Kindergartenfrei im Alltag

Beitrag: Kindergartenfrei im Alltag

Manchmal werde ich gefragt, wie Kindergartenfrei im Alltag funktioniert; was wir so den ganzen Tag tun? Ob Zeit bleiben würde OHNE einander? Oft schwingen darin Befürchtungen mit, dass wir unserem Kind ohne Kindergarten nicht genug Kontakte, Freizeitangebote bis hin zu Förderung bieten könnten, oder ihr ein geregelter Tagesablauf fehlt. Andere glauben, wer sein Kind nicht in den Kindergarten schickt, könne nicht loslassen.

Vor einer Weile habe ich euch bereits von unseren Gründen gegen Kindergartenbetreuung erzählt, und die gängigen Vorurteile und Befürchtungen habe ich HIER unter die Lupe genommen. Heute nehme ich euch mit durch unseren kindergartenfreien Alltag.

(Kein) Geregelter Tagesablauf ohne Kindergarten

Dadurch, dass ich mit meiner Tochter zuhause bin, sind wir natürlich freier in unserer Tagesgestaltung als Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind, und das Kind in den Kindergarten oder schon in die Schule geht. Ja, ich genieße diese Freiheit. Es ist aber nicht so, dass meine Tochter keine Strukturen und geregelte Abläufe kennenlernt.

Je älter sie wird, desto mehr merke ich, dass sie Strukturen wahrnehmen und mitbestimmen (!) will. Was als Nächstes passiert, ist für sie zB. ein ständiges Thema. Im Alltag etablieren sich so automatisch Rhythmen. Mit Rhythmen fühlen sich die meisten Menschen, und Kinder eben besonders, wohl, denn sie lernen abzuschätzen, was wann passiert. Wichtig für uns finde ich, dass diese Rhythmen nicht starr und ungemütlich sind, sondern Spielraum für Veränderungen lassen, wenn sie nicht mehr zu uns passen.

Lies auch das: Bindungsorientierung und Rituale – Wie kann das zusammen passen?

Im Alltag haben wir also, genauso wie Familien, deren Kinder in Betreuung gehen, eingespielte Eckpfeiler, an denen mein Kind sich so wie Kindergartenkinder auch orientiert.

Mein Mann steht morgens immer ungefähr zur gleichen Zeit auf und Nana ebenfalls. Durch die relativ gleiche Aufstehzeit, coreguliert sich auch die Schlafenszeit ganz gut.

Morgens gehört Nana eine Stunde Papazeit, bis der sich für die Arbeit fertig macht.

Wenn Papa nach dem Frühstück fährt, kümmere ich mich erstmal um den Haushalt. Das hat sich vormittags ziemlich fest etabliert, außer wir planen besondere Ausflüge.

Ich binde meine Tochter von Anfang an ins Aufräumen ein. Kleinerer Aufgaben übernimmt sie gerne. Immer öfter kommt es mittlerweile vor, dass sie auch mal gar nicht so große Lust hat zu helfen. Dann spielt sie lieber oder schaut ein bisschen Fernsehen.

Ich versuche, den Haushalt immer relativ straight durchzuziehen. An manchen Tagen klappt das nicht so gut, dann möchte Nana viel Aufmerksamkeit, sobald Papa weg ist, will lieber mit mir spielen. Ich habe festgestellt, dass ich an solchen Tagen am besten einen längeren Slot für den Haushalt freischaufeln kann, wenn ich vorher erst eine halbe Stunde mindestens intensiv mit ihr spiele, ihren Aufmerksamkeitstank also fülle.

Ist das Bedürfnis meiner Tochter gestillt, ist sie eher bereit sich alleine zu beschäftigen.

Vormittags kochen wir für den Abend gerne vor. Mittags snacken wir eine Zwischenmahlzeit. Beim Kochen hilft Nana immer mit. Nudeln kochen kann sie quasi alleine, und auch bei anderen Gerichten, weiß sie was zu tun ist. Damit hat Nana mit Drei schon mehr Ahnung vom Kochen als ich mit Vierzehn, möchte ich an dieser Stelle behaupten.

