Ohne Jacke im November? Über Selbstbestimmung

Ohne Jacke im November

Es ist kalt geworden. Ich hole mir meine Winterjacke, den Schal und die Stiefel aus dem Kleiderschrank. Und für mein Kind? Immer wieder schreibe ich davon, dass wir unsere Tochter selbstbestimmen lassen, da ist es nur logisch, dass sie auch über ihre Kleidung entscheidet.  Und wenn sie nun ohne Jacke raus will?

Ein so kleines Kind, das trifft auch mal eine falsche Entscheidungen, kann gar nicht abschätzen, wie schnell so eine Unterkühlung eigentlich passiert. Und den ganzen Winter im Haus bleiben, geht ja nun auch eher weniger.

Deswegen Coreguliere ich bei diesem Thema vergleichsweise stärker. Manche Dinge kann meine Tochter alleine bestimmen, manche coreguliert.

Vorab: Der Mythos von der kalten Luft und den Ohrenschmerzen

Fangen wir bei der Mütze an. Wenn meine Tochter draußen keine Mütze trägt, kommt eigentlich IMMER irgendjemand vorbei, der*die mich zu warnen meint, dass meine Tochter Ohrenschmerzen bekommen wird.

Oder eine Erkältung.

Ich habe darüber schon mal eine wirklich lange und breite Diskussion in einer Müttergruppe geführt. Seitdem verfolgt mich das irgendwie. – Das ist ein Irrglaube, der sich so krass hartnäckig hält. Weder eine Ohrenentzündung noch eine Erkältung kommt von Kälte. Und auch nicht von Zugluft.

Kälte KANN dazu beitragen, dass das Immunsystem weniger gut arbeitet, ergo wir schneller krank werden KÖNNTEN, aber es braucht den Kontakt mit entsprechenden Viren oder Bakterien, damit es auch tatsächlich zur Krankheit kommt. –Und wenn der Kontakt mit den Erregern erstmal erfolgt ist, und das Immunsystem gerade angeschlagen ist, ja dann ist die Mütze über den Ohren in den seltensten Fällen echt die Rettung.

Klar gibt es Kinder (und Erwachsene), die anfälliger für Krankheiten sind, und dann ist warm eingepackt zu sein, um das Immunsystem nicht unnötig zu belasten, sicher eine sinnvolle Vorkehrung. Würde ich dann wohl auch drauf achten -Aber von Einem lässt sich eben nicht auf alle schließen.

Meine Tochter hat dato ein sehr gutes Immunsystem.

Wenn ich also ihre Kleidungswahl teilweise coreguliere, dann geht es mir NICHT um die Wahrscheinlichkeit oder Möglichkeit, krank zu werden.

Aber worum geht es dann?

Dein Körper, dein Empfinden. Mein Hinschauen, meine Verantwortung.

Eines ist sicher: Niemand weiß besser, ob mir kalt ist, als ich selbst, und dasselbe gilt natürlich auch für meine Tochter. Egal wie alt sie ist.

Sie spürt Wärme und Kälte, und zeigt das natürlich. Jedes (gesunde) Kind macht auf sich aufmerksam, wenn etwas an der Temperatur nicht stimmt. (wobei überhitzen mMn tatsächlich ein größeres Risiko ist, als frieren…).

Nana jedenfalls kann mir auch schon sagen, ob ihr kalt oder warm ist.

Ihr Temperaturempfinden kann ich ihr nicht absprechen. Will ich auch gar nicht, denn die eigene Empfindung ist etwas sehr Wertvolles.

Solange ihr nicht kalt ist, kann sie also zB ohne Jacke oder Schuhe bleiben.

Aber. Es kam in letzter Zeit manchmal vor, dass sie sagte, dass ihr kalt sei, und die Jacke trotzdem verweigerte. Dann habe ich ihr die Jacke doch angezogen. Oder wenigstens schonmal den Schal, und die Jacke erst nach etwas Überredungskunst. Warum? Ich habe Verantwortung übernommen.

Verantwortung, die ich nicht meinem Kind überlasse.

Für mich macht es einen großen Unterschied, ob mein Kind NICHT friert und keine Jacke haben möchte, oder ob mein Kind offensichtlich friert (und das sagt!), und TROTZDEM nicht angezogen werden will.

Natürlich. Auch Frieren ist eine Erfahrung.

Eine Erfahrung, die uns unseren Körper und seine Grenzen erkennen lässt. Eine Erfahrung, die mein Kind machen kann, aber die wiederum ICH in ihrem Alter(!) einfach noch im Blick behalten und begleiten möchte. Bei einem fünf- oder gar zehnjährigen Kind ist das später nochmal etwas ganz anderes, als bei einem Kleinkind, finde ich. Zumal sie letztes Jahr noch eingemummelt im Buggy im Fußsack lag, dieses Jahr erstmals NUR läuft -und gar nicht einschätzen KANN, wie schnell zB die Füße frieren können.

