Die Ja Umgebung

Ja Umgebung

Zuhause, wo ALLE Familienmitglieder sich wohl und sicher fühlen sollen, kann, wenn Baby erstmal anfängt, die Welt selbstständig zu erkunden, haufenweise Tücken haben. Gefährliches. Nerviges. So hat sich unser Zuhause im Laufe der Zeit immer wieder verändert, um eine Ja Umgebung für unser Kind zu schaffen.

Der Wohnzimmertisch ist zum Beispiel ganz rausgeflogen. Brauchen wir nicht.

Eine Ja Umgebung für einen kleinen Menschen

Nicht unser Kind muss sich uns anpassen, sondern wir als Familie müssen von allen Seiten zusammenwachsen. Dieser kleine Mensch in unserer Mitte nämlich hat das Recht, sich in unserer Wohnung genauso sicher und wohl zu fühlen, sich genauso frei zu bewegen, wie Mama und Papa.

Dazu gehört es für uns, ihr eine Umgebung zu schaffen, die nicht davon geprägt ist, dass wir dauernd ermahnen und Nein sagen müssen. Eine Umgebung, in der unsere Tochter sich (weitestgehend) sicher bewegen kann also. Eine Umgebung, in der sie ihrem Forscherdrang nachgehen kann: Die Ja Umgebung.

Eine Ja Umgebung war uns spätestens wichtig, als Nana anfing mit dem Krabbeln, bald darauf lief sie schon. Doch auch jetzt mit bald zwei Jahren ist es anders völlig undenkbar für uns. Mehr Nein hieße auch mehr Stress.

Und sie wissen es wirklich nicht besser: Verstehen kommt durch Erfahrung

In einer Elterngruppe las ich vor Kurzem davon, dass Eltern verzweifelt sind, weil das mobil gewordene Baby immer wieder an die Fernbedienung und das Portemonnaie gehe, und das Toilettenpapier auseinanderrupft, egal wie viel erklärt, egal wie oft weggenommen oder geschimpft würde. Das Kind will es offenbar nicht verstehen (wisse aber genau, was es tut) , will die Eltern ärgern, macht sich einen Spaß; so die wiederholte Anklage der Eltern.

Was würdest du antworten?

Das ist natürlich vollkommener Unsinn. Kleinkinder sind nicht berechnend; Babys schon gar nicht.

Den Rat, den ich den Eltern gebe: Wenn es stört, und wenn es vorhersehbar ist (!) , sorge doch am besten dafür, dass es gar nicht mehr passieren kann.

Solche Sachen lagen in der ersten Zeit oben auf den Schränken.

Es ist klar, dass ein Baby oder Kleinkind, welches gerade die Welt entdeckt, nicht automatisch Stopp macht vor Dingen, die Mama und Papa lieber nicht in dessen Händen sehen wollen.

Kleine Kinder haben weder den Weitblick für Gefahren, noch für den Wert von Dingen oder deren Zerbrechlichkeit. Sie verstehen noch nicht die langen Erklärungen. Ein Kleinkind, dem es noch nicht mehrfach passiert ist, weiß halt einfach nicht, dass das Glas höchstwahrscheinlich kaputt gehen wird, wenn es auf den Boden fällt. Woher auch? Der Trinklernbecher hat schließlich auch schon drölfzig Stürze überstanden, (trotz „nein“ Ausrufen).

Verständnis entsteht dann, wenn ein Kind (eigene!) Erfahrungen und Wissen angesammelt hat, nicht etwa durch Verbote und Belehrungen von außen, und schon gar nicht durch Strafen und Schimpfe. Das Einzige, was solch eine Form der Erziehung wirklich erreichen kann, ist Konditionierung.

Konditionierung hat aber wenig damit zu tun, das Verstehen voran zu bringen .

Ich erkläre Nana natürlich, dass Dinge kaputt gehen können, ein Gegenstand gefährlich oder wertvoll oder persönlich ist. Aber zu erwarten, dass sie DESWEGEN tatsächlich begreift, Zusammenhänge herstellt und danach handelt, ist in ihrem Alter Unsinn. Und weit unter zwei Jahren noch größerer.

