Kindergartenfrei im Alltag

Kindergartenfrei im Alltag

Wie funktioniert Kindergartenfrei im Alltag? Was tun wir den ganzen Tag?Und bleibt uns Zeit OHNE einander? Oft schwingen darin Befürchtungen mit, etwa, dass wir unserem Kind ohne Kindergarten nicht genug Kontakte, Freizeitangebote oder Förderung bieten können, oder ein geregelter Tagesablauf fehlt. Andere glauben, wer sein Kind nicht in den Kindergarten schickt, könne nicht loslassen. 24/7 zuhause, kann das gut sein?

Vor einer Weile habe ich euch von unseren Gründen gegen Kindergartenbetreuung erzählt, und diverse Vorurteile habe ich HIER für euch unter die Lupe genommen.

Heute nehme ich euch einmal mit durch unseren Alltag.

(Kein) Geregelter Tagesablauf ohne Kindergarten?

Kindergartenfrei im Alltag sind wir natürlich freier in unserer Tagesgestaltung als Familien, in denen etwa beide Eltern berufstätig sind, und das Kind in den Kindergarten (oder schon in die Schule) geht. Es ist aber nicht so, dass meine Tochter keine Strukturen und geregelte Abläufe kennenlernt. Je älter mein Kind wird, desto mehr merke ich, dass sie Abläufe mitbestimmen will. Was als Nächstes passiert, ist für sie zB. ein großes Thema. Im Alltag etablieren sich so automatisch Rhythmen, Rituale, Routinen. Mit Rhythmen fühlen sich die meisten Menschen wohl. Wichtig finde ich für uns, dass Rhythmen nicht starr und ungemütlich sind, sondern Spielraum für Veränderungen lassen, wenn sie nicht mehr passen.

Im Alltag haben wir, genau wie Familien, deren Kinder in Betreuung gehen, eingespielte Eckpfeiler, an denen mein Kind sich im Tagesverlauf orientiert.

So hat sich etwa die Zeit für Haushaltsaufgaben ziemlich fest am Vormittag etabliert- Nana hilft mir dabei in der Regel. Gemeinsam putzen. Gemeinsam kochen. Viele Dinge im Alltag regeln wir gemeinsam, schon von klein auf.

Hat sie keine Lust, zu helfen, spielt sie oder schaut ein bisschen Fernsehen.

Protipp: Aufladen. Wenn meine Tochter „an mir hängt“, hilft es in der Regeln eine intensive Spielzeit einzubauen (anstatt sie zu bitten, mich machen zu lassen). Ist ihr Aufmerksamkeitstank aufgeladen, kann ich in der Regel meinen Aufgaben nachgehen.

Ist das Bedürfnis meiner Tochter nach Nähe gleich am Morgen erstmal gestillt, ist sie eher bereit sich auch mal etwas alleine zu beschäftigen.

Den Hauptteil unseres Tags gestalten wir flexibel, gehen raus, bleiben je nach Wetter auch drin. Spielen. Basteln. Sammeln Steine oder machen Gartenarbeit. Am liebsten ist Nana derzeit auf Spielplätzen, in der Kleingartenanlage, am Ententeich und im Wald, der fußläufig von uns erreichbar ist. Was wir machen, besprechen wir immer gemeinsam.

Einmal beobachtete Nana die Kinder bei uns ums Eck im Kindergarten und fragte, warum sie „immer“ dort eingesperrt sind. Ich erklärte es ihr und fragte, ob sie auch mal in den Kindergarten möchte. Nana verneinte. „Ich will ja gar nicht immer da hinter dem Zaun sein, sondern jeden Tag woanders“

Diese kleine Anekdote zeigte mir sehr schön, wie N ihr Kindergartenfrei im Alltag wohl wahrnimmt. Wir sind nicht an EINEN Ort gebunden, sondern können, wann wir wollen, woanders hingehen.

Selten alleine: Auch kindergartenfreie Kinder haben Freunde

Eine der größten Sorgen sind und bleiben die Sozialkontakte. Klar – eine tägliche Spielgruppe kann ich Nana nicht bieten. Das wollen wir aber auch gar nicht. Für mein hochsensibeles Kind wäre das auch unglaublich anstrengend. Noch vor einem halben Jahr hat meine Tochter am liebsten überhaupt keine vielen anderen Kinder um sich gehabt, dann fing sie langsam von sich aus an, erste zarte Kontakte zu knüpfen.

