Schritt Für Schritt In Die Erziehungsfreiheit

Schritt für Schritt ind die Erziehungsfreiheit»Und du erziehst jetzt einfach gar nicht mehr?« Diese Frage bekomme ich manchmal gestellt, und es fällt mir wirklich schwer darauf zu antworten. Nicht, weil die Sache MIR nicht klar wäre, sondern aus zwei ganz speziellen Gründen: 1) Ich kann davon ausgehen, dass mein Gegenüber unter den Begriff Erziehung etwas ganz anderes versteht, als ich. Und unter Erziehungsfreiheit auch: Nämlich sämtliche soziale Regeln nicht einzuhalten und alles zuzulassen. Das ist aber nun mal gar nicht so. 2) Es ist NICHT einfach! Überhaupt nicht.

Das erzogene Kind in Mir

Erziehung ablegen, ist schwierig. Vor allem dann, wenn du selber erzogen wurdest. Sogar, wenn du deine eigene Erziehung im Rückblick nicht befürworten kannst, und deswegen den Weg in die Erziehungsfreiheit gehen willst.

Die Erziehung ist nämlich trotzdem da. IN dir.

Sie hat dich geprägt, und dein inneres Kind zu dem Erwachsenen geformt, der du heute bist. Erzieherische Muster in dir abgelegt, über die du gar nicht mehr nachdenkst, die du richtig findest, weil sie da sind.

Bitte und Danke sagen MÜSSEN. Mit dem Essen nicht spielen DÜRFEN. Hören, wenn gerufen wird. GEHORSAM sein. Früh Schlafen MÜSSEN. Nicht meckern DÜRFEN. Und so weiter.

Muster, die du JETZT plötzlich hinterfragen sollst, wenn du diesen Weg einschlägst. Und das fällt eben überhaupt nicht leicht.

Ich habe nicht »einfach« aufgehört, zu denken, dass mein Kind dieses oder jenes müsse, dürfe, solle. Das geht überhaupt nicht von einen Tag auf den anderen. Das hat Zeit gebraucht. Zwei Jahre schon, und ich stecke immer noch mittendrin in diesem Prozess.

Erziehung legen wir nicht einfach ab und winken ihr nach. Es dauert. Weil wir erstmal Rechtfertigungen suchen. Weil unser inneres Kind darauf getrimmt ist, die Erziehung anzunehmen.

Weil es nämlich wehtut, sich einzugestehen, dass es ANDERS gegangen wäre, als wir es erfahren haben.

Ich glaube, nein, ich bin mir sogar sehr sicher: Das ist der erste und wichtigste Schritt. Das »so macht man das nunmal« und »es hat uns ja auch nicht geschadet« immer weiter abzulegen, ernsthaft über Alternativen nachzudenken und sich selbst klar zu machen, dass es nicht erzieherisch laufen muss. Dass wir Erziehung echt nicht brauchen!Dass Erziehung eben doch schadet, wenigstens deswegen, weil sie uns formt, bis wir uns einen anderen Weg nicht mehr vorstellen können.

Erziehung nimmt uns die Alternativen.

Dieses Eingeständnis sitzt. Ehrlich. Das tut weh. Und deswegen wollen wir es nicht einfach glauben, sondern rechtfertigen es mit allen Mitteln. Immer und immer wieder. Du gerade vielleicht auch.

Und wenn DU merkst, was da schief läuft, dann haben die Leute um dich herum, das noch lange nicht verstanden. Gerade wenn Erziehungsfreiheit in deinem Umfeld nicht schon verbreitet ist, stößt du als nächstes an die ERWARTUNGEN der anderen, die dich wieder ins Straucheln bringen. Die AUCH NOCH mühsam abgelegt werden wollen.

Bis wir soweit sind, loszulassen. Ganz langsam. Jeden Tag ein bisschen mehr. Und je mehr wir loslassen, desto mehr reift die Frage in uns, was an die Stelle der Erziehung rückt.

Beziehung statt Erziehung

Erziehungsfreiheit hinterlässt keine Leerstellen. Das will sie nicht. Sie hinterlässt kein Kind, dass sich selbst überlassen wird. An die Stelle von ERZiehung rückt BEziehung.

Nun haben wir natürlich immer irgendeine Art von Beziehung zu unseren Kindern.

In Momenten, in denen wir erziehen, wird diese Beziehung angegriffen: Gehorsam statt bedingungslose Liebe. Unterdrückung statt Wertschätzung. Gegeneinander Kämpfen statt Miteinander Lösungen Finden. Alles das fördert keine gute Beziehung.