Ab Mittags gestalten wir unseren Tag flexibel, gehen raus, bleiben je nach Wetterlage auch mal drin. Wir gehen Einkaufen. Spielen. Basteln. Sammeln Steine oder machen Gartenarbeit. Am liebsten sind wir auf Spielplätzen, in der Kleingartenanlage, am Ententeich und im Wald, der fußläufig von uns erreichbar ist. Was wir machen, besprechen wir gemeinsam. Ich frage Nana, worauf sie Lust hat oder mache immer mal Vorschläge.

Trotz kindergartenfrei: Alleine sind wir selten. Die meisten Tage verbringen wir mit Freunden.

Kindergartenfrei im Alltag unter Kindern: Nana mit E. auf dem Spielplatz

Abends leite ich Zähneputzen und ggf. Umziehen ein. Nana geht selbstbestimmt schlafen, das heißt, sie sagt Bescheid, wenn sie ins Bett will. Nur manchmal, wenn ich merke, dass sie drüber ist, lenke ich auf ruhiges Spielen im Bett um. Länger als 21:00 Uhr bleibt sie aber eigentlich nur wach, wenn sie auf Papa warten will.

Wie ihr seht, haben wir auch ohne Kindergarten einen weitgehend geregelten Tagesablauf. Der Unterschied: Wir sind flexibler, ungebundener.

Manchmal beobachtete Nana die Kinder bei uns ums Eck im Kindergarten und wundert sich, warum sie „immer“ da sind. Vor Kurzem fragte ich sie, ob sie auch in den Kindergarten will. Nana verneinte sofort und sagte, sie „will gar nicht immer am selben Ort sein.“

*(Anmerkung: Wir hatten einen Tag vorher eine Zusage von diesem Kindergarten bekommen, für den wir sie als Baby angemeldet hatten. Hätte sie gewollt, wäre es also möglich gewesen!)

Diese kleine Anekdote zeigt, finde ich, sehr schön, wie unser Kind Kindergartenfrei im Alltag wahrnimmt. Wir sind nicht an EINEN Ort gebunden, sondern können, wann WIR WOLLEN, zum Spielen woanders hingehen. Nichtsdestotrotz haben wir aber einen ziemlich gewöhnlichen Alltag, der sich wie bei allen Kindern deutlich von besonderen Tagen unterscheidet. Hier sind das zB. die Tage, an denen ihr Papa frei hat. Dann machen wir Ausflüge und meistens fällt aus Gemütlichkeit der vormittägliche Haushaltsslot weg. Manchmal übernachten wir bei Freunden. Und manchmal macht Nana Kurzurlaub bei den Großeltern.

Ja, mein Kind hat Freunde!

Eine der größten Sorgen von kindergartenfrei Kritikern sind die Sozialkontakte. Klar – eine tägliche Spielgruppe von zwanzig Kindern oder mehr kann ich Nana nicht bieten. Das wollen wir aber auch gar nicht. Für mein hochsensibeles Kind wäre das auch unglaublich anstrengend. Die Frage, ob sie zum Kinderturnen mit anderen Kindern will verneint sie beständig, auch der erwähnte Kindergarten ist ihr viel zu voll. Sie schaut zwar, aber erwägt nicht mal die Möglichkeit, auf diesem Spielplatz mit spielen zu wollen. Noch vor einem halben Jahr hat meine Tochter am liebsten überhaupt keine anderen Kinder um sich gehabt, dann fing sie langsam von sich aus an, Kontakte zu knüpfen.

Nana hat drei Freunde, die sie auch selber so bezeichnet und regelmäßig trifft. Zwei davon sieht sie fast jeden Tag. Nicht nur die Kinder, auch die Eltern sind meiner Tochter ans Herz gewachsen. Und umgekehrt. Das ist das Schöne an diesen Freundschaften, die gerade NICHT im Kindergarten entstehen, finde ich: Sie betreffen von Anfang an nicht nur die Kinder unter sich. Im vergangenen Jahr haben wir uns wöchentlich mit einer Gruppe kindergartenfreier Familien aus der Umgebung getroffen. Das hat sich über den Winter nun leider verlaufen, aber wir hoffen natürlich auf eine baldige Reunion.

Und ich bin guter Dinge, dass dieses Jahr noch ein paar neue Kontakte mit sich bringen wird.