Nana hat Freunde, die sie regelmäßig trifft. Im vergangenen Jahr haben wir uns wöchentlich mit einer kleinen Gruppe kindergartenfreier Familien aus der Umgebung getroffen. Das hat sich über den Winter nun leider etwas verlaufen, aber wir hoffen natürlich auf eine baldige Reunion im Frühjahr.

Im Alltag ist Nana unter Kindern und Erwachsenen gleichermaßen.

SIE ist ausgelastet und glücklich, was natürlich nicht heißt, dass es keine Kinder gibt, die MEHR brauchen, die vielleicht noch einen Verein besuchen, oder denen ein Kindergarten sogar guttut. Für uns passt es, so wie es ist.

Kindergartenfrei im Alltag: Was tun mit der vielen FREIEN Zeit? Vom Spielen, Trödeln und freien Lernen

Kann ich meinem selbstbetreuten Kind ein Tagesprogramm bieten, dass ihr gerecht wird? Braucht es ein Programm?

Ich bin keine von diesen Eltern, die ihr Kind von Aktivität zu Aktivität schleppen. Nana binde ich vor allem in einen ganz normalen Alltag ein. Ansonsten richte ich mich nach ihren Interessen: Wir haben Material da zum Buchstaben und Zahlen lernen, weil sie das grad mag; wir basteln viel und gehen raus in den Wald. Da sprechen wir über Bäume, und bohren Kastanien auf. Die gängigsten Kinderlieder kann sie auch ohne Kindergarten schon alle auswendig. Eine Zeit lang fand Nana Verkehrsschilder spannend, also habe ich ihr im Vorbeigehen jedes Verkehrsschild erklärt, das wir sahen. Im Garten lernt sie wie Pflanzen wachsen, und welches Gemüse wir wann ernten. Fasziniert fragte Nana mich vor kurzem, wie Magnete funktionieren, als redeten wir über Magnetismus in der Kinderversion. Und wie Autos gebaut werden, haben wir uns im Internet auch schonmal angeschaut. Wir lesen Bücher, bauen mit Lego, spielen Verstecken, und unser Pallettenbett eignet sich ideal zum Turnen. Den Hampelmann übt sie grad fleißig, und der Opa zeigt ihr Yoga.

Bei uns gilt: Es gibt nichts, was du nicht lernen kannst. Ich zeige und erkläre ihr alles. Was sie jetzt nicht versteht, versteht sie eben ein anderes mal.

Was wir machen, nennt sich freies Lernen.

Wir geben unserem Kind nicht vor, was es wann lernen MUSS, sondern greifen IHRE Interessen auf und geben ihr dazu Impulse. Ich liebe diese Art zu Lernen und mein Kind darin, aufgehen zu sehen. Ein bisschen muss man da als Eltern eventuell auch Bock drauf haben, zugegeben.

Ich könnte mir ein schulfreies Leben sehr gut für uns vorstellen.

Ich glaube nicht, dass meine Tochter das Gefühl hat, dass ihr etwas fehlt. Sie kann frei spielen, wenn sie frei spielen will. Experimentieren und angeleitet Lernen, wenn sie das will. Wisst ihr? Kindergartenfrei im Alltag ist vor allem eins: unkompliziert. Und individuell. Wir gestalten jeden Tag, wie er kommt. Zusammen. Vermutlich muss MaPa auch dafür gemacht sein. ICH kann mir nicht vorstellen lieber einem Brotjob nachgehen zu wollen, ein*e andere*r MaPa würde meinen Job nicht machen wollen. Impulsgeber*in und Lernbegleiter*in, Spielkamerad*in, und Rollenspielpartner*in zu sein, muss man vermutlich auch wollen.

Ich mache das gerne. Ich wollte das ja immer so haben.

24/7 ist das bei uns aber auch gar nicht die Realität.

