Selbstbestimmt Heißt Nicht Alleine: Übers Entscheiden Lassen und Begleiten

Eine der tragenden Säulen der Art und Weise, wie WIR mit unserer Tochter leben, nennt sich Selbstbestimmung. Manche Eltern zucken erfahrungsgemäß schon bei dem Wort zusammen, schütteln den Kopf und verurteilen, weil wir unser Kind Entscheidungen treffen lassen, die IHNEN falsch vorkommen. Sie verwechseln Selbstbestimmung mit Verantwortungslosigkeit. Tatsache ist aber, das eine hat mit dem anderen wenig zu tun.

Selbstbestimmung: Ein Menschenrecht

Selbst über eigene Handlungen, den Körper und die Bedürfnisse zu bestimmen, uns in eine Gruppe mit eigenen Entscheidungen zu integrieren, und dabei gleichwertig von allen Mitgliedern der Gruppe behandelt zu werden, ist ein Recht, dass wir kaum einem Menschen ohne außerordentlichen Grund absprechen würden, außer unseren Kindern.

Denn Kinder sind jung, unerfahren und stehen UNTER uns. Ergo: Kinder werden aufgrund ihres Alters diskriminiert.

Kinder haben gehorsam zu sein und zu folgen, in die Richtung in die sie gezogen werden, ohne ernsthafte Mitsprache über ihr eigenes Dasein. Klingt ungerecht? Ist es auch.

Und trotzdem ist es leider der Konsens dessen, wie viele Eltern noch immer denken.

Nämlich immer dann, wenn ein Kind gewaltvoll manipuliert und bestraft wir, und derjenige, der das Kind in diesem Moment FREMDbestimmt, sich selbst damit definitiv im Recht sieht. Ohne dabei das gleichwertige Recht des Kindes auf SELBSTbestimmung anzuerkennen.

Dass ein Kind aufgrund der sich erst entwickelnden kognitiven Fertigkeiten (etwa der Empathiefähigkeit oder dem erfahrungsgemäßen Erkennen von Gefahren) NICHT über jede seiner Handlung bestimmen, also definitiv NICHT ALLES tun und lassen kann, was es tun will, darüber müssen wir an dieser Stelle nicht diskutieren.

Darum geht es bei der Selbstbestimmung auch überhaupt nicht!

Natürlich lasse ich Nana nicht auf eine befahrene (oder gerade unbefahrene) Straße laufen, oder mit dem Messer vom Frühstückstisch in der Hand munter auf der Couch hüpfen. Natürlich gilt Schutz immer VOR Selbstbestimmung, besonders dann wenn es um Schutz von Leib, Seele (und ggf. Besitz) des Kindes, mir selbst oder Dritter geht.

Dann nämlich, trage ICH Verantwortung, die ich unmöglich, an mein Kind abgeben kann.

Selbstbestimmung bedeutet also nicht gleich ›Machen Lassen‹. Selbstbestimmung passiert dazwischen. Zwischen ›Machen Lassen‹ und verantwortungsvoller Coregulation. Es bedeutet, hinzuschauen und gerecht abzuwägen, in Beziehung zu sein und dem Kind zu vertrauen.

Über Angst, Die Überwindung Von Glaubenssätzen Und Vertrauen

In erster Linie geht es bei der Selbstbestimmung von Kleinkindern, erstmal um die Selbstbestimmung über die eigenen Bedürfnisse und den eigenen Körper. Dann kommen Handlungswünsche hinzu. Jeder (gesunde) Mensch kennt seine persönlichen Bedürfnisse, seine Vorlieben, Interessen und Wünsche selber am besten, und ist, wenn ihm die Möglichkeit dazu gegeben wird, in der Lage danach zu handeln. Das gilt für uns, wie für unsere Kinder.

Auch, wenn es manchmal nicht so scheint: Unsere (gesunden) Kinder fühlen natürlich, ob sie Hunger haben oder schon satt sind. Ob sie frieren. Ob die Windel ab muss. Und auch, wann sie müde sind.

