„Wir wollen ein Lern-und Begegnungsort sein!“ Die Freie Demokratische Schule Velbert stellt sich vor

Interview mit dem Gründerteam der Freien Demokratischen Schule Velbert

Was freute ich mich, als ich erfuhr, dass das Gründerteam der Freien Femokratischen Schule Velbert mit einem Stand auf der FEBuB2019 vertreten war. Die Schulgründung und ihren Verlauf in dem gar nicht weit entfernten Städtchen Velbert in NRW verfolgte ich schon seit einiger Zeit interessiert, nämlich als mögliche Schuloption für N in rund zweieinhalb Jahren. Auf der FEBuB lernte ich Juliane Pfuhl vom Gründerteam kennen, und die spannende Idee kam auf, euch auf dem Blog Einblicke in die Schulgründung zu geben.

Stellt euch vor es ist Schule, und die Schüler gehen gerne hin!
Und die Lehrer auch!

Ich traf mich also kürzlich mit einem Teil des Gründerteams der Freien Demokratischen Schule Velbert und wir quatschten ausgiebig über Schule, über Lernen und nicht zuletzt über die Herausforderungen einer Schulgründung.


Oliver Leiste (re) mit seiner Frau Julia

Oliver Leiste (re.) mit seiner Frau Julia
Grund-/Gesamtschul-lehrer an Privatschulen seit 2004 und Vater von vier Kindern.

Susanne Trust

Susanne Trust
Mutter eines Sohnes und dreier Stiefkinder, lebt erziehungsfrei

Juliane Pfuhl

Juliane Pfuhl
Lehrerin an einer Regelschule seit 2017

Erika Burchartz

Erika Burchartz
Lehrerin und Systemische Beraterin


Wie kommt man überhaupt auf die Idee, eine Schule zu gründen?

Das Interesse an einer Schulgründung entstand schon während seines Studiums, erzählt Oliver Leiste. Vor allem sein Interesse an Freinet, und sein bald daraus resultierendes Engagement in der Freinet-Kooperative, ließ den Gedanken reifen, selber einmal eine demokratische Schule auf die Beine zu stellen. Als sein Sohn schließlich keinen Platz an der gewünschten freien Schule bekam, gab das den noch fehlenden Anstoß, um die Schulgründung tatsächlich anzugehen.

Was ist die Freinet Pädagogik? „Freinet ging davon aus, daß die Kinder lernen wollen! Er geht davon aus, daß es eine Natürliche Methode des Lernens gibt, mit der die Kinder lernen. Wenn ich die Lernunlust der Kinder vermeiden will, muß ich meinen Unterricht ändern. Ich darf das Lernen der Kinder nicht verhindern. ]…] 2.  Wir müssen deshalb untersuchen, wo die Interessen der Kinder liegen, damit wir in der Lage sind, “ihnen das Wort zu geben”. […] 3.  Der Lehrer, die Lehrerin ist dabei vor allem als Hilfe da, nicht als Leiter und Lenker.“

Quelle: Witte-Löffler, Heini: Was ist Freinet Pädagogik? URL: https://freinet-kooperative.de/grundlagen/einfuehrung/was-ist-freinet-paedagogik/


„Ich sehe in der Schule viel Not: junge Menschen, die es nicht ’schaffen‘, ihre Bedürfnisse und Interessen zu unterdrücken und sich so in das System einzufügen, sollen mit verschiedensten ‚Unterstützungsmaßnahmen‘ (Nachhilfe, Förderangebote, Auszeiten, Belohnungssysteme, Zwangssitzordnungen, Verwarnungen, etc. ) funktionstüchtig gemacht werden. Ich mag die Begegnung mit jungen Menschen, aber in der Schule finden wenig authentische menschliche Begegnungen statt. Das fühlt sich für mich nicht gut an. Außerdem halte ich es für wichtiger, junge Menschen dabei zu begleiten, freie Menschen zu werden, die sich selbst vertrauen.“, erklärt Juliane Pfuhl. Zudem habe sie als Kind selbst Schule überwiegend negativ empfunden. Auf der Suche nach Alternativen stieß sie im letzten Jahr zum Gründerteam dazu.