Ich versuche, mich immer so gut ich kann zurückzunehmen, sie eigene Erfahrungen sammeln zu lassen, in einem annehmbaren Rahmen. Bei dieser Thematik fällt mir das zugegeben etwas schwerer, als ich dachte.

Wir haben das mal an ein paar Tagen laufen lassen, und sie ist komplett ohne Jacke gelassen. ICH habe mich nicht gut gefühlt damit, und weil sie bald zitterte, sind wir auch früh wieder Heim. Fand sie auch nicht wirklich toll.

Ich habe dann für mich entschieden: ICH kann das nicht. Jedenfalls nicht im Moment. Vielleicht nächsten Winter, oder bei einem zweiten Kind.

Nana coreguliere ich also bei der Kleiderwahl vergleichsweise recht eng.

Dabei verlasse ich mich aufs Beobachten: Es gibt nicht DEN festgelegten Moment, in dem ich regulierend eingreife. Manchmal lasse ich sie länger ohne Jacke und Schuhe, manchmal nur kurz, manchmal doch ganz. Ich schaue hin, schaue auf mein Kind. Auf uns. Höre auf das, was sie sagt, und entscheide situativ. Das ist im Moment für UNS ein guter Weg.

Hose, Pullover und Jacke: Coregulieren ohne Druck

Ein glücklicher Zufall ist, dass Nana pünktlich zum Herbst die Kleidergröße und Schuhgröße gewechselt hat. Sommersachen konnten so aus dem Schrank wandern. Das ist ziemlich praktisch. Wäre es nicht eh so passiert, hätte ich die Sommersachen trotzdem aus dem Schrank genommen. Die indirekte Coregulation passiert hier im Wesentlichen nämlich durch das Angebot, wie immer.

Selbstbestimmt heißt nicht Alleine: Wie geht Selbstbestimmung? MEHR LESEN

So kann sie sich Kleidungsstücke selbst aus dem Schrank aussuchen, wenn sie will. Wichtig ist mir, meiner Tochter Selbstbestimmung im coregulierten Rahmen immer noch zu ermöglichen. So erfährt sie weiterhin Selbstwirksamkeit.

Selbstbestimmt lasse ich Nana auch Outdoor bereits dieses Jahr zumindest über Mütze, Schal und Handschuhe entscheiden.

Jacke und Schuhe coreguliere ich direkt.

Wobei die Schuhe uns aktuell keine Schwierigkeiten machen. Schwieriger ist es mit der Jacke. In letzter Zeit hat das  Jackenthema zu Tränen geführt, zu Kämpfen, die wir so eigentlich wirklich nicht haben wollen.

Wir suchen deshalb gerade nach einer Lösung.

Das Jackeanziehen in der Wohnung klappt interessanterweise oft einfacher, als draußen. Also wollen wir ihr die Jacke nun möglichst doch schon vorm Losgehen anziehen, genauso die Schuhe oder ihre Matschhose.

Eigentlich war mein Plan, dass meine Tochter -unerzogen as best- die Kälte spüren und draußen selber entscheiden kann. Aber Pläne und Kinder passen nicht gut zusammen. Weil es im Vergleich weniger Stress bedeutet, halte ich ihr ihre Jacke nun eben doch schon vor dem rausgehen hin.

Draußen könnte sie sie ausziehen, will sie aber interessanterweise nicht.

Für sie ist die Kälte vielleicht gerade nichts, vor dem sie sich schützen, sondern eine Erfahrung, die sie machen will. Eine Erfahrung, die ich sie aber (noch) nicht machen lassen kann, weil ICH das nicht gut aushalte.

Es ist wichtig, dass ich sehe, dass das Problem NICHT mein Kind ist. Sie will mich nicht ärgern, wenn sie die Jacke nicht anzieht. ICH mache mir Gedanken, ertrage die Blicke nicht gut, zweifle an der Richtigkeit, wenn N scheinbar friert. So ein Eingeständnis fällt nicht leicht, aber es gehört dazu. Erziehungsfrei und Selbstbestimmung sind keine kleinen Aufgaben. Wir gehen das Schritt für Schritt an. Dieses Jahr mit Jacke noch fix anziehen.