Von Geburt an funktioniert das, und das Teilen Neugeborene uns auch mit.

Interessanterweise hören die meisten Eltern zunächst auf die Signale ihrer Babys. Zumindest kenne ich das von den meisten Säuglingseltern, mit denen ich in Kontakt stehe oder stand so. Sie füttern nach Bedarf und lassen ihr Baby schlafen, so wie es müde ist. Doch sobald die Kinder älter werden, häufig noch im Laufe des ersten Lebensjahres, spätestens  aber wenn sie ins berüchtigte kleinkindliche ›Trotzalter‹ kommen, wird denselben Kindern ihre Selbstbestimmung über Essen und Schlaf plötzlich abgesprochen, und sie müssen sich unterordnen, müssen geformt werden.

Grund dafür ist, nehme ich an, der wachsende Widerwille der Kinder, der nicht nur mehr signalisiert, wenn es etwas WILL, nämlich Essen oder Schlafen, sondern immer häufiger und deutlicher eben auch, was er gerade NICHT WILL. Und so durchkreuzt der (ungeformte) Wille des Kindes immer häufiger die (vorgeformten) Vorstellungen der Eltern.

Es kommt zum Konflikt.

Das Kind MUSS doch Hunger haben, und JETZT etwas Essen. Oder: Es ist schon spät, es MUSS doch schlafen. JETZT.

Das Problem: Während wir kommunizieren und uns r e c h t f e r t i g e n können, warum wir eine Entscheidung treffen, auch wenn diese GEGEN anderer Meinungen steht, können unsere Kleinkinder uns nur vage (oder noch gar nicht) mitteilen, warum sie etwas wollen oder ablehnen. Unseren äußeren Eindruck der Situation stellen wir in solchen Situationen automatisch über die persönliche Wahrnehmung des Kindes, dessen Perspektive uns fehlt.

Tatsache ist aber, dass auch meine Tochter, ihre Gründe hat, wenn sie etwas FÜR MICH nicht nachvollziehbares tut.

Obwohl Nana ihren knurrenden Magen spürt, wird sie vielleicht die Mahlzeit ablehnen, weil es ihr nicht schmeckt, oder weil das Bedürfnis nach Spiel gerade einfach größer ist. Daran ist überhaupt nichts abwegig. Ich habe auch schon das Essen vergessen, bis es kalt neben mir stand und ich es lieber wegtat, während ich mit Schreiben oder Lernen beschäftigt war. Mit dem Unterschied, dass ich Erwachsen bin, und mich niemand dafür bestraft.

Die einzige Chance meiner Tochter ist es also, dass ihr Bedürfnis erkannt und angenommen wird, statt übergangen zu werden. Diese Chance können nur wir als Eltern ihr geben, indem wir uns auf Nanas Entscheidung einlassen und ihr Freiraum geben.

Klingt doch logisch.

Aber warum fällt es uns dann oft so wahnsinnig schwer, unsere (Klein-)Kinder über ihre Bedürfnisse (und Handlungswünsche) SELBSTbestimmen zu lassen?

Am meisten wiegt dabei wohl die Annahme, ein Kleinkind KÖNNE überhaupt noch keine (vernünftigen) Entscheidungen treffen, obwohl das, m i n d e s t e n s dann wenn wir uns auf die körpereigenen Bedürfnisse beschränken, natürlich nicht stimmt. Schon Babys haben ausgeprägte Instinkte und nehmen ihre Grundbedürfnisse wahr, ja fordern sie lauthals ein. Ich persönlich bin darüberhinaus der Meinung, dass ein Kind, sofern wir es begleitet und bewusst heranführen (!), auch sonstige Bedürfnisse und Wünsche, etwa so heikle Themen wie Süßigkeiten und Medienkonsum selbstständig regulieren KANN, das geht aber nochmal einen großen Schritt weiter, und ist auch an elterliche Haltungen gekoppelt. – Wirklich wichtig empfinde ich persönlich, dass ein Kind IMMER über seinen Körper und seine primären Bedürfnisse selbstbestimmen kann.