Kommen wir zur Ja Umgebung:

Wenn ich mir also bewusst mache, dass mein Kind vieles einfach überhaupt noch nicht begreifen kann, – und darüber hinaus vieles, was der Nachwuchs ›anstellt‹ ja im Grunde auch überhaupt nichts Schlimmes ist, WIR es nur aus irgendeinem Grund nicht WOLLEN, dann macht es wenig Sinn mit einem Baby oder Kleinkind deswegen zu streiten.

Am Ende sind Konflikte dieser Art nichts anderes als ein Machtspiel, ein mehr oder weniger bewusster Versuch dem Kind Gehorsam beizubringen

Zumal Mama und Papa alle diese Dinge selber benutzen. Warum kann also Mama auf der Fernbedienung die Tasten drücken, aber dem Kind wird sie weggenommen? Einleuchtend, dass unsere jüngsten Familienmitglied gegen diese Ungerechtigkeit protestieren

Ich verzichte auf diesen Machtkampf durch die Ja Umgebung: Ich lasse mein Kind Sachen (begleitet) erkunden, lege außer Reichweite, woran sie nicht soll.

Ist die Ja Umgebung ein Schonraum?

Konflikte gehören zum Leben dazu und wichtig sind sie auch zum daran Wachsen, aber davon gibt es genügend, die im sozialen Zusammenleben auf natürliche Weise sowieso entstehen.

Hier, in unseren Vier Wänden, ihrem Hafen, unserer Komfortzone, ihrem Nest, will ich das Konfliktpotenzial so gering wie möglich halten. Vieles ist eh nur ein Problem, wenn du eines daraus machst. Du kannst die liegengelassenem Fernbedienung zusammen ein paar Minuten erkunden.

Bei gefährlichen Dingen, Putzmitteln, Steckdosen, Medikamenten, Herdplatte etc sind sich Eltern einig: Sicherheit geht vor. Ein paar Sicherungen werden also meistens eh mit Krabbelkind angebracht, Kabel fixiert, und ein bisschen umgeräumt. – Aber dann kommen die Herausforderungen des Alltags dazu.

Seit Nana mobil wurde, hat unsere Wohnung sich mit ihr, an sie und an unsere Bedürfnisse angepasst, immer wieder ein wenig verändert, wobei unser Kind uns gezeigt hat, welche Veränderungen nötig waren und welche nicht: Während meine Bücher aus ihrer Reichweite nach und nach verschwanden, mussten wir zB. Fernseher und Spielekonsolenkram im Wohnzimmer nie sichern.

Für diese Sachen hat sie sich einfach überhaupt nicht großartig interessiert.

Bei der JA Umgebung geht es nämlich überhaupt nicht darum, ALLES wegzustellen. Es geht darum, eine Umgebung zu schaffen, die 1) individuell ans Kind angepasst ist und 2) individuell an die Eltern angepasst ist.

Wenn meine Tochter regelmäßig Kleinteile in das Loch am Subwoofer gefummelt hätte, hätten wir uns eine Lösung dafür einfallen lassen müssen. Der Subwoofer war aber nie Thema. – Anders beim Bücherregal: Nach ein paar mal Bücher einsammeln, und der ersten zerrissenen Seite haben wir uns entschieden, sie aus ihrer Reichweite zu nehmen. WARUM? Weil wir so ein ›Nein‹ streichen konnten. Weil es entspannter für uns alle war.

Kann ich nicht erziehen und trotzdem Nein sagen? ZUM BEITRAG

„Aushalten“ hätte übrigens auch nur eine angespannte Grundstimmung gebracht. ICH wäre unzufrieden gewesen. Das ist NICHT der Sinn von erziehungsfrei!

Also räumte ich die entsprechenden Fächer leer. Darin standen zuletzt Stapelbecher und andere Alternativen für meine Tochter. Und natürlich schauten wir uns andere Bücher an.

Ja Umgebung? wunderbar wandelbar

Eine JA Umgebung ist nicht starr. Sie ist individuell und verändert sich mit dem Kind (und der ganzen Familie) ständig .

Ein typisches Argument gegen die Ja Umgebung, ist die Sorge, dass das Kind ›es dann ja nie lernen wird‹. Ich frage mich, woher diese Angst kommt?

Kinder sind kompetent und sie lernen.

Sie brauchen nur ihre Zeit.

Gemeint ist: Gehorsam lernen.

Doch wären die Bücher geblieben, lediglich ICH hätte noch eine ganze Zeit länger Mühe gehabt, die Nerven zu behalten. Bis sie das Interesse verloren hätte. Oder Angst vor meiner Reaktion hätte. Eins von beiden.