Erika Burchartz betont darüber hinaus, wie wichtig eine Veränderung der Schullandschaft durch Schulgründungen, wie diese, ist: „Wir brauchen kreative, freidenkende Menschen!“ Wenn die Schule zum Raum werden soll, freidenkende Menschen zu begleiten, dann muss sich Schule verändern.

Und zusammen mit der Schule vielleicht ein bisschen die Welt.

Interview mit dem Gründerteam
„Lasst und über Schule sprechen“ (von links nach rechts) Susanne Trust, Oliver Leiste, Juliane Pfuhl und Erika Burchartz

„Kinder an unserer Schule werden möglicherweise einen etwas anderen Weg gehen, um ihren Wissensstand aufzubauen, als an der Regelschule, aber sie werden gelernt haben, Dinge zu hinterfragen, nachhaltig zu lernen und mit Wissen umzugehen.“, so Oliver Leiste. Die Kinder werden Fähigkeiten erlernen, die im Leben wirklich wichtig sind. Wichtiger als Integralrechnung einwandfrei zu beherrschen, wenn man sie später vielleicht nicht einmal braucht, ist es nämlich, ein grundlegendes Matheverständnis zu gewinnen. Auf Regelschulen ist das Vermitteln der Lerninhalte oft ein unmotiviertes Durchbeißen auf Schüler- und Lehrerseite. „Ich fühle mich häufig wie in einem Hamsterrad“, seufzt Juliane Pfuhl, die derzeit an einer Regelschule als Lehrerin arbeitet. Auch Lehrer*innen leiden in vielen Fällen unter dem System, der Stress fährt Schule gegen die Wand. Abhilfe kann nur eine Veränderung des Systems schaffen, und ein wichtiger Schritt dorthin sind Schulen, die anders funktionieren.

Die freie demokratische Schule Velbert soll eine Grundlage für Schüler*innen und Lehrer*innen schaffen, um motiviert und selbstbestimmt zu lernen.

Lernen ist ein innerer Drang. Lernen passiert immer, wenn wir uns für etwas begeistern, schwärmt Suanne Trust. Lernen ist aber auch ein Beziehungsgeschehen, ergänzt Erika Burchartz, und hebt den Wert einer (guten) Schule für Lernprozesse hervor: „Schule ist ein reizvoller Rahmen. Hier pralle ich auf Andersheit.“ In Schulen, so das Team, kann Schülern ein Raum gegeben werden, neugierig und begleitet zu Lernen und mit neuem in Kontakt zu kommen. „Wir gründen also bewusst eine Schule.“ Dabei soll die Freie Demokratische Schule Velbert ein Begegnungs- und Lernort fürs selbstbestimmtes Lernen sein. Oliver Leiste: „Unser Engagement fürs Freilernen hier in Deutschland ist, eine freie Schule zu gründen.“

Selbstbestimmt Lernen
Demokratisch Entscheiden
Kooperativ Handeln

Die drei Säulen der Freien Demokratischen Schule Velbert –

Wie wird Schule demokratisch?

Freie Schule ist nicht gleich freie Schule. Dahinter stehen eigenständige Konzepte. Die Schule, die in Velbert entstehen soll, wird eine Freie DEMOKRATISCHE Schule. „Alle Menschen an der Schule haben die gleichen Rechte“, erklärt Susanne Trust. Entscheidungen an der Schule werden nach dem Mehrheitsprinzip demokratisch entschieden, Regeln gemeinsam festgelegt und bei Regelverstößen erfolgt die Konfliktlösung im Gremium. Gemeinschaft ERLEBEN, statt darüber nur theoretisch zu lernen, ist die Devise. Oliver Leiste: „Es kann dann sein, dass die Gemeinschaft eine Konsequenz für nötig hält, oder davon absieht, aber auch, dass eine Regel nach dem Regelbruch nochmals überdacht wird.“ Regelmäßige Schulversammlungen sollen das demokratische Mitwirken ermöglichen.

