Rhythmen, Rituale für Kinder und Bindungsorientierung

Rhythmen, Rituale für Kinder und BindungsorientierungRhythmen und Rituale für Kinder -Das passt irgendwie nicht so richtig in denselben Atemzug mit einem bindungsorientierten Familienalltag. So ein selbstbestimmtes Kind, das kann schließlich schlecht in starre Rituale gezwängt werden. Finde ich auch, deswegen -aber nicht nur deswegen- haben wir uns von den meisten Ritualen inzwischen wieder getrennt.

Nur ein paar haben wir behalten: Kleine. Liebevolle. Gemeinsame.

Rituale für Babys

Das Baby ist da. Behutsam in Mamas und Papas Armen. Und doch der Welt ausgeliefert. Ich glaube, es gehört zum elterlichen Instinkt dazu, erstmal ganz viele Rituale zu schaffen.

Rituale geben Sicherheit. Sie bauen ein Nest rund um diesen kleinen neuen Menschen herum. Orientierung. Wiedererkennbare Abläufe eben. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, kennt es sich nicht aus. Es ist darauf angewiesen, von seinen Eltern in den Alltag integriert zu werden. Es liegt in unserer Verantwortung unseren Kindern Möglichkeiten an die Hand zu geben, ihnen Dinge zu zeigen. Ziemlich schnell entwickeln sich dabei Rituale und Rhythmen.

Wir hatten das auch alles.

Gerade beim ersten Kind ist das, glaube ich, auch überhaupt nicht vermeidbar. Und vielleicht auch gerade total wertvoll, weil es in RUHE – ohne Rücksicht auf das ältere Geschwisterkind- einfach passieren kann: Alles das, was wir uns als werdende Eltern so schön vorstellen. Einen geregelten Familienalltag. – Zumindest am Anfang funktioniert das.

Morgens nach dem Aufstehen haben wir jeden Tag Musik angemacht. Auf dem Wickeltisch rumgealbert. Das Bäuchlein massiert und Nana angezogen. Abends wechselten wir wieder auf den Schlafanzug, spielten dabei leise gute Nacht Lieder und ich zog bei gedimmten Licht die Jalousie runter. Auch wenn das Wechseln auf andere Kleidung faktisch natürlich totaler Unsinn war, es gehörte für uns dazu -Solange Nana sich gegen das Umziehen nicht wehrte, war es eine schöne Einleitung für den Abend, den wir davon abgesehen ohne feste Schlafenszeiten verlebten. Sonntags war immer Badetag. Schlafrhythmen entwickelten sich. Stillen und Kuscheln. Erst im Wohnzimmer. Irgendwann im Schlafzimmer. Später im Kinderzimmer. Eine Zeitlang nach dem Abstillen, bekam sie die Abendflasche angekuschelt an ihren großen Plüschbär, wo sie einschlief und wir sie danach in ihr Bett legen konnten. Auch mit der Beikost kamen wieder Rhythmen dazu: Nach dem Mittagsbrei gingen wir spazieren. Davor spielten wir in ihrem Zimmer oder auf dem Balkon. Danach gingen wir spazieren. Zum Abendbrei waren wir spätestens wieder zuhause. Und danach wurde es ruhig, das Licht gedimmt. Zähneputzen schlich sich -mehr oder weniger erfolgreich- auch noch dazu.

Ungefähr mit einem Jahr war unser Alltag VOLL von Ritualen und Rhythmen. Rituale, die größtenteils WIR geschaffen hatten.

Verändern, was verändert werden muss. Behalten, was guttut.

Im ersten Lebensjahr ist das erstmal auch gar nicht anders möglich, wenn ich von der Rücksicht auf die Bedürfnisse des Babys mal absehe – die setze ich an dieser Stelle mal als Selbstverständlichkeit voraus. Nana entschied über den Stillrhythmus. Sie zeigte, ob sie im Bett oder bei uns schlafen wollte, und manchmal blieben der CDPlayer aus und der Body an, weil sie da einfach nicht mitmachte. Zwang, Rituale Durchdrücken, das gab es hier nie.

Rücksicht und Einbezug von Geburt an ist, was für mich die Bindungsorientierung im Babyalter ausmacht. Immer auch aufs Kind hören, statt MEINE, fremdbestimmt für SIE festgelegten, Rituale durchzuboxen. Achtsam sein. Verändern, wenn Veränderungen notwendig sind. Behalten, was guttut.

