dem Nein, dem Einhalt oder dem Übertreten entsprechende Belohnungen/Strafen erfolgen (Erziehung eben), aber der Effekt ist weniger ein Verstehen, als ein Dressieren. Das Kind stoppt, weil es das Nein als Signalwort nimmt, nicht weil es die Intention hinter dem Konzept NEIN in seiner Gänze begriffen und auf die konkrete Situation angewendet hat. Du könntest dein Kind genauso gut auf das Wort Achtung oder gar Spaghettisauce konditionieren. Zugegeben, Konditionierung ist eine (durchaus funktionierende) Möglichkeit mit unseren Kindern umzugehen.

Es ist aber nicht das, was ich im Umgang mit meiner Tochter anstrebe.

Abgesehen davon, dass wir das Nein in unserem normalen Sprachgebrauch als Antwort auf Fragen natürlich ständig verwenden, verzichte ich in den meisten Situationen darauf. Stattdessen versuche ich, positiv zu formulieren und meinem Kind konkretere Worte an die Hand zu geben, mit denen sie die Situation erfassen kann. Sätze wie: ›Das ist gefährlich. Setz dich wieder hin.‹, ›Spuck das aus. Ich habe Angst, dass du dich daran verschluckst.‹, oder ›Gib mir das bitte. Das gehört Mama.‹ fallen hier täglich. Ein Nein brauche ich überhaupt nicht, und sage es doch dauernd -Nur eben anders. Ich lasse es nicht alleine als Ausruf stehen, sondern erkläre; ICH beantworte meiner Tochter die Fragen, die sie noch nicht stellen kann, anstatt davon auszugehen, dass sie mein Nein verstehen muss.

Um im sonstigen Sprachgebrauch zu verstehen, dass ein Nein Ablehnung und Widerwillen ausdrückt und einen wichtigen Stellenwert hat, um eigene Grenzen aufzuzeigen, finde ich es übrigens unerlässlich auch das Nein meines Kindes zu akzeptieren. Wenn Zwergnase also den Kopf schüttelt, dann verbalisiere ich ihre Ablehnung ›Nein? Du magst das nicht Essen.‹ und nehme diese Ablehnung ihrerseits an. Nur so kann mein Kind auf lange Sicht begreifen, dass ihr Nein nicht ohne einen wirklich triftigen Grund übergehbar ist. Eine mMn wichtige Erfahrung für die Zukunft.

Ebenso verbreitet ist die Annahme, dass schon kleine Kinder Aua als Ausdruck für Schmerz begreifen. Ich sage wirklich oft Aua, zB wenn mein Kind beißt oder mir an den Haaren zieht. Nana sagt inzwischen selber Aua, wenn sie Stellen entdeckt, die kaputt aussehen. Allerdings sind das nicht nur Wunden, es sind auch Muttermale oder ihr mit Buntstift bemalter Handrücken. Diese Beobachtung macht mir im Moment mehr als deutlich, wie unterschiedlich ihr Denken im Vergleich zu meinem Erwachsenen Denken noch funktioniert. Denn: Nana verbindet Aua eher mit einem visuellen Reiz, (noch) nicht mit einer Empfindung.

Aua kann ähnlich wie Nein, wenn es konsequent verwendet und dabei an Verhaltenswertung gekoppelt wird natürlich zu einem Signalwort werden. Mit Verstehen hat das aber mMn wieder nicht viel zu tun.

Die tatsächliche Verknüpfung des Lautes Aua mit Schmerzen kann ein Kleinkind vorerst noch überhaupt nicht herstellen, genauso wenig wie das Verständnis dafür einer anderen Person wehzutun. Notwendig sind hierfür insbesondere die Entwicklung von Empathie und die Möglichkeit einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Beides sind Fähigkeiten, die sich idR. erst um das vierte Lebensjahr herum bei unseren Kindern entwickeln. Ein jüngeres Kind nimmt zwar den Ausruf und die Reaktion wahr, reagiert möglicherweise auch mit Pusten oder ähnlichen Tröstemechanismen (Nachahmung), kann die Tragweite der Empfindung des Anderen aber nicht vollständig nachvollziehen. Dazu muss es erst begreifen, dass jedes Individuum ein eigenes Ich hat, das eigene Empfindungen unabhängig von seinen Empfindungen haben kann.

