Warum es so wertvoll ist, wenn Kinder trödeln! Mit Tipps zum (trotzdem) Vorwärtskommen

Warum es so wertvoll ist, wenn Kinder trödeln! Mit Tipps zum (trotzdem) Vorwärtskommen

Kinder trödeln. Kleine Kinder besonders, aber auch ältere, besonders gerne dann, wenn der Bus gleich kommt. Ihr kennt das. Steine aufsammeln. Blümchen pflücken. In die Luft gucken. Stifte kauen. Socken betrachten. Schmetterlingen nachgucken und x-mal über dieselbe Mauer balancieren. “[ ]Langsam sein, nicht zügig vorankommen, die Zeit verschwenden“, so definiert es der online Dudeneintrag (https://www.duden.de/rechtschreibung/troedeln). Und weiter: „sich langsam ohne festes Ziel irgendwohin bewegen, schlendern“. Ich mag trödeln ja, es bedeutet eine totale Entschleunigung.

Wenn Kinder trödeln: Einladung zu mehr Entschleunigung

So richtig gut weg, kommt Trödeln allerdings nicht; wird eher kritisch gesehen. Unsere Kinder sollen kommen, wir wollen ja an ein Ziel. Ist Trödeln also Zeitverschwendung?

Unsere Gesellschaft ist schnelllebig, gestresst, pünktlich, durchgetaktet. Doch Kinder wissen das zum Glück noch nicht. Die ganz kleinen, und die Größeren, solange wir sie lassen, leben sorglos in den Tag, und können gut und gerne Stunden an einem Fleck verweilen, und sich an den simpelsten wunderbarsten Dingen auf ihrem Weg erfreuen. Sie lassen sich Zeit. Nein, sie nehmen sich diese Zeit sorglos, weil sie ihnen noch so endlos lang und ewig vorkommt, und weil es so vieles Spannendes zu entdecken gibt.

Kinder im besten Trödelalter haben uns einige Trödelvorteile einfach voraus: Sie können oft noch nicht die Uhr lesen, haben kein Zeitgefühl, wie wir, keinen Weitblick. Und sie kommen viel einfacher in den Flow, der sie das Schnelllebige ausblenden lässt. Von Kindern können wir Entschleunigung (wieder) lernen. Wir sollten alle viel öfter trödeln, finde ich. Wir sollten uns umschauen, die kleinen Dinge sehen, langsamer werden. Trödeln ist nämlich vor allem auch Achtsamkeit mit sich selbst und der Umgebung.

Wenn Kinder trödeln ist das auch: Spielen. Und Spielen ist Lernen.

Deswegen sollten wir nicht hart sein und sie maßregeln, sie zum beeilen und kommen auffordern, wenn unsere Kinder wieder trödeln (und es eigentlich keinen Grund gibt!). Sie machen das eigentlich gut so.

Wie ich lernte, dass ich nicht kämpfen muss, wenn meine Kinder trödeln

Meine große Tochter macht es gar nicht mehr so viel, oder zumindest viel seltener in Situationen, in denen wir zügiger vorankommen wollen – meine kleine Tochter dagegen ist gerade in genau diesem trödligen Alter. Wie schon bei Nana sind auch bei Lili Buggy und Trage schon nicht mehr unsere Begleiter. Meine Kinder haben da jeweils eine einvernehmliche Aversion gegen ab Laufalter. Und bevor ich die leere Karre vor mich herschiebe, habe ich lieber beide Hände frei und eine nah am kleinen Kind.

Wir laufen also. Oft langsam. Immer mal wieder in die falsche Richtung. Und meistens bleiben wir nach ein paar Schritten wieder stehen. Lili ist ein zweites Kind, und in diesem Punkt ihrer Schwester ähnlich.

Ich kenne das. Ich plane Zeit ein, genug davon.