Weder zum Kind. Noch zum Partner. Noch zum Chef.

Mal ehrlich: Wenn dein Chef den Kommandanten raushängen lässt und kein gutes Wort an deinen Einfällen lässt, dann nimmst du das vielleicht auf Dauer hin -wie ein erzogenes Kind auch-, aber wirst du ihn mögen? Und ich meine damit, so richtig mögen- nicht dulden und seufzend akzeptieren.

Manchmal im Sozialleben mag es sein, dass schulterzuckendes Ertragen eine von wenigen Möglichkeiten ist, vielleicht in mancher Situation sogar die naheliegendste, um den Job zu behalten zum Beispiel. Mag sein, aber das heißt noch lange nicht, dass uns das gut tut.

Und erst recht nicht, dass ich so ein Verhältnis zu meinem Kind haben will.

Ich möchte ein GUTE Beziehung zu meiner Tochter. Wertschätzend. Respektvoll. Bedingungslos. Liebevoll. Ich möchte lösungsorientiert Denken und Handeln. Ich möchte alle die bunten Alternativen sehen, fühlen und leben, die Erziehung uns vorenthält.

Schritt für Schritt in die Erziehungsfreiheit

Das geht nicht PLÖTZLICH. Wie unsere Lösungen in unserer Familie abseits von Erziehung aussehen, das mussten wir erst herausfinden. Was wir können. Was nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass wir erstmal die erzieherische Formung erkennen mussten.

Erziehungsfreiheit PinHöflichkeit ist so ein Beispiel. (HIER findest du mehr zum Thema Höflichkeitserziehung). Bitte und Danke sagen MÜSSEN, ist in uns verankert. Unmöglich abzulegen. Und ehrlich ich würde Lügen, würde ich behaupten, dass ich nicht doch erwarte, dass meine Tochter das auch ganz selbstverständlich tun wird.

Tut sie inzwischen tatsächlich auch schon oft. Nicht anerzogen, sondern aus dem Herzen. Weil sie es sieht und hört und auch selber machen WILL. In manchen Momenten macht mich das wirklich sprachlos, weil so viel Freude und Liebe darin steckt.

Der einzige kleine Wermutstropfen: Wir leben es ihr vor, weil wir so erzogen sind. So geben wir letztlich unsere Erziehung trotzdem weiter, auf eine andere Art. Ein fröhliches Lächeln alleine wird auch für meine Tochter vermutlich trotzdem nie als ein Danke ausreichen. Weil wir das so nicht können. Weil die Gesellschaft das so nicht akzeptiert.

Aber: Erzogen haben WIR Nana nicht.

Zuerst einmal war klar, wir werden sie nicht dafür bestrafen, nicht schimpfen, wenn sie nicht Bitte und Danke sagt. Weil es gar nichts bringt, einen Mensch zur Höflichkeit zu zwingen. Aber da war noch mehr: Die Aufforderung. Die Aufforderung, die Gehorsamkeit erwartet. Die einmal ausgesprochen automatisch eine Handlung von mir fordert, wenn das Kind nicht macht, und ich nicht nur peinlich berührt grinsend abwarten will, bis entweder mein Gegenüber an meiner stelle erzieht oder sich der Erdboden auftut.

Als Nana anfing zu sprechen, spätestens als sie Bitte und Danke einigermaße aussprechen konnte, ist mir das ein paar mal passiert. Ein vom inneren Tonband abgespieltes »Sag Danke«. Ein Schweigen meiner Tochter. Und der Blick des Gegenübers, der erwartet. Scham auf meiner Seite. Da war ziemlich klar: So geht das nicht, wenn wir nicht erziehen wollen.

Ganz plötzlich gar nichtmehr auffordern, ging auch nicht. Das kollidierte total mit unserem inneren Kind. Bei meinem Mann noch stärker, als bei mir. Er forderte Nana noch öfter auf.

Schritt für Schritt wurde es weniger.

Langsam. So, dass es sich in die richtige Richtung bewegte. So, dass WIR uns damit wohlfühlen konnten.

Aus dem »Sag Danke« wurde eine Frage. »Magst du dich bedanken?« Mit einem freundlichen Blick zum Gegenüber. Einem eigenen Danke auf den eigenen Lippen. Einem Blickwechsel zwischen Kind und Gegenüber, wie ein Vermittler. Ohne Scham. Bis auch das zu viel wurde. Bis wir auch die stumme Aufforderung darin endlich ganz loslassen konnten. Die Frage verschwand. Die vielsagenden Blickwechsel ebenfalls. Heute bedanke ICH mich an ihrer Stelle. Ohne Erwartung. Ohne dem Gegenüber das Danke schuldig zu bleiben. Manchmal frage ich meine Tochter, ob sie sich freut. Oder ich spreche mit ihr über das Geschenkte.