Erfahre alles über unseren Familienclan, Nanas beste Freunde und den Alltag mit drei Kindern ZUM BEITRAG

Im Alltag ist Nana also unter Kindern und Erwachsenen gleichermaßen. Sie ist ausgelastet und glücklich, was natürlich nicht heißt, dass es keine Kinder gibt, die MEHR brauchen und denen ein Kindergarten sogar guttut. Für uns passt es aber, so wie es ist.

Kindergartenfrei im Alltag Nana und ihr bester Freund E. auf Schatzssuche
Beste Freunde, fast wie Geschwister: Nana und E. Beide kindergartenfrei.
Kindergartenfrei im Alltag: Was tun mit der FREIEN Zeit? Vom Spielen und freien Lernen

Kann ich meinem selbstbetreuten Kind ein Tagesprogramm bieten, dass ihr gerecht wird?

Ich lese oft von Eltern, dass sie ihrem Kind ja gar nicht genug Aktivitäten bieten könnten, so wie es ein Kindergarten kann. Nana binde ich in einen ganz normalen Alltag ein. Putzen und Kochen zum Beispiel. Ansonsten richte ich mich nach ihren Interessen: Wir haben Material da zum Buchstaben und Zahlen lernen, basteln viel und gehen raus in den Wald. Wir sprechen über Bäume, bohren Kastanien auf, um zu sehen, was darin ist und die gängigsten Kinderlieder kann sie auch schon alle auswendig. Eine Zeit lang fand Nana Verkehrsschilder spannend, also habe ich ihr im Vorbeigehen jedes erklärt, dass wir sahen. Im Garten lernt sie wie Pflanzen wachsen, und welches Gemüse wir wann ernten können. Fasziniert fragte Nana mich einmal, wie Magnete funktionieren, als redeten wir über Magnetismus. Und wie Autos gebaut werden, haben wir uns im Internet angeschaut. Wir lesen Bücher, bauen mit Lego, spielen Verstecken, und unser Palettenbett eignet sich ideal zum Turnen. Den Hampelmann üben wir, und der Opa zeigt ihr Yoga.

Was wir machen, nennt sich freies Lernen. Wir geben unserem Kind nicht vor, was es wann lernen MUSS, sondern greifen IHRE Interessen auf und geben ihr dazu Impulse.

Ich liebe diese Art zu Lernen und mein Kind darin, aufgehen zu sehen.

Und ja, ich könnte mir ein schulfreies Leben sehr gut für uns vorstellen, wäre da nicht die deutsche Schulpflicht und (leider) zu viele Faktoren, die uns aktuell in Deutschland halten. Aber: Time will tell.

Ich glaube nicht, dass meine Tochter das Gefühl hat, dass ihr etwas fehlt. Sie kann frei spielen, wenn sie frei spielen will. Experimentieren und angeleitet Lernen, wenn sie das will. Kindergartenfrei im Alltag ist unkompliziert. Wir gestalten jeden Tag, wie er kommt. Frei. Zusammen. Ich denke, es kommt, wie immer, NATÜRLICH auch auf die Bereitschaft der Eltern an, 24/7 wenn nötig Impulsgeber und Lernbegleiter, Spielkamerad und Rollenspielpartner zu sein. Ich mache das gerne. Ich wollte das ja immer so haben.

Aber: 24/7 da zu sein, ist bei uns ja auch gar nicht die Realität.

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Kindergartenfrei im Alltag Zitat
Zeit ohneeinander – Wertvoll für Eltern und Kind

Dass meine Tochter kindergartenfrei aufwächst, legt von außen betrachtet die Vermutung nahe, ich könnte nicht loslassen, oder sie nicht mich. Tatsächlich bin ich gar kein Verfechter davon jede Minute aufeinanderzuhängen. Vor allem wer mir bei Twitter oder Instagram folgt, weiß: Meine Tochter ist regelmäßig bei ihren Großeltern. Auch über Nacht. Ich habe keine Schwierigkeiten damit, mein Kind nicht bei mir zu haben, WENN ich weiß, dass sie gut aufgehoben ist. Für mich ist ein Kindergarten aber einfach nicht der Ort der Wahl. Wenn Familienclan Papa Julien da ist, schnappt er sich auch die drei Kinder und geht mit ihnen raus. Auf Spielplätzen verschwindet er mit den Kids manchmal im angrenzenden Park, und dann sitze ich da, gemütlich auf einer Parkbank, quatsche und sehe und höre von Nana die nächsten zwei Stunden erstmal gar nichts. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass sie bei ihren Freunden alleine übernachtet. Jedenfalls müsste ich keine Minute drüber nachdenken, würde sie den Wunsch äußern.

