Müssen wir Kindern Grenzen setzen? Respekt und Rücksicht vermitteln ohne Erziehung

Müsse wir Kindern Grenzen setzen? Respekt und Rücksicht vermitteln ohne Erziehung

Brauchen Kinder Grenzen? Grenzen sind Trennlinien zwischen Räumen, aber auch zwischen Menschen, ihren (individuellen) Vorstellungen von richtig und falsch und ebenso individuellen Empfindungen. Eine Grenze zu übertreten, bedeutet einen unzulässigen Übergriff in die Freiheit, das Recht oder das Wohlbefinden des anderen. Die Frage ist überhaupt nicht, OB Kinder solche persönlichen Grenzen wahrnehmen und respektieren lernen sollten, denn das sollte tatsächlich JEDER Mensch tun, spätestens ab dem Zeitpunkt, wenn er heranwächst und einen umsichtigen Blick für andere entwickelt (hat). Die Frage ist: WIE helfen wir unseren kleinen Kindern dabei, Grenzen zu erkennen und lösungsorientiert statt egoistisch mit ihnen umzugehen? WIE vermittele ich als Mutter meiner Tochter also Respekt und Rücksichtnahme ohne Erziehung? Muss ich meinem Kind Grenzen setzen, damit es lernt Rücksicht auf solche zu nehmen?

In Foren und Social Media wird regelmäßig angezweifelt, dass Grenzen wahrzunehmen und auf diese zu reagieren, ohne Erziehung bei Kindern überhaupt ankommt. Es ist wohl eines der massivsten Argumente, dass das erziehungsfreie Kind egoistisch, tyrannisch, ja respektlos sein MÜSSE. Eben keine Grenzen kennt, da es keine kennenlerne.

Das ist natürlich Unsinn.

Wer bei mir mitliest, solle Wissen, dass ich sogar sehr großen Wert auf Rücksicht lege.

Über die Freiheit des Einzelnen und die Existenz von Grenzen

Ich glaube ja nicht, dass ein Grundwert wie Rücksichtnahme überhaupt aktiv ERLERNT werden kann. Ist es nicht irgendwie schwierig, Rücksicht zu erklären? Ich nehme mich zurück für den anderen, für seine Freiheit und sein Wohlergehen, ohne selber einen Vorteil davon zu haben. Oder Respekt: Die Anerkennung des anderen durch eigene Zurückhaltung, auch wenn ich diesen anderen womöglich nicht einmal flüchtig kenne. Wie sollen wir das einem Kleinkind begreiflich machen, das sich in andere noch nicht versetzen kann? Es sind Werte, die GELEBT, erfahren und gefühlt werden. Oder eben nicht, und dann läuft da durchaus etwas verkehrt, aber nicht das Fehlen von Erziehung, sondern das Fehlen von Vorbildern.

Fast immer heißt es, wenn ein Kind unangemessen handelt (und das tun Kinder nun mal hin und wieder): Du musst deinem Kind Grenzen setzen. Aber was heißt das? Grenzen im sozialen Zusammenleben sind da. Sie sind existent, wann immer Menschen oder auch Mensch und Tier oder Umwelt (!) oder sogar der Mensch und seine SOZIALISIERTE – GERECHTE INNERE STIMME zusammentreffen. Also quasi immer.

Achtsamkeit mit der Natur
Rücksichtnahme beginnt schon im Umgang mit der Natur. Es gibt so viele Möglichkeiten, Kindern Werte zu vermitteln.

„Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“ (Kant).

