Warum Süßigkeiten Essen kein Tabu bei uns ist

Selbstbestimmt Süßigkeiten Essen

Abgesehen von Lebensmitteln, die für ihr Alter tatsächlich nicht geeignet sind, entscheidet meine Tochter im Rahmen des vorhandenen Angebots selbstbestimmt, was sie essen möchte. Dazu gehört auch Süßigkeiten Essen.

Mit ihren anderthalb Jahren spricht sie noch nicht beim Mittagsmenü mit. Ich weiß aber natürlich schon, was sie nicht gerne isst, meide dieses, nehme hin, dass sie den Spinat eben auf dem Teller lässt, oder schnippele ihr gleich ein alternatives Gemüse. Bei neuen Menüs verläuft das Essen allerdings oft noch nach dem Trial und Error Prinzip. – Mag meine Tochter das Angebotene nicht, biete ich ihr an, dass wir ihr etwas anderes aus der Küche holen. Ich koche dann keine komplett neue Mahlzeit mehr, aber eine Alternative findet sich immer. Und wenn es ein Müsli ist.

Wenn N älter wird, dann wird sie mehr von vorneherein mitsprechen, Wünsche äußern und mitkochen, wenn sie Interesse daran zeigt. Bis dahin bleibt ihr nur eine begrenzte Möglichkeit selber zu bestimmen: Sie kann Ablehnen, Nachschlag verlangen oder nach etwas Fragen, was sie schon benennen kann.

Selbstbestimmt Essen: Das mag Ich aber nicht!

Niemals würde ich N dazu zwingen, etwas zu essen, was sie nicht will. Ich stehe als Mutter in KEINER Position, solchen Zwang auf mein Kind ausüben. Nur in den aller seltensten Fällen, etwa bei Krankheiten usw, ist es unsere legitime Verantwortung unser Kind zum Essen oder Trinken aktiv zu bewegen.

Ihren ersten Spinat hat N mir zurück auf den Löffel gespuckt und ihn mir sicherheitshalber auch gleich aus der Hand geschlagen. Genauso klar war die Sache schnell beim Trinken: Wasser wurde und wird hier abgelehnt. An alle die Mütter, die sagen, ›kein Baby verdurstet vor einem Becher Wasser‹ – Ich glaube, meines würde das zumindest als eine Option in Erwägung ziehen. Bei hochsommerlichen Temperaturen, drei ersetzten Mahlzeiten und keinem Interesse mehr an der Brust, hat sie das Wasser aus jedem Becher immer noch verweigert. Erst Saftschorle, und zu Anfang auch davon nur eine ganz bestimmte, wurde angenommen, wenn auch nur schlückchenweise, denn Nana war und ist bis heute keine große Trinkerin.

Ich weiß, dass ich mir ewig werde anhören können, dass ich es nur nicht lang genug probiert hätte; dass Wasser einfach viel gesünder ist. Ja, mir wäre es auch lieber, sie würde Wasser trinken!

Am Ende bleibt manchmal nichts anderes, als zu akzeptieren, wenn ein Kind etwas ablehnt. Oder du übst Gewalt aus, bringst dein Kind gar an eine subtile Grenzerfahrung ›trink oder verdurste‹, und löst damit nichts als einen Instinkt aus, und schließlich Resignation. Dann trinkt dein Kind vielleicht Wasser, obwohl es gar kein Wasser mag, aber es hat die Erfahrung machen müssen, dass das nicht zählt. Willst du das wirklich?

Süßigkeiten Essen aber selbstbestimmt: Coregulation durchs Angebot

Meine Tochter hat möglichst freien Zugang zu den meisten Lebensmitteln. Natürlich, nicht alles kann auf Griffhöhe stehen, vieles muss sie erfragen. Ich hebe sie hoch und schaue mit ihr zusammen in den Schrank. Ihr Müsli und ihre Kellogs stehen unten im Schrank, sie kann sie jederzeit nehmen. Ich bringe ihr dann Schale, Löffel und Milch dazu. Auch am Obstkorb kann sie sich mit Hilfe des Lernturms, der an unserer Küchenzeile steht, ohne Probleme alleine bedienen.