Ich erinnere mich an den Moment, als es bei meinem ersten Kind Klick gemacht hatte; als ich begriff, dass das Trödeln nichts ist, GEGEN das ich sein MUSS. Denn irgendwie glaubt man das als Neueltern, wie viele andere Dinge in Sachen Erziehung auch, weil ja alle anderen Eltern auch immerzu rufen „komm“ und „beeil dich“ und „jetzt trödel doch nicht so“. Oder „Wenn du jetzt nicht kommst, lasse ich dich hier“.

Muss Erziehung wirklich sein? Warum es total sinnvoll ist auf Erziehung zu verzichten. HIER LESEN

Wir wollten damals zum Spielplatz, und ich hatte schon mit dem rechten Fuß unruhig auf und ab gewippt, als Nana mal wieder, natürlich trödelte. Sie war noch keine zwei Jahre und konnte lange an einem Ort verweilen. Für SIE wollten wir doch zum Spielplatz, dass SIE spielen konnte, dachte ich angefressen, und dann bewegte SIE sich nicht vom Fleck, sondern sammelte selig Blätter vom Boden auf. Das „komm“ half nicht, das „jetzt trödel doch nicht so“ auch nicht. Und weil die Androhung, sie stehen zu lassen, schon damals für mich nicht in Frage kam, wartete ich also ab. Und dachte nach. Und ich fragte mich, WARUM ich eigentlich wollte, dass sie kam. Für mich war der Spielplatz das Ziel, aber meine Tochter war mit dem Laub gerade absolut glücklich. Sie war glücklich beim Trödeln. Es gab keinen Grund uns zu stressen.

Also setzte ich mich auf die Wiese, genoss die herbstliche Sonne und wartete einfach weiter. Nana bestimmte an diesem Nachmittag den Weg. Wir kamen übrigens tatsächlich am Spielplatz an, wo sie aber nur ein paar Mal rutschte und dann weiter stiefelte. Ich habe diesen Nachmittag als besonders schön in Erinnerung, und wir taten das noch oft: Losziehen zum Trödeln. Jetzt ist Lili an der Reihe, und so gut und oft es als zweites Kind eben geht, lasse ich sie trödeln, die Richtung vorgeben, Blümchen pflücken eben.

Ist Trödeln Zeitverschwendung? Ich glaube nicht. Ich glaube, es ist eine gute Art Zeit zu verbringen. Eine die glücklich macht, ja vielleicht der Grundstein, Selbstfürsorge von klein auf zu erlernen. Denn oft fehlt es uns für Selbstfürsorge ja an Zeit, weil wir uns sie nicht nehmen (wollen); weil wir glauben, die Zeit ist zu wertvoll, um sie ins Wolkengucken, trödeln, oder auch uns etwas bewusst gutes tun, zu investieren.

Den Weg zum Ziel nehmen. Geht doch einfach raus zum Trödeln, statt zum Spielplatz! Stiefelt los (idealerweise in einer sicheren Zone, verkehrsberuhigt, Wiese, Wald etc), macht Pausen, schaut euch um, stochert mit Stöcken in der Erde und entdeckt Käfer und schöne Steine. Zu langweilig? Gesammelte Schätze lassen sich ganz großartig zu Naturmandalas/-Bildern legen. Nehmt ein paar Spielzeugautos, eine kleine Schaufel oder Püppchen mit, und euch selbst noch ein Buch, euer Handy oder ein Hörbuch. Mit älteren Kindern könnt ihr statt „nur“ zum Trödeln, auch zum Mönkeln oder Geocachen losziehen und kleine verbindende Abenteuer erleben.


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So negativ Trödeln oft abgetan wird, als Unart fast, so wertvoll ist es doch eigentlich: Es entspannt und verbindet. Statt euer Kind davon zu überzeugen, weiterzugehen (Kampf!), kann es wundervoll verbindend sein, euch einfach zusammen hinzuhocken und einen kleinen Blumenstrauß zu pflücken. Und wenn euer Kind eh mit Steinchen umdrehen selig beschäftigt ist, dürft ihr ohne schlechtes Gewissen am Handy eure Instagram Timeline checken. Win- Win. Die wichtigste Frage vorm „jetzt komm schon“ sollte also immer sein: Gibt es ein ZIEL, das NOTWENDIG zu erreichen ist? Haben wir die ZEIT ÜBRIG?