Worauf ich hinaus will: Grenzen müssen überhaupt nicht gesetzt werden. Grenzen sind da. Die Aufforderung an Eltern, ihren Kindern Grenzen zu setzen, ist also absurd. Was Eltern tun sollten: Situationen begleiten. Ihren Kindern helfen, Grenzen wahrzunehmen, für die sie noch nicht feinfühlig genug sind, in Konfliktsituationen Lösungen finden, kommunizieren und natürlich Rücksicht vorleben. Natürlich sage ich meinem Kind zB., dass es nicht okay ist, Sand auf Kinder zu werfen – Aber wenn sie und ihr bester Freund, Spaß daran haben, sich mit Sand zu bewerfen und eben KEINE Grenze dabei tangiert wird, ist das eben auch okay. Eine künstlich gesetzte Grenze, etwa generell keinen Sand werfen zu dürfen, auch wenn alle Beteiligten einverstanden sind, und womöglich mit Gewalt DURCHzusetzen, ist nichts anderes als eine erzieherische Machtdemonstration und bringt einem Kind nicht Respekt und Rücksicht bei, sondern Gehorsam und die Gewissheit, dass der Starke über den Schwachen bestimmen kann.

Statt Grenzen setzen: Kindern Orientierung geben und Vorbild sein

Kinder brauchen Orientierung. Punkt.

Kinder brauchen NATÜRLICH unsere Hilfe mit (sozialen) Situationen umzugehen. Sie brauchen Unterstützung dabei, ihre Wut und ihren Frust zu kontrollieren, bis sie in der Lage sind, Emotionen selbst zu regulieren. Sie brauchen Hilfe für eine angemessene Kontaktaufnahme, Hilfe Konflikte zu lösen, zu streiten und sich zu verteidigen, ohne das nächstgelegene Spielzeug dem anderen vor den Kopf zu werfen. Und sie wissen auch nicht, dass es nicht selbstverständlich ist, beim Bäcker einen Lolli zugesteckt zu bekommen, und wir uns dafür bedanken sollten.

Sie sind klein. Sie lernen noch.

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Aber keine künstlich gesetzte Grenze hilft unseren Kindern dabei. Was ihnen hilft, sind A) die Begleitung in Situationen, in denen sie sich noch nicht zurechtfinden, und B) Vorbilder. Kinder brauchen Eltern, die selber Grenzen respektieren, die mit ihren Kindern über Konfliktsituationen auf Augenhöhe reden, und die gleichzeitig das Verhalten und die Bedürfnisse des Kindes sehen, das vielleicht gerade nicht superkorrekt gehandelt hat. Ein Kind, das sich wahrgenommen und verstanden fühlt, ist eher bereit, zuzuhören.

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Unsere Kinder tun in erster Linie, aber was wir tun, nicht was wir ihnen erzählen. In der Literatur sagt man „show, don’t tell“, und das gilt auch für Kinder in vieler Hinsicht. Sie spiegeln uns.

In UNSEREM Sozialleben zeigen wir Ihnen den Umgang mit Menschen, Umwelt und Grenzen. Jeden Tag. In unserer Partnerschaft. Im Einkaufsladen, in der UBahn, oder auf dem Spielplatz. Ich habe einmal eine Mutter erlebt, die ernsthaft anfing, mit mir zu diskutieren, dass mein Kind mit ihrem Kind teilen müsste, als ich ihr Kind bat, die aus der Hand meiner Tochter gemopste Schaufel wiederzugeben. Die Kinder hatten überhaupt nicht miteinander gespielt, die Mutter bis zu diesem Zeitpunkt nicht reagiert, und meine Tochter wollte ihre Schaufel. Ich kam nicht dazu, Vorschläge zu machen. Die Mutter schob die Sandsachen ihres Kindes Nana zu, sie solle halt damit spielen. Das andere Kind protestierte prompt, ließ Nanas Schaufel fallen und sammelte seine Sachen ein. „Du teilst, sonst gehen wir nach Hause. Hast du mich verstanden?“, drohte die Mutter: „Und die Schaufel gib dem Mädchen halt jetzt wieder, sind genug andere Sachen da!“ Er schrie wütend, und ich konnte nachvollziehen, warum es ihm schwierig fiel, Nanas Grenze zu akzeptieren, wo er doch über seinen Besitz nicht selbst bestimmen konnte, und „ungefragt nehmen“ VORGELEBT bekam. — Auch und vor allem im alltäglichen Umgang mit unseren eigenen Kindern, mit IHREN eigenen Grenzen, geben wir mit, was sie selber einmal im Sozialleben umsetzen werden. Wir können unmöglich vom Kind erwarten, Rücksicht zu nehmen, wenn wir versäumen, Rücksicht aufs Kind zu nehmen!