Wer will schon immer Mama am Rockzipfel hängen haben?

Wir klammern nicht. Ich glaube, für ein kindergartenfreies Kind hat Nana sogar tatsächlich sehr viel Freiraum. Und ich habe auch ziemlich viel Zeit für mich, denke ich, auch wenn mir das selber natürlich nie so vorkommt. Aber ehrlich: Mich schaudert es manchmal vor Bedauerung, wenn ich davon lese, wie Eltern ihren ersten kindfreien Abend nach Jahren (!) feiern. DAS könnte ICH mir tatsächlich genauso wenig vorstellen, wie andere Eltern sich nicht vorstellen können, ihr Kind nicht in den Kindergarten zu geben.

So ist das eben mit den unterschiedlichen Lebensweisen.

Ich schätze die kindfreie Zeit, die wir regelmäßig haben, total. Nana genießt die Exklusivzeit bei Oma und Opa und die Abwechslung. Und ich tanke Kraft für die Tage, an denen ich funktionieren muss. Die freie Zeit für mich finde ich einen wichtigen Ausgleich zum kindergartenfreien Alltag, in dem ich für mein Kind da bin.

Kindergartenfrei im Alltag ist bunt und bereichernd. Wir sind ungebunden, können uns mit dem beschäftigen, was wir und unser Kind für gut befinden, können lassen, was wir nicht mögen, Rituale einführen oder einfach wieder über Bord werfen, und uns mit den Leuten umgeben, die uns guttun. Das heißt nicht, dass wir keine Strukturen haben, ungeplant in den Tag hineinleben und jede Minute sieben Tage die Woche aufeinanderhängen. Es heißt nicht, dass wir isoliert sind, Nichtmal, dass wir anders sind. Ich selber bin nicht im Kindergarten gewesen und habe nie das Gefühl gehabt, etwas zu verpassen. Ich hoffe, nein ich bin mir ziemlich sicher, meinem Kind geht es genauso.

Kindergartenfrei im Alltag Einblicke in den Tagesablauf einer kindergartenfreien Familie

Erzählt mir aus eurem Alltag. Lebt ihr mit oder ohne Kindergartenbetreuung? Ich bin gespannt, wie es euch damit geht. Xx Fiona

3 Kommentare

  • Lisa

    Bei uns ist es ähnlich. Mir fällt es allerdings sehr schwer den Alltag so frei zu leben, denn meine Kinder wollen meist lieber andere Dinge unternehmen/machen als ich. Ich sehe es als Herausforderung für meine perslöchkeits Entwicklung an. Meinen großen habe ich ab drei in einem Natur Kindergarten angemeldet, und er darf jeden Morgen frei entscheiden ob er hinwill oder lieber zuhause bleiben will. Das ist für meine Kinder so sehr schön.

  • Franzi

    Sehr schön geschrieben und bis auf dass meine Tochter noch jünger ist, sieht es bei uns ähnlich aus.
    Ich bin ja ehrlich gesagt innerlich schon in Abwehrhaltung gegangen, als ich “Strukturen“ gelesen habe, weil ich diesen Waldorf-Ansatz mit starren (!) Abläufen total schrecklich finde und gerade unsere Freiheit so genieße, aber genauso schreibst du es ja auch 😊 Gewisse Strukturen ergeben sich automatosch, da hast du Recht.
    Ich bin wirklich gespannt, wie ihr das mit der Schule für euch löst, wir sind nämlich momentan echt ratlos…

    • Halle Franzi, starre Abläufe kann ich auch nicht gut haben, was sich im Alltag ergibt, fühlt sich oft selbst gar nicht so strukturiert an, wie es vielleicht ist. Das Schulthema wird noch wirklich.. nennen wir es.. spannend. Wir tendieren aktuell zur Montessori Schule, sind uns aber noch unschlüssig. Nicht einfach. Grüße, Fiona

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