Und wenn doch keine Zeit zum Trödeln übrig ist? Den Alltag mit trödligen Kindern meistern

Natürlich Leider können wir nicht immer trödeln, denn so funktioniert unser durchstrukturierter Alltag nicht. Oft haben wir doch ein klares Ziel, und wenn es um Verpflichtungen, Termine, Busfahrpläne, Verabredungen oder den geliebt-verhassten Rückweg nach Hause geht, wollen wir ans Ziel kommen.

Wie, wenn nicht schimpfend? Mit Klarheit. Mit Verbindung. Und mit so viel Trödeln wie möglich, wann möglich.

Mit mehreren Kindern, das möchte ich hier dazwischen schieben, wird es tricky. Wenn das kleinste Kind zB. trödelt (und die Zeit da wäre), aber das andere Kind weitergehen möchte, zum Spielplatz, zum Playdate usw. Bald werde ich mit Lili Nana von der Schule abholen müssen, da wird lang Trödeln semioptimal; nach der Schule will Nana vermutlich fix nach Hause. Dann müssen wir abwägen: Welches Bedürfnis überwiegt? Kann ich die Bedürfnisse unden? Wenn das eine Kind trödeln will, und das andere hunger hat, hilft vielleicht ein Snack aus. Wenn ein Kind auf dem Spielplatz verabredet ist, wollen wir dort vielleicht auf direktem Weg hin, aber können dort ganz verbunden mit dem anderen Kind trödeln?

Geschwister Kinder Trödeln

Meine Kinder haben einen relativ großen Altersabstand, der uns gut zuspielt. Ich kann mit Nana schon ziemlich cool darüber sprechen, warum ich Lili noch ein paar mehr Steinchen umdrehen lassen mag, bevor wir weitergehen. Sie lässt sich vom trödeln auch (noch) anstecken. Und sonst: geht sie einfach alleine vor. Ich muss nicht eine Hand an je einem Kind haben. Bei Kindern mit kleinem Abstand würde ich wohl nach dem größeren Leid entscheiden. Lasst doch mal eure Erfahrungen in den Kommentaren da, um Eltern zu helfen: Wie arrangiert ihr euch mit mehreren kleinen(!) Kindern, wenn eines trödelt?

Wenn Trödeln keine Option ist, ist Drohen TROTZDEM keine.

So kommst du ans Ziel! Übergänge gestalten, spielerisch vorwärtskomme

1) plane MEHR Zeit ein. Nicht fünf Minuten, sondern genügend MEHR Zeit, um möglichst ohne Zeitdruck los und weiter zu kommen. Wie viel, das hängt nur von deinem Kind und dir ab- Ich persönlich vertrödle ja lieber 15Minuten an der Bushaltestelle, falls wir dann doch schneller sind, als in Stress zu geraten. Stress ist nämlich ein totaler Verbindungskiller.

2) gestalte einen sanften Übergang. Viele Kinder haben Schwierigkeiten mit harten Übergängen. Mit Spielen oder Steine aufsammeln, PLÖTZLICH aufhören und los- das ist heftig. Schließlich leben kleine Kinder noch total im JETZT. Denke daran, wenn es wiedermal schwierig wird. Vielleicht hilft es deinem Kind also, etwas von dem, an dem es sich gerade vertrödelt in den Übergang mitzunehmen. Ich lasse mein Kind zB den schönsten Stein aussuchen und mitnehmen. Den zeigen wir dann Papa zuhause oder schmücken damit die Sandburg etc.