Bevor sich jemand angegriffen fühlt: Das ist natürlich nur ein Beispiel.

Ich weiß, dass nicht alle Eltern gleich sind. Nicht alle erziehende Eltern. Und auch nicht alle Unerzogenen. Natürlich gibt es erziehende Eltern, die Rücksicht vorleben; nicht wie im Beispiel. Und es gibt nicht-erziehende Eltern, die das mit der Rücksichtnahme nicht auf die Reihe bekommen. Ist so.

Selbstbestimmung Barfußlaufen
Selbstbestimmung: Die Entscheidungen des Kindes respektieren, zum Beispiel Barfußlaufen

Wie du mir, so ich dir: Die Grenzen unserer Kinder achten!

Worum es mir geht, ist der Umgang mit meinem Kind, in dem Moment, in dem sie droht eine Grenze zu übertreten (oder es schon getan hat). ICH will nicht erzieherisch reagieren, weil es sich einfach nicht lohnt. Ich bleibe zugewandt. Ich reagiere, indem wir darüber sprechen, was okay ist, und was nicht und warum. Gar nicht viel anders, als andere Eltern – Nur dass wir eben auf Schimpfen/Strafen/Drohungen verzichten.

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Wie gut das gelingt, steht und fällt, finde ich, vor allem damit, was ich meinem Kind vorlebe, UND wie ich damit umgehe, wenn mein Kind Hilfe braucht, IHRE Grenze zu wahren. Vor anderen. Oder vor mir.

Ich will nicht, am Kind ziehen, ich will bei MIR anfangen. Ich könnte mein Kind nämlich nach Pädagogiklexikon erziehen, Grenzen setzen und belehren, zu welchem Preis auch immer; wenn ich selber Grenzen nicht respektieren kann, wird mein Kind das auch nicht.

Und umgekehrt: Ich brauche nicht erziehen, um Rücksicht zu vermitteln.

Warum hält Erziehung und die Idee, Grenzen setzen zu müssen, sich so hartnäckig? Ich kann einfach nicht verstehen, warum Eltern glauben, dass es effektiv ist (drohende) Grenzübertritte durch Schimpfen und Bestrafung weg zu erziehen, also Gehorsam zu erzwingen und Verhaltensweisen schlichtweg zu konditionieren, anstatt grundlegende Werte überhaupt SELBER ZU LEBEN. Es ist essentiell, Kinder erfahren zu lassen, was Rücksicht ist, indem sie erleben, dass Rücksicht auf sie genommen wird. Ich kann nicht verstehen, warum es häufig verurteilt wird, die Grenzen der Kinder zu respektieren. Sie nicht zu erziehen, sondern ihre Integrität zu beschützen. Das Nein meines Kindes zu hören. Als Mutter eben NICHT aus Prinzip, weil ich mehr Macht habe, zu tun, was mein Kind eindeutig nicht will, sondern Lösungen zu finden (und ich meine nicht akut gefährliche Situationen, in denen SOFORT eingegriffen werden muss!).

Erste Freundschaften
Auch durch ihre ersten Freundschaften erfahren Kinder, wie Miteinander funktioniert

Ich sehe deine Grenzen und es ist mir wichtig, dass du meine Grenzen (und Grenzen anderer) siehst. Dabei helfe ich dir, solange du das alleine noch nicht schaffst, und zeige dir, wie du Konflikte lösen kannst.