Kekse und Süßes liegen liegen ebenfalls in Kinderhöhe. Ich reglementiere den Zugang zu Süßigkeiten nicht.

Können Kinder selbstbestimmt Süßigkeiten Essen?

Kinder selbstbestimmen lassen: Selbstbestimmung, was du darüber wissen musst BEITRAG LESEN

Zunächst einmal müssen wir klären, was genau wir unter Süßigkeiten eigentlich verstehen. Das Angebot schaffen bis zu einem gewissen Alter wir Eltern, indem wir entscheiden, welche Süßigkeiten wir überhaupt kaufen. Auf diese Weise coregulieren wir auf subtile Art und Weise automatisch mit, da wir unserem Kind (meistens) überhaupt nur zur Verfügung stellen, was wir auch für vertretbar befinden.

Noch bestimmt unsere Tochter da sehr wenig mit, zeigt kein Interesse, wenngleich sich das in den nächsten Jahren vermutlich sehr ändern wird.

Wir können als Eltern also auch vergleichsweise gesunde Snacks zum Naschen anbieten. Dein Kind so coreguliert selbstbestimmen zu lassen, fällt dir besonders am Anfang vielleicht viel leichter.

Das Märchen vom bösen Zucker

Industriezucker ist nicht gesund.

Er ist mMn aber auch kein Grund zur Panik, denn es ist nun auch nicht so, als wäre Zucker per se das allerletzte Abfallprodukt unserer Konsumindustrie; er hat schon seine Berechtigung und genaugenommen unterscheidet sich Fruchtzucker vom bösen Industriezucker auch gar nicht wesentlich. Niemand boykottiert selbstgemachten Birnenmus.

Einfachzucker, welcher in Obst erstmal genauso enthalten ist, wie in Schokolade, nur dass der eine natürlichen Ursprungs und der andere „gemacht“ ist, ist in erster Linie ein Kohlenhydrat. Und Kohlenhydrate braucht unser Körper. Ist der Kreislauf am Boden verlangt unser Körper nicht von ungefähr nach Süßem und das in einer Form, die möglichst schnell vom Körper verarbeiten werden kann. Der Unterschied zwischen wertvollen und im Vergleich dazu weniger wertvollen Kohlenhydraten, um es in möglichst simplen Worten auszudrücken, ist folgender: Einfachzucker ist ein Direktenergielieferant, besteht aus einem einzelnen Zuckermolekül, geht schnell in den körpereigenen Kreislauf über und wird bei Überschuss als Fett gespeichert – während Mehrfachzucker und Vielfachzucker folgerichtig ergiebiger sind, denn sie müssen zunächst vom Körper in einzelne Zuckermoleküle abgebaut werden, machen so schneller satt machen und provozieren weniger Überschuss.

Ich möchte an dieser Stelle keine biologische Debatte eröffnen; natürlich lässt sich über Zucker mehr sagen, etwa übers unterschiedliche Suchtpotenzial.

Mehrfachzucker und Vielfachzucker sind für unseren Organismus wertvoller als Einfachzucker. Obst ist unumstritten nahrhafter als es Schokolade jemals sein wird. Worauf ich aber hinaus will, ist folgendes: Einfachzucker ist nicht automatisch ein Übel, nur weil es andere Zucker gibt, die nutzbringende sind. Es ist nicht so, als könnte unser Körper GAR NICHTS mit Einfachzuckern anfangen. Einzelne Zuckermoleküle sind das, was unser Körper benötigt und verarbeitet; und als zuverlässiger schneller Energieschub sind Einfachzucker nicht ersetzbar.

Industriezucker ist kein Teufelswerk.

Es ist okay einem Kind am Nachmittag einen Quetschie oder Fruchtriegel und eine Handvoll Schokobonbons zu geben.

Es kommt auf eine insgesamt ausgewogene Ernährung an. Auf das Drumherum, nicht nur darauf, ob mein Kind nun Zugang zu Süßigkeiten hat oder nicht. Wie bei allem eben.