Klingt kompliziert. Und ist irgendwie auch wieder schwierig vorstellbar. Eines kannst du dir hoffentlich mitnehmen: Dein Kind weiß es oft wirklich nicht besser, als es tut.

Wie unser Gehirn negative Aussagen Boykottiert

Kommen wir nochmal zum Nein. Stell dir mal bitte keinen Apfel vor. Und jetzt stell dir nicht vor, wie du in den Apfel beißt. Na?

Unser Gehirn muss zur Negierung einer Aussage, auch die Aussage selber in unserem semantischen System Abrufen. Wir denken also an diese Sache.

Wenn ich dich also auffordere ›nicht in den Apfel zu beißen‹, dann wirst du dem problemlos Folge leisten können, aber das Bild ›Apfel beißen‹ ist trotzdem in deiner Vorstellung aktiv. Deine Impulskontrolle hilft dir, die Handlung in der konkreten Situation zu unterbinden.

Noch ein Beispiel: Wenn ich dich frage, ›Schmeckt dir der Apfel nicht?‹ (und er schmeckt dir tatsächlich nicht), würdest du als Antwort nicken oder den Kopf schütteln? Erwachsene straucheln hierbei. Beides ist möglich. Meine Tochter schüttelt ohne zu zögern den Kopf. Sie reagiert auf die positive Grundlage des Fragesatzes ›schmeckt der Apfel‹ mit einem Nein.

Insbesondere Kinder, die noch ganz am Anfang des Spracherwerbs stehen, müssen die Bedeutung der Worte erst nach und nach lernen (und später dann lernen, Impulse zu kontrollieren, auch wenn sie den sprachlichen Input verstehen…). Kinder verstehen zuerst Hauptwörter: Nomen, Verben, Adjektive. Deswegen benennen wir ganz automatisch unseren Kindern Dinge und Tätigkeiten, Farben und Formen. Erst später kommen so Dinge wie Präpositionen, Bezugswörter und Negationen dazu, die sich aus dem Kontext mit bereits bekannten Wörtern ergeben. Meine Tochter filtert das ›nicht‹ aus meiner obigen Frage also einfach heraus.

Die Beispiele zeigen dir, dass unser Gehirn seinen Fokus prinzipiell auf das Erfassen von positiven Aussagen legt. Die Negation ist so gesehen eine zweite Information, die auch erst in einem zweiten Schritt reflektiert wird. Oder anders gesagt: Um eine Negation zu verstehen, MUSS ich zuerst die positive Aussage verstehen, um diese dann ins Negative zu setzen.

Sagst du deinem Kind also, dass es ›nicht auf der Couch springen‹ soll, versteht es je nach Entwicklungsstand lediglich ›Couch springen‹. Macht es dann auch. Aber damit will dein Kind dich nicht ärgern.

Wir sollten beim Kommunizieren mit Kindern auf POSITIVE AUSSAGEN zurückzugreifen.

Statt ›Spring nicht auf der Couch‹, besser ›Setz dich hin‹.

Natürlich dauert es auch erst, bis dein Kind deine Aufforderung versteht. Und manchmal wird dein Kind einfach nicht darauf hören WOLLEN, was du sagst. Dein Kind hat eben einen eigenen Kopf und kann Gefahren zB. noch überhaupt nicht abschätzen. Rein aus der sprachlichen Sicht sind positive Aussagen aber effektiver. Nicht nur im Umgang mit Kindern.

Die einzige negativ formulierte Aussage, die ich häufig verwende, ist ein Klares ›Ich möchte/will das nicht.‹ Ein Satz, der meine persönlichen GRENZEN aufzeigt. Ich empfinde es wahnsinnig wichtig, meine Grenzen, wenn ich denn auf sie stoße, auszudrücken, unabhängig davon, ob meine Tochter den Satz verstehen kann. Natürlich begleite ich durch Erklärungen.