3) Wenn möglich lauft Wege, die am Wegrand spannendes zum Weiterkommen bieten: Kleine Umwege zu laufen mit Mauern zum Balancieren, Steinen zum Runterhopsen oder auch Nussbäumen im Herbst, die auf dem Weg eingesammelt werden können, hat sich hier oft bewährt. Vorwärts trödeln quasi mit spaßigen Anreizen. Besonders bei Strecken, die ihr regelmäßig lauft, ergibt es vielleicht Sinn nach solchen Trödelstationen bewusster zu schauen. Aber trödeln sie dann nicht noch mehr? Wie immer muss ganz individuell abgewogen werden, was euch wirklich hilft – ich komme mit meinen Kindern eher vorwärts, wenn zwei Straßen weiter die coole Balanciermauer wartet- als ohne. Bei Regenwetter ist hier auch das Suchen nach der nächsten Pfütze beliebt, und hat uns schon oft den Weg zum Bus erleichtert.

4) Gestaltet den Weg spielerisch. Fangen, Verstecken am Wegrand entlang (immer vorwärts natürlich), Wettlaufen (Achtung bei befahrenen Straßen!). Meine große Tochter mochte es früher total gerne, als sie gerade Zählen lernte, wenn ich anzählte. Immer bei einer ausgemachten Zahl, lief sie ein Stück weiter. Ihr könnt auch auf dem Weg Ausschau halten nach der nächsten Blume, dem nächsten roten Auto oder anderen spannenden Dingen.

5) Manche Kinder trödeln zu Fuß, aber sind fix und gerne mit fahrbaren Untersätzen unterwegs. Beim großen Kind war der Roller DER Gamechanger für längere Strecken.

6) Trödelt, so oft es geht! Und lasst euch darauf ein, mitzutrödeln. Macht Trödeln zur verbindendem Miteinander. Es klingt vielleicht paradox, aber ich persönlich halte es ja mit dem Grundsatz, dass ihre Kooperation die Antwort auf unsere Kooperationsbereitschaft ist. Wenn sie nie dürfen (WIR also nicht kooperieren), werden sie immer danach verlangen. Wenn Kinder trödeln dürfen, wir kooperieren, werden auch sie eher kooperieren, wenn es mal nicht geht.

Und wenn nichts hilft? Kinder sind verschieden. Der bindungsorientierteste Ansatz hilft nicht, wenn er eben nicht hilft. Wenn es gar nicht anders geht, dh. wir wirklich den (letzten?) Bus nicht verpassen dürfen, zu einem Termin müssen, oder ich dringend nach Hause will, kommuniziere ich das möglichst unaufgeregt, aber klar. Gehe in die Hocke zu meinem Kind. Oft hilft es uns, zuerst aufzugreifen, was sie tut. „Du hast ja ganz viele schöne Gänseblümchen gepflückt. Welche magst du denn am liebsten? .. Wir wollen jetzt wirklich weiter, spatz. Wir verpassen den Bus. Ich nehme dich jetzt hoch und trage dich.“

Nicht immer findet sie das gut. Das wäre eine Lüge.

Ich trage mein kleines Kind dann auch schonmal weinend zur Bushaltestelle oder nach Hause. Ist das gemein? Ja. Ist das notwendig? Manchmal. Alles andere ist unehrlich. Und dann mache ich mir bewusst, dass es okay ist, klar zu sein. Und, dass Hochnehmen und fest im Arm halten, tröstende Worte sagen und mich entschuldigen, zwar eine Machtausübung ist, aber immer noch das gerade zugewandteste, was ich tun kann

Und, dass wir morgen wieder Zeit zum Trödeln haben werden.

|Fiona

Dieser Beitrag ist in Anlehnung an einen älteren Blogbeitrag entstanden.

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Fiona Lewald ist Mutter von zwei Töchtern. Auf Unverbogen Kind Sein schreibt sie seit 2017 über  die Chancen eines Bindungsorientierten Familienlebens und den Versuch, Erziehung zu überwinden.
 

„Ich schreibe für ein Familienleben, in dem Miteinander mehr zählt als Gehorsam, und die Bedürfnisse  jedes Einzelnen wichtig sind. So helfen wir unseren Kindern heute, ihren Platz als Erwachsene zu finden, SO WIE SIE SIND – Statt sie zu verbiegen.“

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