Hinschauen, begleiten, Verantwortung tragen

Natürlich schaue ich hin, wenn N plötzlich vermehrt nascht, natürlich biete ich ihr dann etwas Vollwertiges an, oder schaue, ob sie aus einem ganz anderen Grund als aus Hunger isst, etwa um sich abends wach zu halten. Und natürlich begleite ich dann enger, äußere meine Bedenken und finde Lösungen. Das große Ganze, eine gesunde Ernährung, lebe ich meinem Kind sowieso am besten vor: Wir kochen frisch, frühstücken ausgiebig und essen gerne Vollkornbrot. Aber Schokolade, mal ein paar Weingummis zwischendurch oder ein Eis sind eben auch kein Unheil. MIR ist es wichtig, dass meine Tochter nicht das Gefühl bekommt, Zucker sei ein Problem.

Nana bekommt also Süßes, wenn sie etwas möchte. Nahezu uneingeschränkt. Auch kurz vor dem Mittagessen, wenn sie unbedingt will. Auch abends. Ich sehe darin kein Problem. Oder: Ich mache mir einfach keines daraus.

Wie auch beim selbstbestimmten Medienkonsum kommt es hier wieder sehr drauf an, Ängste loslassen zu können, Eigenarten und Phasen annehmen zu lernen, anerzogene Glaubenssätze zu hinterfragen. Wo genau piekt es dich, wenn dein Kind nach einem zweiten Schokoriegel fragt?

Ich verstehe auch jeden mit Vorgeschichte, der*die sich fürchtet, dass das eigene Kind durch unkontrollierten Konsum zB erkranken könnte. Ich verstehe, wenn ein*e Mutter*Vater die Schokolade verbietet, weil das Kind nach der zweiten Tafel immer noch heimlich nascht und kein Ende findet. Ich verstehe das echt. Was ich niemals verstehen werde, sind aber Eltern, die – überspitzt Gesagt- mit der Cola in der Hand ihrem Kind den Lutscher und das Eis ablehnen, weil da ›viel zu viel Zucker drin ist‹. Lebe vor, lebe authentisch, dann sind auch deine Entscheidungen völlig berechtigt.

Süßigkeiten essen: Süßem keine Bedeutung geben

Unserer Erfahrung nach ist selbstbestimmt Süßigkeiten Essen in der Praxis viel weniger problematisch, als viele Eltern vermutlich befürchten. Ich habe mir das ehrlichgesagt selber irgendwie anstrengender vorgestellt.

*mag sein, dass wir Glück haben

Nana schaufelt keinesfalls maßlos Süßigkeiten in sich rein. Sie isst ausgewogen, isst bei den Mahlzeiten normale Portionen mit und hat noch nie großartig viel Süßes aufeinmal gewollt. An manchen Tagen lehnt sie das Weingummi ab, das Papa ihr anbietet. An anderen Tagen mag sie nach dem dritten Wassereis noch einen Joghurt essen, aber den Rest des Tages rührt sie den Süßigkeitenschrank dann nicht mehr an.

Kinder wissen, was ihr Körper braucht. Sie haben dafür (noch) einen unvoreingenommenen Instinkt, solange wir ihnen diesen Instinkt lassen und ihn nicht aberziehen.

Manche Kinder, so habe ich es mir zumindest mal erklären lassen, lutschen draußen gar regelmäßig Sand und Steine, um einen vorliegenden Mineralienmangel auszugleichen. Einfach weil sie ihrem Bedürfnis folgen.

Ich weiß, manche behaupten anderes, und ich bin keine Ernährunsexpertin, aber ich glaube, das gilt auch bei Zucker. Die erkennen ihr Bedürfnis danach.


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Ich denke, wenn wir unseren Kindern die Möglichkeit geben, ihren Körper, ihr Bedürfnis, ihre Grenzen selber kennenzulernen, wenn wir es schaffen, die Angst loslassen, dass die bunten Farben, der süße Geschmack und knisternden Verpackungen unsere Kinder ›nur verführen‹, dann kriegen die das mit der Selbstregulation wirklich hin.

Ausnahmen gibt es immer.

Ich mag gar nicht anzweifeln, dass ein anderes Kind ohne enge Coregulation kein Ende finden würde. Ein kompletter Verzicht auf Süßigkeiten löst solch eine Regulationsstörung aber mMn nicht, eher braucht es dann einen fair begleiteten Konsum, Absprachen und eben enge Coregulation durchs Angebot. Eine Rationierung wäre zB denkbar.