Das klingt spannend, finde ich, bin mir aber auch ziemlich sicher, dass die demokratische Idee von Schule bei vielen Eltern, die Schule in alten, gehorsamstiftenden Mustern denken, die Befürchtung von Chaos hervorruft. Ob sie fürchten, dass die Kinder Nonsense Regeln festlegen könnten, und wie damit umgegangen würde, möchte ich also wissen. Die Kinder werden nicht unbegleitet gelassen. Und es gibt natürlich einen gewissen gesetzlich-moralischen Rahmen in dem wir uns bewegen, erklärt Oliver Leiste. Die Schulwoche kann nicht entgegen Schulgesetze auf Wunsch auf drei Tage verkürzt, Ferien nicht einfach verlängert werden, und Gewalt findet sowieso in keiner Form Toleranz. Ansonsten gelte für die Schule, was allgemein im Umgang mit Kindern gelten sollte: Aushalten. Loslassen. Vertrauen. Eine Gruppe (auch junger) Menschen, wird keine so falschen Entscheidungen treffen, beteuert das Team. Man dürfe nicht vergessen, dass die Kinder im besten Fall von klein auf in eine selbstbestimmte, eigenverantwortliche und gesellschaftswirksame Rolle hineinwachsen. An einer Regelschule, die plötzlich Demokratie zu Testzwecken ausruft, wären Nonsense Regeln wahrscheinlicher, denn sie würden zum Puffer des aufgestauten Drucks werden. An der Freien Demokratischen Schule Velbert wird Mitsprache und Freiwilligkeit aber keine Ausnahme sein, sondern Normalität. – Quasi Analog zu Erziehung-Erziehungsfrei.

Es gibt bereits Schulen, die so arbeiten. Etwa die Neue Schule Hamburg. Das Konzept funktioniert, es ist nicht abwegig.

Was wird die Freie Demokratische Schule Velbert noch von Regelschulen unterscheiden?

Statt festgelegtem Unterricht, wird es Ateliers mit Material geben, Kursangebote und Projekte, die von den Lehrer*inne*n, aber auch von den Schüler*inne*n und ihren Interessen initiiert werden können. Es spricht nichts dagegen, Inhalte auch Frontal zu präsentieren, wenn die Kinder die Inhalte in dieser Form aufnehmen wollen. „Wogegen wir uns klar entscheiden, ist aber eine erzwungene Belehrung.“, so Oliver Leiste.

Hausaufgaben sind nicht vorgesehen, aber wer zuhause arbeiten will, kann das natürlich tun.

„Genaugenommen, wird es zwei Schulen geben, eine Grundschule und eine Sekundarstufe I“, erklärt Oliver Leiste weiter, als ich nach Klasseneinteilungen frage, „Es wird aber eine Bündelschule sein, sodass die Kinder gemeinsam lernen.“ Eine Einteilung in Klassen wird es darüber hinaus nicht geben, wohl aber Rückzugsräume für Kleingruppen, die sich vermutlich aus Gleichaltrigenstrukturen und Projektangeboten ergeben werden. Gelernt wird gemeinsam und gemischt, eine Identifikationsgruppe kann aber hilfreich sein.

Wird es Noten geben? „Ja. Wir werden auch singen“, antwortet Oliver Leiste grinsend. Noten sind vergleichbar, das ist das Positive an ihnen, aber das war es dann auch schon. Leistungen werden auf eine Zahl reduziert ohne Drumherum. Im Hinblick auf den Abschluss, werde es Benotungen geben, davon abgesehen aber nicht. Stattdessen gebe es umfassende Rückmeldungen. „Rückmeldungen helfen, um herauszufinden, was wir tun können, um weiterzukommen. Wir werden auch standardisierte Tests anbieten“, so Oliver Leiste. Diese seien aber auf freiwilliger Basis, um die eigene Leistung einzuordnen. Ohne Druck und negative Konsequenzen können freiwillige Leistungsüberprüfungen durchaus auch motivierend für Schüler*innen sein.