Jene Bereiche also, die meine Tochter ohnehin besser beurteilen kann als ich!

Nur Nana weiß, ob sie Hunger und Durst hat, ob sie Schlafen will, und ob ihr kalt ist (Dass das  trotzdem nicht immer einfach ist, darüber habe ich _hier_ geschrieben).

Wenn wir also davon ausgehen, dass ein Kind, wenn wir es lassen, niemals hungern würde bis es umkippt, und nicht freiwillig erfrieren würde, sondern instinktiv um Schutz und Hilfe bittet, wenn ihm etwas fehlt, warum greifen Eltern trotzdem ein? Warum ist das übergriffige Entscheiden über den Kopf des Kindes in so vielen persönlichen Dingen so fest verankert in unserem gesellschaftlich typischen Umgang mit Kindern: Aufessen müssen. Feste Schlafenszeiten. Und die Mütze muss natürlich auf den Kopf.

Es sind Glaubenssätze, die wir mit uns tragen, die uns ja selber als Kinder anerzogen wurden. Die innere Stimme, die uns säuselt ›man muss‹ und ›man darf nicht‹. Glaubenssätze, die uns triggern, die es uns schwermachen, umzudenken.

Es lohnt sich, sich dieser festgefahrenen Muster bewusst zu werden, die uns ALLE prägen, und sie dann loszulassen. Erst wenn wir von unseren anerzogenen Mustern Abstand nehmen, können wir unsere eigenen Kinder unvoreingenommen betrachten, uns auf sie einlassen.

Das ist aber noch nicht alles. Ein ganz wesentlicher Punkt sind finde ich unsere Ängste.

Angst, dass meine Tochter eine ›falsche‹ Entscheidung trifft. Angst, dass sie es bereuen wird und ich mit ihr. Angst, dass sie ›schlechte Gewohnheiten‹ entwickelt (Aber wer bewertet das eigentlich?). Angst, dass meine Tochter, die selbstbestimmt schläft, fortan ständig bis mitten in die Nacht durchpowert, und ihre Grenzen nicht erkennt. (Zugegeben, kommt vor. Bei uns, genau wie bei Kindern mit festen Schlafenszeiten, die auch mal nicht wollen, und dann genauso bis 23Uhr+ wach sind, kämpfend mit den Eltern, während meine Tochter in Ruhe spielt und wir einen entspannten Abend haben.) Angst, dass mein Kind, das schonmal Süßes vor dem Mittag isst, nie wieder eine normale Mahlzeit zu sich nehmen wird. Seien wir ehrlich. Solche Befürchtungen sind utopisch, und werden sich in den seltensten Fällen bewahrheiten. Hier jedenfalls trifft nichts davon zu.

Noch ein wichtiger Punkt: Die Angst, vor dem, was Dritte denken. Was sagen denn die Leute, wenn das Kind im Schnee keine Jacke trägt, und spät am Abend noch wach ist? Ich glaube, die ständige Angst vor der (schlechten) Beurteilung anderer ist etwas, was die meisten von uns teilen, auch wenn viele Eltern das vielleicht gar nicht zugeben würden.

Wir wollen als gute Eltern dastehen, und als GUT betrachtet, wird gesellschaftlich nun mal ERZIEHUNG. Gute Erziehung. Kinder, die tun, was man eben tut, genormt nach unseren Glaubenssätzen.

Glaub mir, mich lässt das auch nicht unberührt.

Ich weiß, dass die Mehrheit da draußen mich, und das was ich tue, kritisch betrachtet. Nein. Es ist NICHT einfach.

Kinder zu erziehen nämlich, wird von der Gesellschaft immer noch als unsere elterliche Verantwortung erklärt. Dabei ist genau das NICHT unsere Verantwortung! Meine Verantwortung gegenüber meinem Kind ist es, sie zu schützen, ihr Geborgenheit und Obhut zu geben, sie zu BEGLEITEN und sie zu stärken, um eine SELBSTständige Erwachsene zu werden. SELBSTBESTIMMT. Ja! Gerade nicht FREMDbestimmt!