Ohne Jacke? Das Problem mit dem angezogen werden

Noch ein Gedanke, der mich beschäftigt: Es geht vielleicht nicht NUR um DIE Jacke, nicht ums ANGEZOGEN SEIN. (Sie will Jacke und Schuhe ja gar nicht wieder ausziehen). Ich glaube Teil des eigentlichen Problems ist das ANGEZOGEN WERDEN. Ein Problem, das glaube ich viele Kinder haben.

Besonders merke ich das im Umkehrschluss an der Mütze und den Schuhen: Die sind nämlich oft überhaupt gar kein großes Problem, weil ich nicht dabei helfen brauche. Angezogen werden mag sie im Moment dagegen gar nicht. Das ist im Grunde ja auch total verständlich.

Könnte sie es schon alleine, würde sie die Jacke draußen vielleicht Anziehen, wenn sie friert. Es klappt aber einfach noch nicht. Damit muss sie sich schrecklich hilflos fühlen -Was sich im Verweigern äußert.

Alles Theorie, natürlich. Unter zwei Jahren, manchmal länger, bleiben oft nur Theorien.

Alles was ich tun kann, ist das Prozedere so angenehm, wie möglich zu gestalten. Mit Ablenkung, Spaßhaben und Zeitlassen und gute Momente finden. Ein Nein abnicken und nochmal fünf Minuten warten. 

Nicht weniger wichtig: Erklären und Klarheit. Eigene innere Klarheit über das, was ich gerade tue. Darüber, dass es richtig ist. Jetzt Gerade.

Über Macht, Ohnmacht und die Gewissheit, dass Gewalt nie gut ist

Manchmal schaffe ich es nicht, den Moment perfekt abzupassen und so zu gestalten, dass das Anziehen (der Jacke) tränenlos bleibt. Es gibt sie, diese richtig ungute Tage. Normalerweise breche ich dann ab. Aber: Ich würde Lügen, wenn ich jetzt behaupte, dass ich in diesem Augenblick noch nie niemals die Ärmchen trotzdem schnell durch die Ärmel gefädelt hätte.

Habe ich.

Wenn wir raus wollen (Nana auch!) und die Jacke im fünften Anlauf endlich an ist, ja dann will ich es an diesen unguten Tagen hinter mich bringen. Solche Situationen sind nicht schön, aber sie passieren. Jedem.

Erziehungsfrei, das bedeutet den Verzicht auf MachtMISSBRAUCH. Tatsache ist: Eltern haben Macht, und der Grat zwischen Missbrauch und sinnvollem Einsatz (Schutz, Verantwortung) ist oft richtig schmal.

Ist es Machtmissbrauch oder Sinnhaft, sie anzuziehen, wenn wir los wollen? Ich denke, hierauf hat jeder eine eigene, eine etwas andere Antwort. Mein Credo: Willenbrechen NIEMALS als Selbstverständlichkeit annehmen. Als Notwendigkeit in manchen Situationen. Vielleicht. Aber nie, wirklich nie als Selbstverständlichkeit!

Sie soll weinen. Sie soll wütend sein. Ja, sie soll mich so richtig kacke finden, wenn ich tue, was sie nicht will. Das soll sie sich bewahren, denn es ist unheimlich wichtig! Und sie soll mir das bitte immer wieder vor Augen halten, damit ich daraus lerne und wachse und achtsam bleibe. Damit ich nicht vergesse, dass es gemein ist. Damit ich nicht vergesse über andere Lösungen nachzudenken, und vielleicht eine zu finden.

Auch das ist Teil von Erziehungsfrei, vom in Beziehung bleiben.

Es ist ein Weg. Oft ein gar nicht Einfacher. – Manche Konflikte begegnen uns irgendwann das erste mal, und wir haben vielleicht nicht gleich eine passende Lösung, wir nähern uns an. Und was wir tun, wenn unser Kind ohne Jacke raus will, dafür werden wir von Jahr zu Jahr Lösungen finden.

| Fiona

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Edit 2018: Nana entscheidet nun auch selbstbestimmt über ihre Jacke (und Schuhe) und hat mir inzwischen gezeigt, dass meine Sorgen unbegründet waren. Sie brauchte Zeit, sich frei und ernstgenommen zu fühlen. Nachdem wir es geschafft hatten, sie entscheiden zu lassen, also den Druck aus der Situation nehmen konnten, fing sie auch an von alleine nach der Jacke zu fragen.

Edit 10/2021: Mein fast sechsjähriges Kind lässt sich von mir nicht mehr sagen, ob sie ihre Jacke tragen soll. Ich nehme nach meinem Ermessen im Zweifel eine mit – Aber sie entscheidet. Kompetent. Mittlerweile wissen wir auch, dass sie etwa bei Stoffen empfindlich ist, und achten auf Jacken, die ihr angenehm sind – Auch beim Baby bin ich viel entspannter als damals bei Nana.