Zeit ohneeinander auch kindergartenfrei – Wertvoll für Eltern und Kind

Obwohl meine Tochter kindergartenfrei aufwächst, bin ich gar kein großer Verfechter davon jede Minute aufeinanderzuhängen. Vor allem wer mir bei Twitter oder Instagram folgt, weiß: Meine Tochter ist regelmäßig bei ihren Großeltern. Auch über Nacht. Auch mehrere Tage am Stück. Familienclan Papa Julien schnappt sich auch alleine die Kinder, samt meiner Motte, und geht mit ihnen raus. Und dann sehe und höre ich von Nana die nächsten Stunden erstmal gar nichts. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass sie bei ihren Freunden übernachtet. Jedenfalls müsste ich keine Minute drüber nachdenken, würde sie den Wunsch äußern.

Wer will schon immer Mama am Rockzipfel hängen haben?

Kindergartenfrei im Alltag Einblicke in den Tagesablauf einer kindergartenfreien Familie

Ich glaube, für ein kindergartenfreies Kind hat Nana sogar tatsächlich sehr viel Freiraum. Und ich habe auch ziemlich viel Zeit für mich.

Ich schätze die kindfreie Zeit, die wir regelmäßig haben, total. Ich tanke Kraft für die Tage, an denen ich 24h funktionieren muss. Die freie Zeit für mich finde ich einen wichtigen Ausgleich zum kindergartenfreien Alltag.

Kindergartenfrei im Alltag ist bunt und bereichernd.

Wir, oder vor allem unsere Tochter, können uns den ganzen Tag mit dem beschäftigen, was wir und sie für gut befinden, können lassen, was wir nicht mögen, neue Rituale einführen oder wieder lassen, und uns hautsächlich mit den Leuten umgeben, die uns guttun. Ich selber bin nicht im Kindergarten gewesen und habe nie das Gefühl gehabt, bis heute nicht, etwas verpasst zu haben. Ich hoffe, nein, ich bin mir im Grunde sicher, mein Kind wird auf eine glückliche Kindheit schauen können.

Erzählt mir in den Kommentaren doch ein wenig aus eurem Alltag. Lebt ihr mit oder ohne Kindergartenbetreuung?

| Fiona

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9 Comments

  1. Liebe Franzi, wundervoll ich bin genau zum richtigen Zeitpunkt auf dich gestoßen. Unsere Tochter fast 4 Jahre geht auch nicht in den Kindergarten. Es fühlt sich so richtig an. Magst du mir noch erzählen und näher darauf eingehen welches Material du für Nana hast zum Zahlen und Buchstaben lernen. Meine kleine kann schon viel davon, würde mir aber gerne noch was von dir anschauen…. Liebe Grüße, Stefie

    • Hallo, schau doch gerne mal hier auf dem Blog in diesen https://unverbogenkindsein.de/2019/05/25/zahlen-lernen-im-alltag/ (Zahlen lernen) und diesen https://unverbogenkindsein.de/2019/02/05/buchstaben-lernen-mit-lernkarten/ (Buchstaben Lernen (Werbung)) Beitrag. Ansonsten nutzt meine große gerne den Lük Kasten. Ein Büchereiausweis ist auch immer prima. Bücher zum Zählen lernen/mit Zahlenfolgen gibt es viele tolle- Meine Tochter mag Rätselhefte, so Vorschulblöcke etc. Solche haben und hatten wir immer da. Holzpuzzle mit Zahlen und Buchstaben hatten wir auch, die sie gerne genutzt hat. generell gilt aber bis heute: Sie fragt immer viel, und ich antworte. Vor allem haben wir bei Interesse immer eingebunden was ging. Stift und Papier ist immer zu Hand, Kreide alternativ draußen, mit Knete lassen sich toll Buchstaben formen. Ich habe ihr immer Zahlen, Buchstaben aufgeschrieben, wenn sie das wollte. manchmal war der ganze Gehweg vorm Haus mit Wörtern voll geschrieben, weil mein Kind mit diktierte. vom Kind anleiten lassen. Viel lernt sich auch einfach im Alltag aus eigener Motivation. Zahlen im höheren Bereich und Rechnen Skills hat meine Große zuletzt durch Ninjago Karten (Karten einsortieren und Zahlenwerte zusammenrechnen und größer/kleiner Vergleichen im Spiel) schnell drauf gehabt, Lesen hat sie mittlerweile vor Schulbeginn gelernt, ohne viel Zutun, weil sie ihrer Schwester Babybücher vorlesen wollte. Liebe Grüße, Fiona 😉 🙂