Wie soll aus einem Kind ein SELBSTbestimmter Erwachsener werden, wenn doch Erziehung schon Grundbedürfnisse fremdbestimmt? Wie kann Erziehung, die Selbstbestimmung im Ursprung unterbindet und für falsch hält, gleichzeitig von einem Kind einfordern, sich möglichst schnell abzunabeln und SELBSTständig zu werden? Welches Paradox!

Kinder die SELBSTbestimmen, die kennen unsere Glaubenssätze nicht als ihre eigenen, die handeln frei und unvoreingenommen, und die passen dann auch nicht immer und ständig in die Norm. Das ist kein Nachteil. Das ist gut so, finde ich. Aber es stellt uns Eltern eben auch vor eine harte Herausforderung, wenn wir den missbilligenden Blicken unserer Nachbarn standhalten müssen. Schließlich ist es dieser missbilligende Blick, den wir schon von kleinauf von unseren eigenen Eltern kennen, sofern wir erzogen wurden.

Da haben wir ihn: Den Strudel aus Erziehung, Fremdbestimmung und Gewalt.

Es liegt an uns, dem Strudel auszubrechen. Unsere Kinder können das ohne unsere Hilfe nicht.

Was wir dafür tun müssen ist einfach: Vertrauen! Das Ruder nicht mehr alleine in die Hand nehmen, sondern mit unseren Kindern gemeinsam lenken.

Miteinander reden.

Miteinander Wege und Lösungen finden, und dabei diesen kleinen Menschen, der sich doch ebenso vertrauensvoll und offenherzig in unsere Obhut gibt, annehmen, wie er ist.

Auf diese Weise übernehmen wir tatsächlich Verantwortung. Nämlich Verantwortung für unsere Ängste, mit denen wir uns aktiv auseinandersetzen und umgehen lernen, statt sie auf unsere Kinder zu verlagern, indem wir ihnen Schuld geben und sie formen. Und Verantwortung für unsere Kinder, denen wir ein tatsächlich SELBSTbestimmtes Leben ermöglichen; denen wir vermitteln und vorleben ›DU bist der Einzige Mensch, der über dich und deinen Körper und die Einflüsse, die du annehmen willst, bestimmen KANN‹.

DAS ist mMn unsere elterliche Aufgabe. Unsere Verantwortung. Erziehungsfrei. In Beziehung miteinander.

Altersgerechte Coregulation: Selbst heißt nicht Alleine

Selbstbestimmung ist KEIN Ausbleiben von Verantwortung. Im Gegenteil: Wen du mich fragst, ist es das Annehmen von Verantwortung, für mich und für meine Tochter auf ihrem SELBSTbestimmten Weg.

Die Verantwortung zu begleiten, statt gewaltsam zu formen.

Die Verantwortung einander kennenzulernen, miteinander zu kommunizieren.

Die Verantwortung, gute Lösungen für Konflikte zu finden, anstatt  meinem Kind ein Machtverhältnis zu suggerieren, dass sie ein Leben lang prägen wird: Ihre Glaubenssätze, ihr Selbstwertgefühl und ihre Art und Weise mit Konflikten umzugehen.

Wenn ich von Selbstbestimmung bei meiner knapp zwei Jährigen Tochter spreche, dann ist immer klar, dass die Entscheidungen, die sie macht, von mir g e s e h e n werden. Ich begleite mein Kind.

SELBSTbestimmt heißt nicht ALLEINbestimmt. Niemand entscheidet ganz alleine, auch gestandene Erwachsene nicht, denn es wirken IMMER äußere Einflüsse auf uns. Oder wir entscheiden bewusst gemeinsam mit anderen oder mit dem Gedanken an andere.