5 Kommentare

  1. Uns hilft es wenn ich sage warum ich will dass mein Sohn die Jacke anzieht. Du bist verschnupftkrank und es ist kalt draussen. Sonst wenn er gesund ist warte ich bis er draussen unruhig wird und Frage ob ihm kalt ist und er die Jacke anziehen möchte. Scheele Blicke der Passanten inklusive. Er ist 2 Jahre und 4 Monate alt spricht aber noch kaum Wörter. Auch hilft es uns dass ich die Sachen soweit möglich körpernah rumschleppe. Unter meinem Mantel, in der Hosentasche. Die sind dann warm das ist angenehm wenn ihm z.B. die Finger kalt sind. Die Mütze mag er gern wenn er vor Wind die Ohren zu hält. Manchmal auch meine, dann tauschen wir. Er zeigt also deutlich an was er will. Vielleicht hilft euch der Tipp mit den Mama oder Papa körperwarmen Winter Accessoires wie Mütze und Handschuhe ja weiter. Die normale Kleidung liegt bei uns vorher auf der Heizung und wenns gar nicht anders geht dann kommen die Anziehschlangen zum Einsatz… Meine Hände, die erklären auch genau was sie machen. Mit vollem Maul, wenn grad der ärmel angezogen wird findet er sehr unterhaltsam und manchmal singe ich dabei das zwei lange Schlangen Lied.

  2. Ich erkenne mich bzw. uns in diesem Text so stark wieder!
    Wir versuchen auch, unser Kind (20 Monate) selbst entscheiden zu lassen, was es anzieht. Doch nach dem Sommer, als es kälter wurde, wurde es auch bei uns schwieriger, denn das angezogen werden war der Horror! Es gab nur Gebrüll! Wir haben viel versucht… Unser Kind hat zu Hause nur ein langes Shirt oder einen Body an – aufs Topfal geht es zu Hause alleine. Vor einigen Wochen funktionierte gar nichts mehr, selbst als ich angeboten habe, halb nackt raus zu gehen – das war unserem Kind natürlich zu kalt – aber anziehen wollte es sich nicht lassen… Das führte dazu, dass wir wirklich ca. 1-2 Wochen fast nur drinnen waren, so war es stressfreier für uns alle. Wenn wir wo hinfahren wollten, konnten wir das Kind überzeugen (ihm war ja nackt selber zu kalt), zumindest Windel, Hose und Weste anzuziehen.
    Diese ’schlimme‘ Phase ist aber zum Glück vorbei.?
    Keine Ahnung warum, aber die Stimmung hierbei hat sich gelockert, ich frag unser Kind, ob es raus bzw. wegfahren möchte und sich etwas anzieht, da es kalt ist. Wenn es verneint, ists ok (auch fürs Kind, dass wir drin bleiben), wenn es bejaht, funktioniert das Anziehen recht gut.

    Ich glaube, unser Kind musste erst mal selber begreifen, was es heißt, zu frieren. Oder einfach nur, dass es sehr kalt ist. Denn mal nackig raus zu gehen bei 5 Grad ist eben nicht sehr angenehm. ?
    Ebenso war es mit Handschuhen: erst als die Finger beim Dreiradfahren steifgefroren waren und geschmerzt haben, war es bereit, Handschuhe zu tragen und zieht diesr mittlerweile bei noch warmen Händen an ?

    Alles Liebe cao

  3. Wirklich sehr spannend das Thema, wir haben hier auch jeden Tag diese Kleiderfrage mit dem Lütten, der ja ähnlich alt ist wie Nana. Im Prinzip mag er überhaupt nichts anziehen, 24/7 würde die Windel ihm völlig ausreichen. Aber das ist leider außerhalb der Wohnung zurzeit nicht möglich, klar.
    Ich kann damit sehr locker umgehen, weil ich selbst eher heißblütlerisch bin und mir selten kalt ist. Deswegen kann ich Love auch so gut verstehen, dass er keine Jacke anziehen möchte, weil es ihm schlichtweg zu warm ist. Mein Mann ist da eher der Frösteköttel von uns Allen.
    Mütze und Schal liebt er übrigens, das zieht er sich immer gerne an – warum auch immer. Aber sehr, sehr oft ist er ohne Jacke draußen derzeit. Aber ich habe sie immer dabei und biete sie regelmäßig an – er war bisher noch nie richtig fies erkältet oder krank deswegen.
    Das Wichtigste ist mir, dass er auf sein Körpergefühl hört und wir auch dies tun. Das liegt mir wirklich am Herzen.

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