Gerade an einem schlechten Tag kann eine Ja Umgebung den Unterschied zwischen einem ruhigeren Nachmittag und der völligen Eskalation ausmachen.

Auch die Sorge, dass das eigentliche ‚Problem‘ sich durch das Schaffen einer Ja Umgebung nur nach hinten verschieben würde, das Kind also irgendwann, wenn es doch an die Sachen herankommt genauso ›unsorgsam‹ damit umgehe, kann ich nicht bestätigen: Inzwischen stehen die meisten Bücher wieder in Griffhöhe meiner Tochter. Sie ist gewachsen, kam an die unterste Reihe inzwischen ohnehin problemlos heran. Gelegentlich nimmt Nana eins davon aus dem Regal, dreht und wendet es in ihren Händen, legt es aber wieder zurück.

Zumindest kategorisiert sie meine Bücher offenbar nicht mehr als Spielzeug. Mein Kind hat dazu gelernt! Ebenso kann ich die Fernbedienung oder mein Handy auf der Couch liegen lassen, ohne zu befürchten, dass eines davon durchs Wohnzimmer fliegt. Der Zeitpunkt dafür war kein bestimmbarer, er kam im Alltag. Irgendwann habe ich mein Handy liegen lassen und gewusst, es ist okay.

Die Sache ist diese: Es gibt im Grunde überhaupt kein Problem. Unsere Babys wissen einfach noch nicht, was sie überhaupt in den Händen halten.

Außerdem, und ich denke, das ist bei einer JA Umgebung auch sehr wichtig, sind die Dinge nicht weggesperrt und für die nächsten drei Jahre weg, bloß weil sie für die kleine Entdeckerin vorübergehend nicht zugänglich sind. Meine Tochter räumt Gläser mit ab (begleitet) , aber kommt alleine nicht an die Küchenschränke. Eine Ja Umgebung bedeutet nicht, die Dinge nicht mit dem Kind bekannt zu machen.

Die Ja Umgebung ist kein Schonraum. Es ist ein Wohlfühlraum, eine realistische Einschätzung (deswegen nah und individuell am Kind!) von Maßnahmen, die unseren Alltag entspannen. Ohne immer wieder an Grenzen zu stoßen. Ohne ständig ein Nein zu hören.

Welche Dinge ich genau schütze, das liegt (neben Sicherheitsaspekten) vor allem daran, was MIR wichtig ist, was mich stört. Was ich begleiten kann. Bei der Ja Umgebung, soll es darum gehen Knautschzonen zu reduzieren.

Das ist auch diese Verantwortungssache.

Es liegt in unserer Verantwortung die Dinge, die wir schützen wollen, zu schützen, niemals in der Verantwortung unserer Kinder.

Checkliste für ein stressfreieres Zuhause

Der Alltag bringt genug Konfliktpotenzial, die Rauferei um abgewickelte Toilettenpapierrollen, können wir uns sparen – Und dafür müssen wir uns auch nicht schämen. Im Gegenteil, ich empfinde eine Ja Umgebung wertvoll auch für MICH.

Ermahnen und Belehren macht das Zusammenleben einfach nicht schön.


Zum Schluss möchte ich dir noch (m)eine kleine Checkliste für den Start Up einer Ja Umgebung mit auf den Weg geben:

– Steckdosen sichern.

– Lose Kabel in Kabelkanälen sichern

– Kippsicherungen an Schränken anbringen, besonders dort, wo Schränke zum Klettern einladen

– Ggf. eine Kippsicherung am Fernsehgerät anbringen

– Freistehende Blumentöpfe am Boden auf Kippsicherheit überprüfen, ggf sichern oder wegstellen/ Verschenken?

– Bodenlange Gardinen hochbinden

– Schränke mit Spülmitteln, Medikamenten oä. verschließen

– Bei „größeren“ Kindern: Abschließen, Schlüssel aus der Wohnungstür abziehen und daneben zB an einen Nagel hängen!

– persönliche Gegenstände außer Reichweite aufbewahren/ nicht sichtbar

– Mülleimer mit einer Sicherung verschließen oder in die Abstellkammer

– Giftige Zimmerpflanzen hoch stellen/ entsorgen. Gilt auch für Gärten, Balkon

– Türen zu Räumen verschließen, zu denen das Kleinkind alleine keinen Zugang haben soll! So lassen sich auch viele Sicherungen in einzelnen Räumen vermeiden, die später nicht mehr notwendig sind.