Wenn meine Tochter Fernsehgucken will, kann sie das tun, ich habe aber auch im (Weit)Blick, aus welchem Hintergrund heraus, sie diese Entscheidung trifft. Wenn ich denke, dass sie sich vor die Flimmerkiste setzen will, weil sich gerade keiner mit ihr beschäftigt, dann biete ich ihr NATÜRLICH an, ob wir nicht lieber zusammen malen oder puzzeln wollen. Wenn sie ein Bonbon haben will und das Mittagessen in ein paar Minuten fertig ist, dann sage ich ihr das, lasse sie in die Töpfe schauen und frage sie, ob sie warten kann. Und wenn Nana gähnend um halb Zehn noch Ball spielen will, dann schlage ich ihr ruhige Alternativen vor, und wir kuscheln uns dabei auf die Couch unter eine Decke.

Ich Coreguliere also durchaus. Mache Nana Vorschläge, biete ihr Alternativen und äußere meine Bedenken.

Der Unterschied zur fremdbestimmenden Erziehung?

Nana kann sich trotzdem ein Bonbon nehmen, fernsehgucken oder Ball spielen, wenn sie unbedingt will. Wir schauen dann zusammen ihre Lieblingsserie, und beim Ballspielen halte ich im Auge, wann es zu viel wird. Das kommt tatsächlich aber gar nicht so häufig vor. Oft wirft sie den Ball nur noch zwei drei Mal hin und her und kommt dann doch zum Kuscheln zu mir. Aber: Sie wollte das halt noch unbedingt erledigen, bevor sie einschläft!

Ich könnte mir vorstellen, dass das daran liegt, dass sie überhaupt keine Grenzen austesten muss und ihre Bedürfnisse immer besser kennenlernt. Sie weiß, dass sie kann, wenn sie will. Und wenn sie beim Spielen merkt, dass sie doch zu müde ist, dann kann sie aufhören, sie braucht nichts testen.

Die Frage bleibt, WIE wir eingreifen können, wenn wir absehen, dass die selbstbestimmte Entscheidung des Kindes nicht verantwortbar für uns ist? Wenn etwas -aus welchen Gründen auch immer- gerade echt nicht geht. Wenn die Windel zum Beispiel wirklich JETZT gewechselt werden soll. Wenn ohne Schuhe in den Schnee zu gehen, die Grenzen meines Könnens sprengt. Oder wenn ICH um 20Uhr trotz hoch motiviertem Kind, das schon ‚Piepa‘ rufend in die Schuhe steigt, nicht mehr zum Spielplatz gehen WILL?

Erstmal: Annehmen, dass die Situation ist, wie sie ist. DAS macht schon ganz viel aus. Durchatmen. Und einfach und verständlich kommunizieren, über uns, über mich und mein Kind und die Situation, nicht über  abstrakte Regeln.

›Ich sehe, du willst raus. Es tut mir Leid, dass das jetzt nicht geht. ICH möchte jetzt nicht mehr nach draußen. Es ist schon dunkel und ich bin müde. Wollen wir etwas anderes machen?‹

ich erwarte keine Freudensprünge von Nana. Ich bin einfach da. Habe Verständnis dafür, dass für meine Tochter eine Welt zusammenbricht. Ernst nehmen und Frust begleiten. Manchmal können wir nicht mehr als das tun. Und das ist okay. Es geht nicht darum, ALLES zu ermöglichen.

Es geht darum, als Familie zusammenzuleben. Miteinander. Ein Miteinander, in dem das Kind GLEICHWERTIG zählt.

Die Sache mit der Selbstbestimmung ist ja diese: Es gibt keine Listen, an denen du ablesen kannst, wie viel Selbstbestimmung okay ist, denn gäbe es von außen abgesteckte Grenzen, nach denen reguliert würde, wäre es nicht mehr SELBSTbestimmt. Und gleichzeitig kann Selbstbestimmung natürlich auch nicht die Rechtfertigung sein, wenn ein zweijähriges Kind 24/7 vor dem Fernsehgerät sitzt, ohne dass jemand etwas dazu sagt. Natürlich nicht!