Dass dann eben trotzdem viele dieser Rituale angenommen werden, ist doch prima. Es war nicht übergriffig, wenn wir das Angebot machten, sonntags zu baden, und es von ihr angenommen wurde. Es wäre übergriffig, wenn ich mein Kind jeden Sonntagabend mit Wasser überschüttet hätte, obwohl es strampelte und sich wehrte, weil ich nicht bereit gewesen wäre, das nochmal zu überdenken. Es war kein fremdbestimmter Zwang, wenn meine Tochter dreimal am Tag ihren Brei aß. Wir kehrten der Breizeit den Rücken, als sie mit knapp zehn Monaten anfing, den Brei immer öfter zu verweigern. Es war auch nicht falsch, dass meine Tochter eine Zeitlang in ihrem Zimmer in ihrem Bett schlief. Sie schlief sogar alleine ein! Wir machten das Angebot. Unverbindlich. Sie nahm es an. Wir machten es anders, als sie uns zeigte, dass sie es so nicht mehr mochte. Heute schlafen wir im Familienbett. Ich kann es mir momentan nicht mehr wegdenken, aber der Tag wird kommen. So wie bei ALLEN Ritualen und Rhythmen, die sich verändern, die eines Tages das letzte Mal passiert sind, und wenn du es merkst, ist es schon zu spät. Es kommt nicht zurück.

Rituale für Kinder müssen flexibel sein. Rhythmen sowieso, die können wir eigentlich gar nicht vorgeben. Die entstehen einfach.

Rituale für Kinder

Dass schwierige ist, finde ich, wenn es Eltern schon nicht gelingt, die wohldurchdachten Rituale im Babyalter loszulassen. Das macht es im Kleinkindalter nicht einfacher und es fürs Kind zum Hürdenlauf, einen selbstbestimmten Weg einzuschlagen, den Eltern sich ja am Ende ALLE für ihre Kinder wünschen. — Nur eben nicht alle ganz von klein auf, so wie wir.

Unsere Tochter lebt nicht nur erziehungsfrei, sondern in vielen Bereichen auch selbstbestimmt. Das geht so ziemlich Hand in Hand, wobei die Coregulation sich stark von Familie zu Familie unterscheiden kann. Ein unerzogenes Kind kann auch medienfrei aufwachsen.

Jedenfalls, was für mich die Selbstbestimmung ausmacht, sind drei Dinge: 1) Meinem Kind die Möglichkeit geben, die Dinge kennenzulernen. Zum Beispiel durch das Einführen von Ritualen. 2) Meinem Kind die Möglichkeit geben, abzulehnen, anderszuwollen, am Alltag mitzuwirken. 3) Meinem Kind die Möglichkeit geben, ihre eigenen Bedürfnisse überhaupt erst wahrzunehmen und kennenzulernen, d.h. auch an ihre Grenzen kommen zu können. Spätes Schlafen oder Frieren ohne Jacke, waren Erfahrungen, die mein Kind machen WOLLTE.

Rhythmen, Rituale und Bindungsorientierung | Unverbogen Kind SeinRituale, die im Babyalter noch von außen herangetragen werden, können mMn im Kleinkindalter nicht einfach durchgezogen werden, ohne die Selbstbestimmung des Kindes zu verletzen. Wenn ein Kind zeigt: Ich will das SO nicht mehr, finde ich es falsch, es trotzdem durchzusetzen. Es anzuerziehen. Feste Schlafenszeiten und Abendrituale zum Beispiel. — Klingt total logisch. ich lese trotzdem erschreckend oft in Elterngruppen, von Eltern, die sich ärgern, weil das anderthalbjährige Kind nicht mehr um sieben Schlafen will und Theater macht, obwohl sich am Ritual und Rhythmus ja gar nichts verändert habe!

Unsere Rituale waren nie starr. Nie in Stein gemeißelt. Kein Korsett.

Viel mehr sorgsam ausgewählte Startpunkte, von denen aus unsere gemeinsame Reise in BEziehung starten konnte.

Darin sehe ich den wesentlichen Unterschied zwischen anerzogene Rituale für Kinder und Rhythmen, und solchen im bindungsorientierten Familienalltag: Unsere Rituale sind KEINE fremdbestimmt festgelegten Einschränkungen und Anweisungen. Es sind Orientierungspunkte am Anfang eines Weges, die sich gemeinsam selbstbestimmt (weiter)entwickeln.

Erziehungsfrei und Selbstbestimmt: Was Ist Aus Unseren Ritualen Geworden?

Meine Tochter ist jetzt zwei Jahre alt. Hat einen eigenen Kopf. Zeigt uns, was sie will und was nicht. Je mehr sie sich verständigen konnte, umso mehr bestimmte sie die Rituale mit. Entwickelte Neue. Veränderte Alte. Schaffte ganz viele ab. — Da ist sie Mama und Papa sehr ähnlich: Wir brauchen das einfach gar nicht, diese vielen ganz festen Strukturen. Soweit wir das können, leben wir in den Tag hinein. Lassen uns Treiben von Ideen, und die Zufälle planen dann eher unseren Tag, als wir selber das tun: »Jetzt ist es schon so spät. Was Essen wir eigentlich?«, ist ein ziemlich typischer Satz an freien Tagen.