Mit Kindern kommunizieren: Ehrlichkeit, Offenheit und ein Bisschen ›Weiß Ich Nicht‹

Wenn in Elterngruppen Konflikten oder Sorgen rund um ältere Kinder diskutiert werden, dann ist meine erste Gegenfrage IMMER, ob die Eltern denn schon mit dem Kind darüber gesprochen haben. Eigentlich simpel.

Das Kind einfach fragen, was er*sie denkt, und was er*sie sich wünscht. Das Kind fragen, was das Problem lösen könnte.

Überraschend oft wird verneint. Dabei sind Kinder wahnsinnig kreative und kooperative Köpfe und sprechen aus dem Bauch heraus. Protipp also: Sprich mit deinem Kind. Frag einfach mal nach, warum es tut, was es tut und was ihr machen könnt, um euer Problem zu lösen. Nicht nur, dass die Antworten möglicherweise spannend ist, dein Kind fühlt sich gesehen und ernstgenommen. Beides wichtige Erfahrungen. Vermutlich versteht dein Kind dich auch viel besser, wenn du ruhig mit ihm*ihr sprichst, anstatt Verbote und Gebote abzuspielen. Und vielleicht findest du die Sache auch plötzlich gar nicht mehr so schlimm, wie gedacht, wenn dein Kind die Chance bekommt, seine*ihre Perspektive zu erklären.


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›Das Problem ist, wenn ich frage, dann kommen Antworten wie weiß ich nicht und weil ich das will.‹, schrieb mir eine Mutter. – Wir reden hier von kleinen Menschen, die in den meisten Fällen weder hochgradig reflektiert ihre Antworten wählen, noch ihrem Verhalten eine Bedeutung im großen Ganzen der Welt zukommen lassen. Nur weil WIR wollen, dass ein plausibler Grund hinter dem (unerwünschten) Verhalten unserer Kinder steckt, damit WIR gezielt eingreifen können, ist da vielleicht kein bewusster. Das ist wieder so ein Erwachsenen Denken. Wenn Kind A Kind B beim Vorbeigehen schubst, kann ein weiß ich nicht zB. heißen: Dein Kind handelt impulsiv und braucht deine Hilfe, sich zu regulieren. Und wenn dein Kind gerade die gewaltige Erfahrung macht, dass es seinen Willen durchsetzen kann, dass es etwas bewirkt, dann kann weil ich das will, durchaus Grund genug sein, diese Erfahrung auszuleben. Mehr gibt es da erstmal gar nicht zu sagen. – Aber genau da kannst du anpacken und weitersprechen und dein Kind in die Lösungsfindung einbinden. ›Wie fühlt es sich an, wenn du das tust? Wie können wir die Situation ändern?‹

Nicht immer werden die Gespräche mit deinem Kind die Lösung liefern. Aber wenn du gar nicht erst anfängst dein Kind in die Problemlösung einzubeziehen, wirst du auch nie erfahren, ob nicht was Gutes dabei raus kommt.

Mit Kindern kommunizieren: Gewaltfreie Kommunikation

Und wenn es Kracht? Wie spreche ich mit meinem Kind eigentlich am besten in Konfliktsituationen, ohne die Eskalation geradezu zu provozieren? Gerade im Konflikt neigen wir nämlich oft dazu, uns in eine Machtposition zu versetzen. Ich lege dir die Gewaltfreie Kommunikation (nach Rosenberg) ans Herz, bei der es im Vordergrund steht, im Gespräch in Beziehung zu bleiben und uns kooperativ mitzuteilen.

Grundbaustein der GFK ist der Verzicht auf Anklage. Stattdessen bleibe ich bei MIR, spreche von mir, meiner Wahrnehmung, meinen Wünschen in ICH BOTSCHAFTEN.