Statt Grenzen setzen: Grenzen kommunizieren und Konfliktsituationen begleiten

Wie eng ich mein Kind in Konfliktsituationen begleite, kommt auf ihr Alter, ihre Kompetenzen und die Situation an. Vor Kurzem waren wir im Garten bei Freunden. Nana kam auf die Idee, lange Äste über ein Geländer zu werfen. Das war nicht okay für unsere Freunde, also sagte ich ihr, dass sie das lassen soll. Ich erklärte ihr, dass wir in unserem Garten über solche Aktionen sprechen können, aber es dort nicht in Ordnung war. Nach etwas hin und her, ließ sie es. Ohne dass ich etwa Drohen musste. Ich habe ihr den Ast nicht abgenommen, habe ihr den Spielraum gelassen, zu entscheiden, weil niemand zu Schaden gekommen wäre und ich einschätzen konnte, dass unsere Freunde diese Grenze nicht zu stark tangierte. Im Zweifel hätte ich den Ast wiedergeholt und Nana nochmal erklärt, dass das keine gute Idee war. Eingegriffen hätte ich, hätte sie angefangen exzessiv Ast für Ast über das Geländer werfen zu wollen. Sofort eingegriffen hätte ich natürlich, hätte sie den Ast ihrem Kumpel überziehen wollen. Klar, oder?

Ich MUSS keine Grenzen setzen. Ich nehme Grenzen wahr und kommuniziere sie und wäge ab. Ich MUSS keinen unhinterfragten Gehorsam von meinem Kind fordern, damit sie daraus – absurderweise – lernt, sozial verträglich zu werden und gerade NICHT egoistisch ihre eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Klingt es nicht absolut unsinnig, meinem Kind beibringen zu wollen, ein Nein von mir zu respektieren, indem ich ihres übergehe?

Was ich stattdessen WILL: Über Grenzen, übers Miteinander und über Konflikte kommunizieren. Lösungen finden. Verstehen. Vermitteln. Da sein. Helfen. Alternativen zeigen. Ich glaube, ich wiederhole das in fast jedem Beitrag. Und trotzdem lese und höre ich immer wieder, diese Unerzogenen, würden zusehen, während die Kinder machen, was sie wollen. Aber so ist das nicht. Das ist nicht die Idee von Erziehungsfreiheit. Das ist maximal die falsche Umsetzung von Eltern, die ihre Kinder Vernachlässigen und das dann UNERZOGEN nennen, weil’s schick klingt; und in Wirklichkeit vielleicht dann sogar umso mehr schimpfen, wenn die Grenze doch zu weit überschritten worden ist. Weil geht ja nicht anders. Aha.

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Ich lasse meine Tochter nach Möglichkeit überhaupt gar nicht erst Grenzen überschreiten, und schon gar nicht unkommentiert. Jedenfalls nicht mehr oder weniger, als das auch erziehenden Eltern passiert, die ihre Augen und Ohren nicht überall haben können, oder sich eben auch mal einfach denken „Was soll‘s?“.

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Ich setze keine Grenzen, aber ich schaue, wo Grenzen sind, und wie wir damit am besten umgehen. Ich schütze meine eigenen Grenzen. Und ich respektiere die Grenzen meiner Tochter. Das ist nicht immer einfach, und zeigt mir umso deutlicher, wie schwierig das für sie sein muss. Mal im Ernst: Erwachsene scheitern regelmäßig und reihenweise daran Grenzen zu respektieren, aber Kinder sollen das schaffen?

Natürlich passiert es auch mal, dass meine Tochter sich ungerecht behandelt fühlt oder wütend auf mich ist. Im Moment bin ich täglich mindestens einmal die „blöde Mama“. Wir leben erziehungsfrei, wir liegen uns nicht permanent harmonisch in den Armen. Wichtig ist immer, WIE wir Konflikte kommunizieren, nicht etwa OB wir es tun. Denn nein verdammt, mein Kind kann nicht alles tun, was sie will. So läuft das nicht.

Aber ich als Mutter kann das eben auch nicht.

Ich lebe meiner Tochter vor, mit Grenzen achtsam umzugehen, Rücksicht und Respekt entgegenzubringen. Und ich fange damit an, IHRE Grenzen zu achten. Erziehungsfrei. Weil Erziehung Grenzen übertritt.

Und weil es anders geht.

„Das ist nicht in Ordnung. Ich sehe, was du tun möchtest, aber das geht so gerade für mich nicht. Was wünscht du dir? Was können wir tun?“ Xx Fiona

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