Ihr Interesse ist so viel wertvoller, als die ausgesprochene Floskel alleine es jemals sein könnte.

Gemeinsam Wachsen

Du kannst Erziehung nicht einfach durchstreichen und ersetzen wie auf Knopfdruck. Das muss wachsen.

Manchmal braucht es kleine Schritte in die Erziehungsfreiheit. Das ist okay. Die Richtung zählt. Nach und nach Loslassen, angenehme Lösungen finden, die GERADE in die Familie passen. Die sich wieder verändern können.

Noch freier werden. Schritt für Schritt.

Und: Es funktioniert auch nicht, alle Dinge aufeinmal anzupacken. Die eine Angst, kann ich vielleicht einfach noch nicht loslassen und brauche noch etwas Zeit. Das gibt Chaos, wenn du alle Sicherheiten aufbrichst, plötzlich an allen Stellen rumdoktorst, vor allem, wenn du bisher erzogen hast. Also lass dir Zeit. Hier gab es keinen Übergang, wir gehen diesen Weg vom ersten Lebensjahr an, und trotzdem gab es Baustellen. Gibt es immer noch.

Bei uns waren Jackeanziehen und Zähneputzen zwei echt lange Wege, mit ziemlich vielen miesen Eingeständnissen, während anderes im Grunde von Anfang an klar schien. Wir haben nur langsam losgelassen, immer mehr, und inzwischen ist alles gut bei Beidem. Gut, weil wir keinen Kampf mehr daraus machen. Weil der Erziehungsdruck weg ist.

Wir haben Fehler gemacht. Und uns verziehen. Wir haben ein ganzes Leben, umgemeinsam zu wachsen. Und genau das, ist Erziehungsfreiheit für mich: Ein Weg, auf dem wir gemeinsam wachsen, gemeinsam entdecken und einander kennenlernen. Gleichwürdig und bedingungslos geliebt. Der Rest zeigt sich uns dann Schritt für Schritt. Xx Fiona

6 Kommentare

  • Liebe Fiona,

    ich mag deinen Artikel! Da steckt echt sehr viel drinnen, womit ich mich identifizieren kann. Auch ich versuche, immer mehr loszulassen und immer weniger zu erziehen. Es ist ein gemeinsamer Weg, so wie du schreibst. Danke dafür!

    Liebe Grüße
    Natalie

  • Annie

    Liebe Fiona, ich muss mich an dieser Stelle ehrlich und herzlich bei Dir bedanken. Du schreibst so herrlich undogmatisch und ohne erhobenen Zeigefinger. Ich bewege mich auf dem Weg in Richtung unerzogen. Ich befinde mich ganz am Anfang des Weges, stoße häufig an meine Grenzen und mag mich selber als Mama manchmal gar nicht leiden. Bei einigen Dingen habe ich bei Dir Anregungen für Alternativen gefunden, die für uns als Familie passen, die ein Schritt in die richtige Richtung sind. Ich erziehe noch viel zu viel und verzweifle manchmal ob des langen Weges der noch vor mir liegt. Dein Blog, die Einblicke in Euer Leben, die Ihr gewährt, machen mir Mut und bestärken mich auf meinem Weg. Vor allem auch deshalb, weil Du es schaffst, einerseits die Haltung, die hinter unerzogen steckt, verständlich darzustellen und gleichzeitig an Beispielen aus Eurem Alltag zu zeigen, was das konkret bedeuten kann. So manches Mal fiel es mir unendlich schwer, aus der Spirale von Erziehung und Frust auszusteigen und bei Dir habe ich die Idee für eine alternative Lösung gefunden. Vielen lieben Dank dafür!

    • Fiona Lewald

      Vielen Dank für deine Worte <3 Ich freue mich sehr, wenn ich helfen kann. Der Weg ist nicht einfach, aber er lohnt sich, da bin ich mir von Herzen sicher. Viele Liebe Grüße.

  • Danke für diesen Beitrag! Er bestärkt mich noch einmal auf unserem Weg! Manchmal merke ich auch, wie sehr meine eigene Erziehung noch in mir wirkt und habe das Gefühl, aus den Mustern gar nicht mehr herauszukommen – da tut es gut, noch einmal zu lesen, dass es einfach ein langer, sehr langer Prozess ist und auch andere noch auf dem Weg sind!

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