Das passiert in vier Schritten:

  • Die Beobachtung der Situation ohne Wertung oder Anklage.
  • Die Beschreibung des Gefühls, welches die Situation in DIR auslöst.
  • Das Benennen/Erklären des Bedürfnisses, das hinter dem Gefühl steckt.
  • Die Formulierung einer Bitte oder eines Wunsches

Wenn dein Kind ein Besuchskind also wiederholt schubst und ihm das Spielzeug wegnimmt, dann kannst du entweder Vorwürfe machen und mit einer Strafe drohen, ODER du gehst den Weg der gewaltfreien Kommunikation: ›Ich habe gesehen, dass du Kind B das dritte Mal geschubst hast. Das macht mich traurig, weil es mir wichtig ist, dass Kind B sich bei uns wohl fühlt. Ich wünsche mir, dass du Kind B nicht mehr schubst. Vielleicht möchtest du mir erzählen, was passiert ist?‹

So in etwa. Natürlich nicht immer ganz so pathetisch herunterzitiert.

Ich orientiere mich an der GFK schon jetzt. In situ fällt es mir nicht immer leicht, die Theorie umzusetzen, dann verfalle ich in Vorwürfe, aber ich übe. Bis Nana in dem Alter ist, in dem wir Situationen ausdiskutieren, habe ich den Vierschritt der GFK hoffentlich verinnerlicht. Und wenn ich doch mal den Faden aus dem Blick verliere, dann bleibt mir die Entschuldigung.

Die Kunst, sich entschuldigen zu können

Mich bei meinem Kind entschuldigen zu können, ist mir sehr wichtig in der Kommunikation mit meinem Kind. Fehler passieren uns allen. Wichtig ist, sie zu erkennen, sie einzusehen und auch gegenüber unseren Kindern einzugestehen. Es ist nicht selbstverständlich oder richtig ein Kind zu schimpfen – Wenn es passiert, und das wird es gewiss, dann gehe ich zu meiner Tochter, nehme sie in den Arm und sage ihr, dass es mir Leid tut.

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Vom Sehen Und Verstehen

Wenn ich meiner Tochter alles das erzähle und sie frage, was wir tun können, versteht sie das eigentlich? Mal mehr, mal weniger. Die ersten zwei Jahre vermutlich weniger. Wenn ich sehe, dass sie unaufmerksam ist und statt Worte, gerade Ruhe braucht, um zu wüten oder zu trauern, dann gebe ihr diese und schweige. Wenn sie mir zuhört, rede ich. Und ich bin mir im Klaren, dass sie (noch) nicht alles versteht.

Macht das dann überhaupt Sinn? Wäre eine klare Ansage nicht sinnvoller?

Gegenfrage. Versteht dein Kind, warum du schimpfst, es auf den Boden setzt und die nächsten zehn Minuten ignorierst? Die Antwort ist dieselbe. Mal mehr, mal weniger. Die ersten zwei Jahre vermutlich weniger. Du machst es trotzdem. Denn ums Verstehen, geht es dabei ja auch nicht.

Verständnis kommt durch Erfahrung. Durch das, was unsere Kinder erleben, wie mit ihnen umgegangen wird. Mein Kind wächst mit der Erfahrung auf, dass mit ihr gesprochen wird. Beizeiten wird sie antworten, MIT mir sprechen. So, wie ich es ihr vorlebe. Jeden Tag. Von Anfang an.

|Fiona

Ein Kommentar

  1. Toller Artikel! Für mich vielleicht besonders nachvollziehbar, da ich selbst aus dem sprachwissenschaftlichen Bereich komme. Besonders interessant finde ich die Ich-Botschaften, die gebraucht werden sollen. Im Management wird genau dasselbe „unterrichtet“ (Stichtwort: „Feedbackregeln“) und es funktioniert ganz klar bei ALLEN Gesprächspartnern. Sowohl die positive Formulierung, als auch die Botschaft „Ich empfinde gerade, dass…) spricht einfach offen die Situation an und führt dazu, dass sich das Gegenüber nicht herabgesetzt fühlt – egal ob Erwachsener oder Kind. Viel zu selten stellen sich Eltern oder generell Menschen die Frage „Was löst meine Aussage eigentlich in meinem Gegenüber aus? Möchte ich, dass mit mir jemand so redet?“ Sich diese beiden Fragen VOR dem Gesagten zu stellen, hilft unwahrscheinlich, aus meiner Sicht. Klar, geht das nicht immer… Wir sind ja auch alle nur Menschen ?

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