BEziehungen sind nicht starr. Beziehungen verändern sich und mit ihnen ihre Gewohnheiten.

Unsere Rituale passen sich im besten Fall, an die wachsenden Bedürfnisse und Wünschen aller Beteiligten an. Rücken uns näher zum Kind. Unser Kind näher zu uns. Lassen uns einander Kennenlernen — Mit Ritualen ist das nämlich so: Sie sollen da sein, damit es und gut geht, finde ich, nicht aus irgendeinem Prinzip heraus, um Struktur zu lernen. Sie sollen uns einander NAH bringen, und uns nicht in der ERziehung voneinander trennen.

Wir hier sind uns nah, wenn wir uns Treiben lassen.

Beziehung Statt Erziehung | Zitat | unverbogen kind seinHeute haben wir keinen festen Rhythmus mehr beim Essen. Wir essen wieder so, wie es in den Tagesablauf passt. Diese mechanischen Zeiten während des Beikostfahrplanes haben mich total gestört. Das haben wir alles über den Haufen geworfen, als wir merkten, dass unser Kind das auch nicht braucht. Manchmal hat Nana noch keinen Hunger, wenn wir frühstücken. Dann isst sie einfach später, wenn ihr danach ist. Eine Zeitlang hat Nana jeden Morgen den Tisch eifrig gedeckt, sie wollte das unbedingt, hatte Spaß daran. Irgendwann ließ das wieder nach. Auch weil sich die Esssituation am Morgen veränderte, wir statt am Tisch vermehrt auf dem Boden und der Couch frühstücken. Was geblieben ist: Nana macht morgens mit Papa den Kaffee und ihren Kakao. Auch gehört es zum festen Bestand des Tages, gemeinsam zu kochen. Nana in ihrem Lernturm, mit eigenem Brettchen, Messer und einem kleinen Topf. Das ist aktuell nicht wegzudenken. — Feste Schlafenszeiten haben wir nach wie vor keine, der Rhythmus hat sich ein paar mal neu eingependelt. Inzwischen schläft sie meistens zwischen halb acht und halb neun. Und ein Ritual gibt es auch: Abends gehen wir ins Familienbett, spielen dort – Toben, Puzzeln, Memory, was sie gerade mag, bis Nana müde wird, sich ankuschelt und will, dass ich ihr vorlese. — Gebadet wird ganz unregelmäßig. Dann, wenn es nötig ist. Und dann, wenn wir Lust drauf haben. Manchmal morgens, manchmal abends. Manchmal an vier Tagen hintereinander, manchmal drei Tage gar nicht. Meistens zusammen, manchmal alleine.

Ein schönes Ritual hat sich in den letzten Wochen entwickelt.

Vor einiger Zeit kam Nana von Oma und Opa nach Hause, wo sie wohl gemeinsam geträllert hatten »Heute war ein schöner Tag«. Daraus hat sich eine kleine Melodie entwickelt, die wir jetzt fast immer abends trällern, und nach dem »Heute war ein schöner Tag« alles Aufzählen, was wir schönes an dem Tag gemacht haben. Ein kleiner gemeinsamer Rückblick sozusagen, ein Verarbeiten des Tages. Es gibt keinen festen Zeitpunkt dafür, irgendwann stimmt Einer es immer an. Und das ist im Moment einfach total schön.

Eines Tages wird keiner mehr das Lied anstimmen. Dieses kleine Ritual wird vergehen, so wie andere Rituale auch. Das weiß ich, und genieße es JETZT.

Viel mehr Rituale fallen mir gar nicht ein. Wir winken dem Papa immer noch mal aus dem Fenster zu, wenn er zur Arbeit geht. Zählt das? Vermutlich haben wir im Vergleich zu anderen Familien tatsächlich ziemlich wenige Rituale und Rhythmen haben wir, bis auf die eingependelten Schlaf-/Aufstehzeiten eher gar keine. Ich weiß nicht, wie viel das wirklich mit Erziehungsfreiheit zu tun hat. Viel mehr liegt das wohl an UNS. Ganz individuell.

Unserem Hang zum kleinen Chaos. Und natürlich auch an der Freiheit, nicht in feste Rhythmen durch Job und KiTa gebunden zu sein. — Ich genieße das sehr, weiß ich doch, dass das nicht immer so bleiben wird. Xx Fiona

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