(Als Nana mobil wurde, haben wir die Badezimmertür und Schlafzimmertür zunächst zugezogen. Zur Küche haben wir ein Türgitter angebracht. Inzwischen stehen alle Türen offen, lediglich das Türgitter zur Küche ist manchmal noch im Einsatz, wenn Essen auf dem Herd steht.)

– Klemmschutz an Türen, die nicht zufallen sollen, wenn das Kind alleine ist

– Tipp: Eine (Reisebett)Matratze vor die Couch oder das Bett geschoben, beugt Verletzungen vor, wenn das Kind darauf laufen oder toben will


Nicht alles lässt sich immer sichern. Aber wir können so viele nein meiden, wie möglich. Es bleiben dann genügend übrig!

Nur: Im Kinderzimmer sollte 100% Ja Umgebung herrschen. Was fürs Kleinkind gefährlich werden könnte, hat hier nichts zu suchen. Spielsachen sollten frei und ohne Hilfe zugänglich sein. Wir haben vor Kurzem einige Möbel ausgetauscht, damit Nana besser an ihre Sachen kommt. Beim nächsten Kind würde ich schon vor dem Babyzimmerkauf auch ans Kleinkindalter denken, und zB. auf ein hohes Regal vorerst ganz verzichten.

Die Ja Umgebung bleibt nicht für immer

In unserer Wohnung haben wir eine Ja Umgebung für unsere Tochter geschaffen. Das heißt nicht, dass der unterste Meter leer steht. Nicht mehr. Das liegt daran, dass unsere Tochter inzwischen fast zwei Jahre alt ist. Viele Vorkehrungen gehören schon wieder der Vergangenheit an. Der Mülleimer, der zwischenzeitlich gesichert war, ist wieder frei zugänglich, schließlich wirft unsere Tochter ihren Müll selber hinein. Die Gardinen sind nicht mehr hochgebunden und im Schlafzimmer stehen der Großteil meine Bücher auch wieder auf Kinderhöhe. Auf der Couch liegen die Fernbedienungen, und dahinter auf dem Sideboard steht manchmal sogar noch meine Kaffeetasse.

Das ist alles kein Problem mehr; zugegeben auch weil unsere Tochter sorgsam mit den meisten Dingen umgeht. Alles andere ist am Ende natürlich auch eine Charakterfrage.

Falls es aber deine Sorge sein sollte, dass du NIE WIEDER das untere Regalfach befüllen kannst, wenn du es einmal leer geräumt hast, dann kann ich dir diese Sorge nehmen. Gönn dir diese kleine Entspannung im Alltag und leg die Fernbedienung ab morgen oben auf den Schrank, statt deinem Baby – zu euer beider FRUST – beibringen zu wollen, dass es damit nicht spielen darf.

| Fiona

Edit 10/2021: Sagt nichts. Ich weiß. Mittlerweile: Mit Geschwisterkindern gestaltet sich das Einhalten einer Ja Umgebung, je nach Altersabstand, schwieriger. Unsere kleine Tochter muss einige mehr Nein aushalten, als die Große, da wir hier und da Mittelwege gehen, oder die Große nicht alles (wieder) hochlegt etc – Ist das ein Problem? Ein Problem ist es nur, wenn wir eins daraus machen. Wächst die Familie, verändert sich der Alltag. Das Ziel sollte immer sein, so viele Nein wie realistisch MÖGLICH zu streichen. Aber es wäre utopisch konfliktfrei leben zu wollen. Wir finden Kompromisse mit dem größeren Kind, und begleiten den Frust des einen -oder auch des anderen- Kindes.

That’s part of the job.

Auch wichtig: Immer selbst in Verantwortung zu bleiben. Die großen Kinder sind ja oft selber noch klein. Sie können die Verantwortung etwa für geschlossene Türen nicht alleine aufgetragen bekommen, sondern das müssen wir kontrollieren.

Ein Kommentar

  1. Supertoller Bericht, ausführlich und einleuchtend. Ich mach mich bei meinem rollenden Baby wohl langsam mal ran an die Ja- Umgebung. Danke!

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