Verbote hingegen machen Neugierig. Und ein Kind, dass Süßigkeiten Essen nur zum Nachtisch darf, und fürs Eis drei Kopfstände machen muss, für diese Kind wird Süßes immer einen besonderen Reiz behalten – Etwas was das Unterbewusstsein haben WILL, egal ob der Körper es BRAUCHT. Im schlimmsten Fall wächst das Verlangen sogar unabhängig vom echten, aus dem Bauch heraus empfundenen Bedürfnis.

DAS ist meiner Meinung nach viel Schlimmer.

Süßigkeiten besonders, und damit besonders reizvoll zu machen, beeinflusst viel mehr negativ als positiv ein ausgewogenes Essverhalten.

Dass unsere Tochter nicht übermütig mit ihrem freien Süßigkeitenzugang umgeht, die Quengelzone an der Kasse nicht weiter beachtet, Kekse regelmäßig ablehnt und ihren Schokoosterhasen nach ein paar Bissen schon liegen lassen hat, hat sicher auch mit dem Charakter, aber auch damit zu tun, dass wir Süßigkeiten hier absolut nicht mystifizieren. Süßes hat keinen gesonderten Stellenwert. Keinen Reiz. Süßigkeiten sind einfach da. Sie sind ein Teil unserer Ernährung, aber nichts Schlechtes, nichts Verbotenes und auch keine Belohnung, kein Glücksmoment. Der Quetschie, das Eis und der Keks, das sind Lebensmittel, auf die können wir alle mal Lust haben, die können wir ein anderes Mal aber genausogut auch im Schrank stehen lassen. Für mein Kind macht das keinen Unterschied, denn es ist ja ihre eigene Entscheidung.

Sie könnte es haben, wenn sie wollte, jederzeit.

Ich überlasse es meiner Tochter mit gutem Gewissen, was sie isst, auch dann, wenn mir mal ein kleiner Seufzer entfährt. Ihr zu sagen, dass ich es cooler fände, wenn sie mit dem Eis bis nach dem Mittagessen wartet, ist schließlich legitim. Die Sache ist nur die, dass ich akzeptiere, wenn sie ihr Eis trotzdem lieber vorher mag: etwas schlimmes passieren wird deswegen nicht.

| Fiona

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5 Kommentare

  1. Ich durfte früher nie etwas süßes und habe es immer heimlich gegessen. Meine Eltern haben Zucker ständig schlecht geredet und immer wieder mit dem Thema „davon bekommt man Löcher in den Zähnen“ angefangen. Nachdem ich ausgezogen bin, bin ich unkontrolliert am Süßigkeiten essen, meist 2 Packungen am Tag 😔 wenn es Kuchen auf der Arbeit gibt oder bei Freunden, kann ich mich sehr schlecht zurückhalten. Ich versuche auch, dass vor meiner Tochter zu vermeiden, da sie dann natürlich auch die Packung verputzen will 😬 Es ist schon wie eine Sucht und ich werde wütend, wenn keine Süßigkeiten im Haus sind..

    Deswegen finde ich es wichtig, dass man Lebensmittel niemals schlecht redet und nicht verbietet.

  2. Endlich mal ein vernünftiger Artikel über Zucker und Süßigkeiten. Als Mutter eines bis vor kurzem essgestörten Sohnes kann ich sagen, welch furchtbare Konsequenzen es hat, wenn Kinder plötzlich Essen verweigern und welche Folgen das Verteufeln von Nahrungsmitteln hat.
    Alles Essen kann gesund oder ungesund sein – es ist immer eine Frage der Menge.

    Wir sind übrigens mit dem Fernsehkonsum genauso verfahren. Unser Sohn durfte Fernsehen, so oft er wollte. Die anderen Kinder im Kindergarten/Grundschule konnten es kaum glauben. Interessanterweise hat er oft tagelang gar nicht danach gefragt. Offenbar waren die anderen Angebote zu Hause interessanter. Was nicht reglementiert wird, ist oft gar nicht mehr so interessant…

    P.S. Unser Sohn ist heute zum Glück wieder gesund. Und isst Süßigkeiten, so oft er will.

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