Die Entscheidung darüber, wie viel Fernsehen okay ist, wie du das mit der Schlafsituation und der Esssituation löst, die können nur DU und DEIN KIND zusammen treffen! DU wirst spüren, wann es piesackt, wenn dein Kind eine Entscheidung trifft, die du gerade, weil du Angst hast, nicht verantworten kannst oder willst. UND DU wirst dein Kind wahrnehmen, das auf deine Coregulation reagiert. Und dann wirst DU schauen müssen, wie weit du loslassen kannst, wie sehr du vertraust, und wann du ein Stop setzt.

Du und dein Kind, ihr müsst zusammenarbeiten, in Beziehung sein, kommunizieren. Keine der drölfzigunzähligen wissenschaftliche Studien da draußen kann dir das abnehmen, wenn du Selbstbestimmung angehen willst. Kein Berater. Keiner deiner Verwandten. Keiner dieser Blogs. Auch nicht ich.

In manchen Bereichen wird uns Selbstbestimmung einfacher fallen als in anderen. In anderen Bereichen sind die Glaubenssätze, die Ängste stärker.

Bei uns ist es das warm angezogen sein. Es fällt mir unheimlich schwer, aber ich schaffe es immer mehr ihr zu vertrauen. Ich hatte Bedenken. Ich habe sie zugelassen und losgelassen, und mittlerweile sind wir an einem Punkt, an dem ich meistens abwarten kann, bis sie die Jacke selber anziehen will. Das heißt nicht, dass ich ihr nicht sage, dass ICH es kalt finde. Manchmal lege ich ihr die Jacke um, das ist einer dieser Lösungen, die wir gefunden haben. – Auch Nanas Trinkverhalten, war eine dieser Dinge, in denen ich ständig versucht habe zu regulieren. Besser wurde es erst, als ich losließ.

Mit Medien und Süßigkeiten haben wir dagegen keine Berührungsängste. Meine Tochter hat zu beidem freien Zugang. Auch schläft Nana von Anfang an selbstbestimmt.

Es ist anstrengender ein Kind in einem Bereich n e u selbstbestimmen zu lassen, in dem es Regulation kannte, denn dann ist es ganz natürlich, dass erstmal Grenzen und Weiten probiert werden wollen. Die neu gewonnene Freiheit könnte dem Kind ja wieder genommen werden. Was würdest du wohl mit einer Kreditkarte mit unbegrenzt Geld tun, von der du erwarten musst, dass sie dir wieder genommen wird. Na? Verständlich also, dass ein schlafreguliertes Kind, erstmal eine ganze Zeit lang ausnutzt, dass es wach bleiben kann. Außerdem muss es seinen eigenen Rhythmus, sein eigenes Schlafbedürfnis, erst wieder erkennen lernen. Was mühsam abtrainiert wurde, kommt nicht von einem auf den anderen Tag wieder. – Da hilft es nur, den neuen Weg zu begleiten und zu vertrauen. Vertrauen ist die Basis. Auf diese Basis können wir aufbauen. Miteinander reden und Lösungen finden.

Ich bin überzeugt, dass jedes (gesunde) Kind selbstbestimmen kann, wenn wir es lassen. Mag sein, dass das eine Kind MEHR Begleitung dabei braucht, als ein anderes. Aber jedes Kind kann. Jedes Kind hat das Recht dazu. Xx Fiona

5 Kommentare

  • … Bzw. ihnen ständig erklären zu müssen, dass sie das Kind eigentlich gerade formen und erziehen, was wir nicht wollen. Das trifft sehr oft auf Unverständnis.
    Deshalb ist es umso schöner, immer wieder Bestätigung zu bekommen!
    Alles Liebe cao

    • Hallo Cao,
      Ich danke dir für deinen Kommentar. ❤️ Ja, es ist manchmal wirklich anstrengend, gerade bei den Nahestehenden, von denen wir doch eigentlich hoffen, dass sie uns verstehen und unsere Lebensweise akzeptieren.
      Viele Grüße, Fiona