Und wie sieht es aus mit Abschlüssen? An der freien demokratischen Schule Velbert wird es zwar keinen expliziten Schulabschluss geben, aber die Schüler*innen werden auf externe Abschlüsse vorbereitet und individuell dabei unterstützt. Möglich sind so alle Abschlüsse nach der Sekundarstufe I, also Hauptschulabschlüsse, mittlerer Schulabschluss und mittlerer Abschluss mit Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe.

Eine Schule, die auf die Bedürfnisse eingeht, auf Mitsprache und Freiwilligkeit Wert legt.

Interview mit dem Gründerteam der Freien Demokratische Schule Velbert

Schule erfinden ist nicht schwer, Schule gründen dagegen sehr

Wann die Schule genau starten kann, ist noch unklar, wenn alles ideal läuft vielleicht 2021. „Wir arbeiten seit einem Jahr intensiver und produktiver am Konzept. Es gibt aber noch viele Baustellen“, erklärt Oliver Leiste. Eine große Hürde sei es zunächst gewesen eine beständige Kerngruppe aufzubauen und Konzeptklarheit untereinander zu finden. Aktuell sucht das Team ein geeignetes Schulgebäude, im Zweifel wäre aber auch eine Containerlösung zumindest denkbar. Für die nächste Zeit ist außerdem ein Crowdfunding geplant. Mit dem Geld sollen Personen finanziert werden, die ihre Arbeit dann ganz in die Gründung stecken können. Geld ist kein Thema, über das man gerne spricht, aber bei einer Schulgründung ist das Stemmen der Finanzen nicht unwesentlich. Spenden sind hilfreich. Und notwendig.

Eine weitere Herausforderung wird es sein gute Lehrkräfte, Mitarbeiter*innen und vor allem eine qualifizierte Schulleitung zu finden. Auch Designer*innen und Jurist*innen werden noch gebraucht.

„Am Anfang dachte ich, das kann ich nicht, das ist eine Nummer zu groß für mich – mittlerweile denke ich, stimmt, das ist ein großes Projekt; stimmt, vieles kann ich nicht. Also loslegen und herausfinden, wie es geht!“, kommentiert Juliane Pfuhl.
– Und ich finde, das ist eine ausgezeichnete Einstellung für eine Schulgründung.

Eltern können ihre Kinder für die freie demokratische Schule Velbert bereits vormerken. Oliver Leiste: „Auf der Homepage gibt es Anmeldeformulare. Anmeldungen sind wichtig für die Genehmigung.“

Einmal im Monat findet ein Stammtisch statt, zu dem auch Interessierte kommen können, außerdem neu das Familiencafé, das erste Treffen fand Anfang Februar statt. Jeder, der Interesse hat, ist Willkommen.

Auf Betterplace.org läuft derzeit außerdem eine Spendenaktion, dort könnt ihr die Schulgründung derzeit (Stand Feb2020) unterstützen, Geld für die Bezahlung des Konzeptlektorats zu sammeln.

Regelmäßige Ankündigungen und Termine findet ihr auf der offiziellen Facebookseite


Nach dem Gespräch habe ich ein positives und sehr herzliches Gefühl. Da sind Menschen, die für ihre Idee brennen, die wertvolle Gedanken haben, und sich Schritt für Schritt zum Ziel vorarbeiten. Menschen, die Unterstützung brauchen!

Freie Demokartische Schule Velbert

Wenn ihr euch für die Schulgründung interessiert und vielleicht sogar mitwirken wollt, könnt ihr euch an info@freieschulevelbert.de wenden.
Für die Zukunft unserer Kinder!

Ich freue mich jedenfalls sehr, mit dem Gründerteam der Freien Demokratischen Schule Velbert in Kontakt zu bleiben, und hoffe, euch zukünftig über den Fortschritt der Schulgründung berichten zu können.

Vielen Dank für das Gespräch und ganz viel Erfolg auf dem weiteren Weg! xX Fiona

Interview mit dem Gründerteam der Freien Demokratische Schule Velbert
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