  2. Liebe Fiona, ich habe gerade Deinen spannenden Blog gefunden. Meine Tochter ist ganz ähnlich wie Du Deine Nana beschreibst 🙂 Meine Tochter ist gerade 3 geworden und ich hadere gerade ob Kiga ab Sep oder nicht.. Mein Sohn geht auf eine Montessori Schule und war vorher im Wald Kiga (1 Jahr). Meine Sorge ist, ob ich andere Kinder für meine Kleine „finde“, da doch die meisten morgens in einer Kita o.ä. sind und unsere bisherigen Gruppen (Singen, Turnen) für Kinder bis 3 J. sind… Wie löst Du das denn? Viele Grüße! Sarah

    • Hallo 🙂 häufig ergeben sich Kontakte von alleine. Oder es gibt zB kindergartenfrei Gruppen in den sozialen Medien, da finden sich recht gut Familien in der Nähe. Meistens lernen wir aber ständig ganz old school Menschen kennen: Spielplatz, Bücherei, Bach. Nachmittags ist durchaus mehr los, als morgens, wenn man nicht gezielt Treffen mit Kigafreien Familien ausmachen mag. Lieben Gruß

  3. Meine Tochter geht in einen Freien Aktiven Kindergarten. Dort hat sie größtmögliche Freiheiten, kein „Termin“, keines der Angebote ist verpflichtend. Sie könnte sich fast den ganzen Tag draußen aufhalten – oder andere Dinge frei entscheiden. Die Eingewöhnung war mit 4 Wochen auch sehr gut für sie. Denn auch mit 3 Jahren benötigte sie einfach noch viel Zeit, um Vertrauen zu fassen. Das freie, interessengesteuerte Lernen wird dort wie bei euch praktiziert. Dadurch kannte mein Kind mit 4 Jahren z. B. schon alle Buchstaben. Weil es sie interessiert hat und ihr niemand die Antworten verwehrt hat bzw. jemand ihr Arbeitsmaterial an die Hand gegeben hat

    Denkst du über eine freie Schule nach, als Alternative zum schulfreien Lernen?

  4. Bei uns ist es ähnlich. Mir fällt es allerdings sehr schwer den Alltag so frei zu leben, denn meine Kinder wollen meist lieber andere Dinge unternehmen/machen als ich. Ich sehe es als Herausforderung für meine perslöchkeits Entwicklung an. Meinen großen habe ich ab drei in einem Natur Kindergarten angemeldet, und er darf jeden Morgen frei entscheiden ob er hinwill oder lieber zuhause bleiben will. Das ist für meine Kinder so sehr schön.

  5. Sehr schön geschrieben und bis auf dass meine Tochter noch jünger ist, sieht es bei uns ähnlich aus.
    Ich bin ja ehrlich gesagt innerlich schon in Abwehrhaltung gegangen, als ich “Strukturen“ gelesen habe, weil ich diesen Waldorf-Ansatz mit starren (!) Abläufen total schrecklich finde und gerade unsere Freiheit so genieße, aber genauso schreibst du es ja auch 😊 Gewisse Strukturen ergeben sich automatosch, da hast du Recht.
    Ich bin wirklich gespannt, wie ihr das mit der Schule für euch löst, wir sind nämlich momentan echt ratlos…

    • Halle Franzi, starre Abläufe kann ich auch nicht gut haben, was sich im Alltag ergibt, fühlt sich oft selbst gar nicht so strukturiert an, wie es vielleicht ist. Das Schulthema wird noch wirklich.. nennen wir es.. spannend. Wir tendieren aktuell zur Montessori Schule, sind uns aber noch unschlüssig. Nicht einfach. Grüße, Fiona

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Fiona Lewald ist Mutter von zwei Töchtern. Auf Unverbogen Kind Sein schreibt sie seit 2017 über  die Chancen eines Bindungsorientierten Familienlebens und den Versuch, Erziehung zu überwinden.
 

„Ich schreibe für ein Familienleben, in dem Miteinander mehr zählt als Gehorsam, und die Bedürfnisse  jedes Einzelnen wichtig sind. So helfen wir unseren Kindern heute, ihren Platz als Erwachsene zu finden, SO WIE SIE SIND – Statt sie zu verbiegen.“

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