    • Sabine

      Liebe Fiona, ich verfolge alle Beiträge gespannt und finde mich wieder. Es ist nur alles sehr abstrakt. Unser kleiner Weltentdecker ist 9 Monate und mir fehlt der Praxistipp bzw. -bezug. Wir können leider nicht unsere ganze Wohnung kindgerecht/frei zugänglich machen – es gibt heiße Heizkörper, kalte Böden, Mistkübel und da und dort auch ein Kabel, das nicht sein darf. Und so kommt mir öfter als gewünscht ein Nein über die Lippen. Und auf der anderen Seite lässt er sich auch nicht an die Nase greifen (eintropfen oder absaugen) und ist aber so schrecklich verkühlt und kriegt kaum Luft. Wie handhabst Du solche Situationen? Danke, alles Liebe

      • Fiona Lewald

        Hallo Sabine. Natürlich lassen sich nicht immer alle „Nein“ ganz vermeiden, aber wir können überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, die uns einander näher bringen. Ich gehe Mal deine Punkte durch. Heizung: Da haben wir Nana ihre Erfahrungen machen lassen, ich habe nur manchmal vorgewarnt, dass es heiß sein kann. So arg heiß ist es nicht, dass sich gleich Verbrennungen nachziehen. Nana fasst fast jeden Morgen die Heizung an und prüft, ob sie kalt, warm oder heiß ist. – kalte Böden: was ist daran dein Bedenken? Nana bewegt sich frei auf dem durchaus auch kalten Boden, sie meldet sich, wenn sie zB Socken will und auch ein kleines Kind würde Unwohlsein bemerkbar machen – Mülleimer (meinst du das mit Mistkübel?): Haben wir zwischenzeitlich mit einer Kindersicherung gesichert. – Kabel: Wir nutzen Kabelkanäle. Ansonsten habe ich umgelenkt, wenn sie an etwas heranging, was sie nicht sollte und nicht wegzuräumen war. – zue Nase: wir haben nie Nasentropfen oder Nasensauger benutzt. Als ich noch Stillte, habe ich nach dem stillen Muttermilch schnell in die Nase getröpfelt (wirkt Wunder). Ansonsten habe ich ihr die Nase früh mit den Tuch abgeputzt, inzwischen putzt sie schon alleine. Von Nasensauger halte ich nicht viel und Nana auch nicht. nachts benutzen wir Engelwurzbalsam. Das kommt außen auf die Nasenflügel und macht die Nase frei. – ich hoffe, ich könnte dir ein Bisschen helfen. Grüße, Fiona

  • Ich finde es immer wieder schön, von dir so ausführliche Beiträge zu lesen!! Vor allem, da wir im „echten Leben“ ganz alleine mit unserer Einstellung sind… Unlängst war ich ganz schockiert, als eine Freundin von mir ihr Kleinkind anschrie, weil es zu einem Kamin hingegangen ist (der allerdings kalt war) und sie das nicht wollte?! Es ging ihr einfach nur ums Prinzip und statt zu erklären, warum das gefährlich sein kann – so wie wir es mit unserem Kind gemacht haben – hat sie nur „nein“ geschrien und das Kind weggezerrt… 🙁

    Wir handhaben es mit unserem 21 Monate alten Kind genauso, in manchen Bereichen tue ich mir leichter, in anderen schwerer. Manchmal gab es Phasen, die wirklich anstrengend und fordernd waren (zB eine Nicht-Windelwechsel-wollen-Phase) wo ich jedes Mal am Ende total fertig war, weil es wirklich ein ‚Kampf‘ war… zumindest psychisch.

    Für mich fühlt sich Umgang mit unserem Kind einfach normal an, ich sehe es als eigenen Menschen und nicht als „mein“ Wasauchimmer… Meist stören mich die Blicke anderer nicht, nur bei den eigenen Familien ist es oft mühsam, zu erklären, warum man dies oder jenes (nicht) macht

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